Nürnberg (dpa) - Der erste Lichtschein am Ende des Tunnels ist schon zu sehen, doch der Weg ist noch lang: Auf dem deutschen Arbeitsmarkt geht es aufwärts, wenngleich es bis zu dem Niveau, das vor der Corona-Krise erreicht worden war, noch weit ist.

Erst 2024 oder 2025, so schätzt der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, könnte es soweit sein. Derzeit sind nach seiner Darstellung noch 450.000 Menschen in Deutschland pandemiebedingt ohne Job. In der Spitze waren es im vergangenen Jahr rund 650.000, noch im April rund 500.000.

Folgen der Corona-Krise «kleiner»

«Im Mai zeigen sich erste Anzeichen für eine umfassende Besserung am Arbeitsmarkt», sagte Scheele am Dienstag in Nürnberg. «Die Folgen der Corona-Krise sind zwar immer noch sehr deutlich sichtbar, werden aber etwas kleiner», betonte er. Auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sieht Grund zur Zuversicht. Die Bundesregierung kämpfe mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln um die Stabilität auf dem Arbeitsmarkt.

Dank einer Fortsetzung der Frühjahrsbelebung ist die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland im Mai auf 2,687 Millionen gesunken. Das sind 84.000 weniger als im Vormonat April und 126.000 weniger als im Mai 2020. Der Vergleichsmonat Mai 2020 gilt als einer der am stärksten von der Corona-Problematik betroffenen Monate.

Die Arbeitslosenquote sank im Mai 2021 im Vergleich zum April um 0,1 Punkte auf 5,9 Prozent, im Vergleich zum Mai 2020 um 0,2 Punkte. Ohne den Corona-Effekt läge sie nach Scheeles Worten bei 4,9 Prozent - exakt das Niveau vom Mai 2019. Auch bei der Zahl der offenen Stellen gibt es Lichtblicke. Im Mai waren der Bundesagentur 654.000 offene Stellen gemeldet worden, 70.000 mehr als vor einem Jahr. Allerdings liegt die Zahl noch niedriger als im März 2020 - dem letzten Monat vor dem ersten Corona-Lockdown. Für die Mai-Statistik waren Daten bis zum 12. des Monats gesammelt worden.

Kurzarbeit geht zurück

Die coronabedingte Kurzarbeit geht den Angaben der Bundesagentur zufolge deutlich zurück. Zwischen dem 1. und 26. Mai hätten Betriebe nur noch für 96.000 Menschen Kurzarbeit angemeldet. Wirklich in Anspruch genommen wird Kurzarbeit erfahrungsgemäß weniger als vorsorglich angemeldet.

Tatsächlich gezahlt worden sei Kurzarbeitergeld im Monat März 2021 für 2,61 Millionen Menschen - die Hälfte davon in den Branchen Gastronomie, Einzelhandel und personennahe Dienstleistungen. Damit sei die Zahl im März erstmals seit November 2020 - als es zu einem erneuten Corona-Lockdown gekommen war - wieder gesunken, und zwar deutlich um 663.000. «Wir trauen uns zu prognostizieren, dass es weiter sinkt und wir wieder unter die Zwei-Millionen-Grenze kommen», sagte Scheele. In der Spitze hatten im April 2020 fast sechs Millionen Menschen in Deutschland Kurzarbeitergeld in Anspruch genommen.

Wie anfällig der Arbeitsmarkt aber noch immer ist, sehen die Nürnberger Arbeitsmarkt-Experten auch an einem neuen Phänomen: Gegen jede konjunkturelle Logik kommen Anzeigen für Kurzarbeit derzeit auch aus der eigentlich boomenden Baubranche. Dort haben die ersten Menschen nichts zu tun, weil der Weltmarkt notwendige Rohstoffe wie Bauholz nicht in ausreichender Menge liefert. «Der Arbeitsmarkt ist noch nicht über dem Berg», sagte Scheele auch mit Blick auf solche Erscheinungen.

Alte Probleme rücken wieder in den Fokus

Die Transformationsprozesse in der Industrie, der anhaltende Fachkräftemangel, die Probleme auf dem Ausbildungsmarkt und mit der Langzeitarbeitslosigkeit - all das wird nach Ansicht von Scheele in den nächsten Monaten wieder stärker in den Vordergrund rücken, wenn die pure Corona-Problematik allmählich nachlassen wird. So müssten etwa die Möglichkeiten zur Weiterqualifizierung nur angelernten Personals hin zu Facharbeitern stärker ergriffen werden, wolle man die Zahl von deutlich über einer Million Langzeitarbeitslosen mittelfristig wieder drücken. Immerhin: Die Zahl ist im Mai nicht mehr weiter gestiegen.

Bei der Ausbildung besteht nach wie vor das Problem, dass die jungen Leute und die Anbieter von Lehrstellen nicht ausreichend gut zueinander finden. Mit einer regionalisierten Internetplattform will die Bundesagentur hier nun Abhilfe schaffen. Derzeit seien 447.000 Lehrstellen gemeldet, aber nur 366.000 junge Leute suchten einen Ausbildungsplatz. «Wer zu uns kommt, dem können wir ein Angebot machen», sagte Scheele.

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