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Türkische Notenbank umgeht Erdogans Zins-Veto

15:09 Uhr 17.08.2018
Wechselstube
Wechselstube in Istanbul: Die türkische Lira ist trotz leichter Erholung unter Druck. Foto: Lefteris Pitarakis/AP

Ankara/Frankfurt (dpa) - Der türkische Staatschef Erdogan ist ein erklärter Feind hoher Zinsen. Kein Wunder, dass die Notenbanker in Ankara es selbst auf dem Höhepunkt der Lira-Krise in den letzten Tagen nicht wagten, als Notfall-Mittel die Zinsen anzuheben - offiziell jedenfalls.

Dabei wäre ein solcher Schritt aus Sicht vieler Experten nötig, um den Abzug internationalen Geldes aus der angeschlagenen Wirtschaft der Türkei zu verhindern. Zuletzt beruhigte sich die Lage dennoch wieder etwas. Ein Trick half dabei.

Finanzminister Berat Albayrak warb inmitten der Auseinandersetzung mit den USA um Vertrauen. Aber auch die Notenbank wurde aktiv. Sie verringerte die Anforderungen, zur Absicherung von Währungsgeschäften sogenannte Reserve-Einlagen zu hinterlegen, und bot heimischen Banken weitere Möglichkeiten zum Leihen fremder Währungen an, die im Tausch gegen die schwache Lira sonst nur schwer zu bekommen gewesen wären.

Statt sich an eine offizielle Zinserhöhung heranzutrauen, die bei Erdogan in Ungnade gefallen wäre, überlegten sich die Zentralbanker aber noch einen Kniff: Sie boten den Geschäftsbanken einfach seit dem Wochenbeginn gar kein Geld mehr an, für das der Haupt-Zinssatz von 17,75 Prozent fällig gewesen wäre.

Die Banken, die Verbraucher und Unternehmen mit Krediten versorgen, mussten daher auf den sogenannten Übernacht-Zins ausweichen - mit 19,25 Prozent liegt der klar höher. So könnte sich die Menge des umlaufenden Geldes verknappen - und vielleicht die sehr hohe Inflation entspannen, die zuletzt bei 15,9 Prozent gelegen hatte.

Kann man über diese Finte die Probleme in den Griff bekommen? Unter normalen Umständen wäre eine offene Leitzins-Erhöhung naheliegend. Höhere Zinsen halten Anleger tendenziell davon ab, ihr Geld abzuziehen, weil Finanzanlagen in der Türkei wieder attraktiver werden. Dadurch wird die Lira tendenziell gestärkt. Sind die Zinsen dagegen zu niedrig, kann wegen der Unsicherheit um den Wert der Lira in Kombination mit der hohen Inflation Kapitalflucht folgen. Dadurch geriete die Lira weiter unter Druck - es droht ein Teufelskreis.

In früheren Finanzkrisen war genau dies geschehen. Wohl auch deshalb haben andere Schwellenländer wie Argentinien und Indonesien schon während der Woche mit Zinsanhebungen reagiert, nachdem die Lira-Krise auch ihre angeschlagenen Währungen mit nach unten gezogen hatte.

Doch in der Türkei ist alles anders. Denn Erdogan wettert seit langem gegen eine ominöse «Zinslobby» mit «westlicher Geisteshaltung», die sich auf Kosten der Türkei bereichere. Die gängige Wirtschaftslehre stellt er auf den Kopf: Hohe Zinsen hält er nicht für ein Mittel gegen Inflation, sondern als deren Treiber. Mitte Juli untermauerte er seinen Machtanspruch gegenüber der Notenbank mit einem Dekret, das ihn ermächtigt, deren Präsidenten und Vizepräsidenten zu ernennen.

Kritiker fürchten um die Unabhängigkeit und halten die bisherigen Schritte der Notenbank zur Krisenbekämpfung noch nicht für ausreichend. «Bisher hat es keinen spürbaren Kurswechsel der Geldpolitik gegeben», warnten Experten der Commerzbank am Freitag. «Weiterhin nährt deren Untätigkeit den Verdacht, dass sie längst nicht mehr unabhängig ist.» Dass die Währungshüter nicht dem Diktat von Politikern unterworfen sind, gilt aber als eines der wichtigsten Kriterien für das Vertrauen in die Währung eines Landes.

Erkin Isik, Stratege bei der in Istanbul ansässigen Bank Turk Ekonomi Bankasi, begrüßt, dass die Notenbank letztlich doch noch über ihre indirekte Zinspolitik - und den Kniff mit der Verknappung - auf die Währungsschwäche reagiert habe. Er geht davon aus, dass sie diesen Kurs fortsetzen werde, bis sich die Situation wieder beruhige.

Unklar bleibt, ob Erdogan diese Strategie - sofern er im Detail von ihr weiß - eher ärgert oder freut. Einerseits untergräbt sie seine im populistischen Ton vorgetragenen Forderungen. Andererseits gibt sie die Möglichkeit, das Nötige zur Bekämpfung der Lira-Krise zu tun - ohne dass der Staatschef öffentlich Fehler oder Schwächen einräumen muss.

Am Freitag verlor die Lira dann doch wieder stark an Wert - nach einigen Tagen der Erholung. Zum Mittag gab die türkische Währung im Verhältnis zum US- Dollar bis zu knapp acht Prozent nach. Auch zum Euro ging es ähnlich stark bergab.

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  • von Test986
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