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Encavis und das goldene Ende

Yoschl84
Yoschl84 Beitrag vom: 22.12.2020, 19:56 Uhr Leser: 10238

Encavis betreibt Photovoltaik- und Windkraftanlagen und verdient mit dem Verkauf des daraus erzeugten Stroms Geld. Die Technologien sind mittlerweile nicht mehr auf Subventionen angewiesen, weshalb in Zukunft anstelle von staatlich garantierten Einspeisevergütungen direkte Verträge mit Kunden, sogenannte Power Purchase Agreements (PPAs), im Vordergrund stehen dürften. Den ersten Schritt hat Encavis hier schon mit Amazon als Stromkunde gemacht. Dennoch wird für eine gewisse Zeit noch der meiste Umsatz im Encavis-Portfolio mit staatlich garantierten Einspeisevergütungen generiert werden. Und genau hier schlummert noch einiges an Potential in der Bilanz.

Laut Factsheet auf der Encavis Website haben die PV-Anlagen mit fester Einspeisevergütung im Durchschnitt noch 13 Jahre Restlaufzeit. Einige enden früher und andere später. Die ersten Anlagen erreichen ihr ursprünglich geplantes Ende wohl schon in ca. 2 Jahren. Der Kapitaldienst ist dann geleistet, es fallen weder Tilgungs- noch Zinszahlungen für die Fremdfinanzierung an. Und während nach IFRS die Anlagen nach spätestens 20 Jahren abgeschrieben sind, gelten nicht 20, sondern 30 Jahre Garantie mittlerweile als Industriestandard.

Zwar reagieren die Materialien in einem PV-Modul bei der Degradation auf chemische Prozesse und altern. Die Leistungsfähigkeit der Module nimmt also ab – allerdings wesentlich geringer als früher angenommen. Nach den bisherigen Erfahrungen bringen die Module auch nach 20 Jahren noch mindestens 90% ihrer ursprünglichen Leistung, nach 30 Jahren werden meist noch 85% Leistung garantiert. Möglicherweise ist der tatsächliche Leistungsrückgang gemäß aktuellem Forschungsstand sogar noch deutlich geringer (siehe z.B. "Aktuelle Fakten zur Photovoltaik in Deutschland", Fraunhofer ISE, 2019, S. 43).

Nach 20 Jahren beginnt für einen Solarpark also das goldene Ende. Ab ca. 2023 erreichen bei Encavis nach und nach immer mehr Anlagen dieses Stadium, in dem sie dann sehr gute Margen- und Cashflowbeiträge liefern dürften. Denn auch wenn die garantierten Einspeisetarife dann wegfallen, so sind die Betriebskosten (z.B. Pachtzahlungen, Wartung, Versicherung) dann so überschaubar, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit wirtschaftlich lohnend sein wird, die Anlagen weiter zu betreiben. Dann eben mithilfe von PPAs oder durch den Verkauf des Stroms an der Börse zu Marktpreisen. Auch die kurzzeitige Speicherung des Stroms könnte dann lukrativ sein, um ihn zu den Tageszeiten anzubieten, zu denen er benötigt wird und zu denen höhere Preise erzielt werden können. Und auch der punktuelle Austausch alter Module oder eine Modernisierung ist immer eine Option.

Dennoch könnte irgendwann der Moment kommen, ab dem ein Weiterbetrieb eines Solarparks nicht mehr wirtschaftlich lohnend oder aus anderen Gründen unmöglich ist (weil zum Beispiel die Grundstückspacht nicht mehr verlängert wird). Doch selbst dann dürfte das im Saldo nicht wie gelegentlich befürchtet mit unkalkulierbaren Entsorgungskosten für die PV-Module einhergehen. Wer weiß, wie knapp sich bis dahin die Rohstoffsituation gestaltet? Mir erscheint es nicht unplausibel, dass der Markt entweder die PV-Module als Ganzes oder die darin verbauten Rohstoffe zum Zwecke des Recycelns dankbar aufsaugen dürfte.

Denn PV-Module enthalten kaum Materialien, deren Recycling besonders problematisch wäre. Der Hauptbestandteil ist das Glas zum Schutz der Solarzellen. Daneben kommen Silizium, Silber, Indium, Gallium, Tellur und Selen zum Einsatz. Der mit den Metallen verbaute Kunststoff macht das Recycling zwar komplizierter. Hier könnten aber spezielle neuere Anlagen die Lösung sein, die bei hohen Temperaturen und unter Sauerstoffabschluss die Kunststoffe zu Gasen verwandeln. Die am Markt durchaus gefragten Metalle lassen sich so zu mehr als 90% zurückgewinnen.

Fazit: Ähnlich wie bei den Atomkraftbetreibern erschließt sich für Erneuerbare-Energien-Produzenten wie Encavis während des goldenen Endes der Anlagen die Möglichkeit, über viele weitere Jahre mit ebendiesen Anlagen Geld zu verdienen. Nur dass Encavis der Gesellschaft keine radioaktive Last für die Ewigkeit hinterlässt, sondern potenziell begehrte und recyclingfähige Rohstoffe im (eigentlich schon abgeschriebenen) Anlagevermögen hat.

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