FRANKFURT (dpa-AFX) - Der zu Jahresbeginn rekordhohe Dax steht in der neuen Woche vor der nächsten Belastungsprobe. Die Augen der Anleger richten sich wohl vor allem auf die beginnende Saison der Quartalsberichte, die am Mittwoch bevorstehende Machtübergabe in Washington und die Lockdowns. Über das weitere Vorgehen will Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten der Länder schon in den kommenden Tagen und nicht erst wie ursprünglich geplant am 25. Januar beraten.

Anlagestratege Chris-Oliver Schickentanz von der Commerzbank befürchtet, dass sich die Anleger vorerst wieder stärker auf das Infektionsgeschehen konzentrieren, jetzt wo ein neues billionenschweres Hilfsprogramm "als Antrittsgeschenk des designierten US-Präsidenten Joe Biden an Konturen gewinnt" und damit bekannt sei. Er sieht eine wachsende Gefahr, dass die Kauflaune der Anleger wegen Virus-Mutationen und immer intensiveren Mobilitätseinschränkungen nachlässt.

"Schon jetzt wird in Deutschland über eine Verschärfung der bis Ende Januar laufenden Restriktionen diskutiert, während eine nochmalige Verlängerung wohl nur noch reine Formsache sein dürfte", sagte Jochen Stanzl vom Broker CMC Markets. Auch wenn die Börse derzeit noch über die Einschränkungen hinweg nach vorn schaue, glaubt Stanzl, dass sich das Kursgeschehen davon nicht ganz abkoppeln kann. Die Rekordrally wäre dann wohl vorerst Geschichte.

Mit dem erstmaligen Anstieg über 14 100 Punkte hatten die Anleger in der ersten Januarwoche ihr Pulver verschossen. Zuletzt pendelte der Dax zwischen 13 800 und 14 000 Punkten, weitere Rücksetzer werden nicht ausgeschlossen. Die Chartexperten von Index-Radar sprechen gleichwohl von normalen Schwankungen im Aufwärtstrend. "Neue Hochs bleiben auf längere Sicht weiterhin wahrscheinlich", heißt es perspektivisch von Analyst Andreas Büchler. In einer Konsolidierung sieht er den Dax spätestens bei 13 500 Punkten abgesichert.

In der neuen Woche wird es frische Impulse von den tonangebenden US-Börsen erst am Dienstag geben: Am Montag ruht der Handel in New York am "Martin Luther King Day". Die Blicke werden zu Wochenbeginn stattdessen wohl auf Wirtschaftszahlen aus China gerichtet, das derzeit als wichtige Stütze für die deutschen Exporte gilt. Commerzbank-Experte Schickentanz hält es für möglich, dass das chinesische Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal rund sechs Prozent zugelegt hat.

Ab Dienstag läuft dann in den USA die Berichtssaison weiter an mit Unternehmenszahlen vor allem aus dem Bankensektor und später dann auch von Technologiewerten wie Intel oder IBM . Marktexperte Robert Halver von der Baader Bank erwartet durchaus positive Impulse, auch wenn es diese am Freitag nach den ersten Berichten der US-Banken JPMorgan und Citigroup zunächst nicht gab. Laut Halver könnten Jahresausblicke in den Mittelpunkt rücken, die auf Konjunkturverbesserungen abzielen.

Wenn am Mittwoch US-Präsident von Donald Trump sein Amt abgeben muss, droht der Staffelstab nicht reibungslos übergeben zu werden. Nach den jüngsten Krawallen am und im Kapitol warnt die US-Bundespolizei FBI vor potenziellen Gewaltakten rund um die Vereidigung von Joe Biden, der ein neues Hilfspaket im Umfang von 1,9 Billionen Dollar schnüren will. Thomas Gitzel von der VP Bank glaubt, dass die Ausgangssituation dafür wegen der Machtverhältnisse vor allem im Senat keine einfache ist - trotz einer mittlerweile knappen Mehrheit für die Demokraten.

Am Donnerstag entscheidet die EZB außerdem über ihre Zinspolitik. Paul Diggle von Aberdeen Standard Investments erwartet keine politischen Entscheidungen und stattdessen eher Aussagen zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der erneuten Lockdowns und des Brexit-Deals. "Die Investoren werden hören wollen, wie die EZB vorgehen wird, wenn sich die Bedingungen weiter verschlechtern, und sie werden nervös werden, wenn die EZB über einen möglichen Entzug der Unterstützung sprechen sollte", so Diggle.

Was die internationale Geldpolitik betrifft, glaubt Marktexperte Robert Halver von der Baader Bank ohnehin nicht daran, dass die zuletzt gestiegenen Marktzinsen ein Niveau erreichen, das den Aktienmärkten ihr langjähriges Argument der Alternativlosigkeit nimmt. "Nein, denn die Notenbanken wissen, dass der Finanzwelt ohne ihre zinsdrückende Funktion im Extremfall die ultimative Schuldenkrise droht", argumentiert Halver.

Abgerundet wird die Agenda zu Wochenschluss von Einkaufsmanagerdaten aus der Eurozone, die als wichtiges Stimmungsbarometer in den Führungsetagen der Unternehmen gelten. Auf Unternehmensseite sind die Aktien von PSA und Fiat Chrysler am Montag Geschichte, dann formen die Autokonzerne unter dem Namen Stellantis einen neuen Giganten mit 14 Marken./tih/bek/he/edh

- Von Timo Hausdorf, dpa-AFX -