Ist die erneut stramme Zinserhöhung um 75 Basispunkte durch die Fed ein gutes Signal für uns Aktien-Anleger? Die Meinungen der von uns befragten Top-Börsianer gehen auseinander. Vier Standpunkte!

Wir fragten bei Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt von Netfonds, Stefan Klotter, Charttechnik-Experte und Boss unseres Börsenbriefes "Fast Break", Peter Thilo Hasler, Gründer und Analyst von Sphene Capital, und Marktexperte Mike Seidl von unserem Börsendienst "America‘s Most Wanted" nach.

Mike Seidl, dessen aktuelle "America’s Most Wanted"-Ausgabe "FINGER WEG! Von diesen Charts!" Sie hier kostenlos (!) downloaden können, gehört an dieser Stelle zu den Optimisten unter den Anlegern:

"Die US-Notenbank Fed hat gestern mit der Zinsanhebung um weitere 75 Basispunkte geliefert. Die Reaktion des Marktes waren Kursgewinne auf breiter Front. Stützend dürfte auch die Aussicht auf eine Verlangsamung der Straffungszyklen sein. Kurzum, wenn der Plan der Fed aufgeht, die Inflation den Peak gesehen hat und es keine Rezession in den USA gibt, stehen die Chancen für positive Kursentwicklungen bei den Aktien für den Rest des Jahres deutlich besser als im ersten Halbjahr", macht Seidl Mut.

Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt von Netfonds, kritisiert oft scharf die geldpolitischen Entscheidungen von Zentralbankern. Dieses Mal gesteht er den Strategen der Fed eine gewisse Flexibilität und Sachlichkeit zu: "Die vorherige Vollmundigkeit des Offenmarktausschusses bei der Bewertung der US-Konjunkturlage ist einer nüchterneren Betrachtung der aktuellen und potenziellen Wirtschaftslage gewichen. Damit wird die zukünftige US-Zinspolitik stärker von der Entwicklung der Konjunkturlage hinsichtlich der Amplitude der Zinsschritte beeinflusst.

Weitere Zinsschritte werden folgen, aber die Wahrscheinlichkeit nimmt zu, dass zukünftige Schritte kleiner ausfallen werden. Die Schuldenstände der US-Unternehmen und der privaten US-Haushalte, die beide gerade historische Höchstmarken erklommen, sind Bremskräfte bezüglich einer überbordenden US-Zinserhöhungspolitik. Die Verflachung der Zinskurve spiegelt die kritische Haltung des Finanzmarkts hinsichtlich der weiteren US-Konjunkturlage. So stellt sich die Differenz zwischen Leitzins (2,375 Prozent) und der Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe (2,79 Prozent) nun auf nur noch circa 0,42 Prozent nach zuvor 1,17 Prozent", rechnet Top-Ökonom Hellmeyer vor.

Die andere Seite der Medaille, bei der die Fed-Falken den Börsen zu sehr zusetzen könnten, hat Peter Thilo Hasler, Gründer und Analyst von Sphene Capital, im Blick: "Die Fed hat nun in vier aufeinanderfolgenden Sitzungen die Zinsen angehoben. Ein Zins, bei dem höhere Kreditkosten zwar die Inflation senken, ohne dass Arbeitgeber gezwungen sind, Mitarbeiter zu entlassen, wurde damit aber immer noch nicht erreicht. Der Ukraine-Krieg dauert an, die heimische Nachfrage boomt unverdrossen und die Arbeitslosenquote verharrt auf niedrigem Niveau. Weitere deutliche Zinsschritte werden folgen, bis es irgendwann auch mal der Wirtschaft – und der Börse – weh tut", meint Peter Thilo Hasler.



Stefan Klotter, Charttechnik-Experte und Chefredakteur unseres Börsenbriefes "Fast Break" (Hier kostenlos downloaden!), weist auf die Zeit nach November hin. Dann hätte der (geld-)politische Mummenschanz ein Ende:

"Das Lavieren geht in die nächste Runde. Schließlich sind die Midterms noch einige Wochen entfernt und bis dahin muss die FED die Dose noch weiter die Straße entlang befördern. Wäre Powell ernsthaft an einer Eindämmung der Inflation gelegen, würden die Zinsschritte weit höher ausfallen. Dolch solch drastische Maßnahmen würden eine Rezession befeuern. Powell weiß auch, dass er eine Rezession benötigt, um die Inflation auf die gewünschten zwei Prozent zu drücken, nur darf er es sich nicht mit der Politik verscherzen. Und so werden bis zu den Wahlen im November weiter blumige Worte gestreut und Absichtserklärungen abgegeben. Erst im Anschluss mutieren die Falken zu Hyänen."

Text: Christoph Morisse, wallstreet:online Zentralredaktion


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