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Krise bei Thyssenkrupp: Wachsende Angst vor Zerschlagung

17:07 Uhr 17.07.2018
Ulrich Lehner
Mit dem Abgang des Aufsichtsratsvorsitzenden Ulrich Lehner zum Monatsende ist die Führungskrise bei Thyssenkrupp perfekt. Foto: Rolf Vennenbernd/Archiv

Essen/Frankfurt (dpa) - Thyssenkrupp in der Zerreißprobe: Während bei den Beschäftigten des Traditionskonzerns wegen der anhaltenden Führungskrise die Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen wächst, beharrt der schwedische Großaktionär Cevian auf einem Umbau des kriselnden Unternehmens.

«Um in Zukunft dauerhaft erfolgreich zu sein, müssen die Geschäftssparten von Thyssenkrupp fokussiert, unternehmerisch und effizient aufgestellt werden», verlangte Cevian-Gründer Lars Förberg. Die Börse reagierte auf die sich zuspitzende Krise mit einem Kurssprung.

Cevian ist mit einem Anteil von 18 Prozent nach der Krupp-Stiftung zweitgrößter Aktionär von Thyssenkrupp. Deren Chefin Ursula Gather versicherte erneut, die Stiftung werde den Auftrag, «die Einheit des Unternehmens möglichst zu wahren, auch weiterhin verantwortlich wahrnehmen». Die Stiftung hält noch 21 Prozent des Kapitals von Thyssenkrupp. Ihr Anteil war in den vergangenen Jahren immer weiter gesunken.

Gather will nicht Nachfolgerin von Ulrich Lehner an der Spitze des Aufsichtsrats werden. Lehner hatte am Montagabend seinen Rückzug von diesem Amt für Ende des Monats angekündigt. Dadurch verschärfte sich die Führungskrise bei Thyssenkrupp noch einmal. Zuvor hatte bereits Vorstandschef Heinrich Hiesinger das Handtuch geworfen. Zuletzt war die nach dem Tod des Krupp-Patriarchen Berthold Beitz angetretene Stiftungschefin Gather ins Zentrum der Kritik geraten. Beschäftigte warfen ihr mangelnde Rückendeckung für die Konzernspitze im Konflikt mit den einflussreichen Investoren vor.

Die IG Metall äußerte sich kritisch zu den Rücktritten. «Manager können wegrennen. Unsere Leute in den Werken und Verwaltungen können das nicht», sagte der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Markus Grolms (IG Metall) der «WAZ» (Mittwochausgabe). Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Wilhelm Segerath forderte: «Es darf nicht zu einer Zerschlagung kommen.» Die Arbeitnehmervertreter wollten «gemeinsam mit der Stiftung und allen Aktionären versuchen, das Unternehmen zu erhalten».

Das Thyssenkrupp-Management war von Anteilseignern wie Cevian und dem US-Hedgefonds Elliott mit der Forderung nach einem drastischen Konzernumbau unter Druck gesetzt worden. Chefaufseher Lehner hatte seinen Rückzug daraufhin mit mangelndem Vertrauen der großen Aktionäre begründet.

Cevian-Gründer Förberg erneuerte am Dienstag seine Forderungen. Thyssenkrupp müsse herunter «von unverhältnismäßig hohen Kosten und Bürokratie». Nur so könnten die Sparten «nachhaltig erfolgreich sein». Als langfristig ausgerichteter Großinvestor wolle Cevian Thyssenkrupp beim Erreichen dieser Ziele unterstützen. Das sei im Interesse aller am Unternehmen beteiligten Gruppen.

Über die Nachfolge für Lehner solle «kurzfristig» entschieden werden, hatte Thyssenkrupp betont. Beobachter gehen davon aus, dass der neue Aufsichtsratsvorsitzende aus den Reihen des bestehenden Kontrollgremiums kommen dürfte, weil ein neues Mitglied erst in einem zeitaufwendigen Prozess gerichtlich bestellt werden müsste.

An der Börse machte sich derweil Vorfreude vor einer möglichen Zerschlagung von Thyssenkrupp breit. Die Aktie schnellte am Dienstag zunächst an die Dax-Spitze, zeitweise legte sie um mehr als 8 Prozent zu. Ein Händler mutmaßte, dass allein die Aufzugsparte mehr wert sei als der gesamte aktuelle Börsenwert von Thyssenkrupp. Derzeit beträgt dieser etwas mehr als 13 Milliarden Euro.

Der Rücktritt Lehners sei Wasser auf die Mühlen derer, die unter einer neuen Führung auf mehr Offenheit gegenüber Anteilsverkäufen setzen, schrieb Commerzbank-Analyst Ingo-Martin Schachel. Er verwies darauf, dass Lehner die vielgliedrige Konzernstruktur bis zuletzt verteidigte, während Großaktionäre wie die Finanzinvestoren Cevian oder Elliott auf eine Aufspaltung dringen. Cevian verwaltet für internationale Anleger derzeit ein Vermögen von rund 13 Milliarden Euro. Die schwedische Gesellschaft hält inzwischen gut 18 Prozent der Thyssenkrupp-Anteile und ist nach der Stiftung zweitgrößter Aktionär.

Da mit Lehner ein langjähriger Unterstützer Hiesingers gehe, dürften die «aktivistischen» Investoren aus dem derzeitigen Machtvakuum wohl siegreich hervorgehen, glaubt Branchenexperte Analyst Seth Rosenfeld.

Presseseite Thyssenkrupp

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