Aave v1 Börsenlexikon Vorheriger Begriff: AAVE-Protokoll Nächster Begriff: ETHLend
Eine frühe Version des Aave-Protokolls auf Ethereum, die es Nutzern ermöglicht, Kryptowährungen in einem dezentralen, nicht-verwahrenden System zu verleihen oder zu leihen, mit grundlegenden Funktionen wie variablen Zinssätzen und besicherten Krediten
Aave v1 war die erste Hauptversion des dezentralen Kreditprotokolls Aave, das im Januar 2020 auf der Ethereum-Blockchain veröffentlicht wurde. Als Nachfolger des Peer-to-Peer-Kreditmarktplatzes ETHLend markierte Aave v1 den Übergang von einem direkt vermittelten Kreditmodell hin zu einem liquiden, automatisierten Pool-System. Diese Struktur ermöglichte es erstmals, Kredite auf Basis von gemeinsamen Liquiditätspools ohne zentrale Instanz und ohne direkte Zuordnung von Kreditgebern und -nehmern zu vergeben.
Mit Aave v1 wurden grundlegende Funktionen eingeführt, die bis heute den Kern des Protokolls ausmachen – darunter die Einführung der aTokens, variable und stabile Zinssätze, sowie ein Pioniermechanismus im DeFi-Bereich: die Flash Loans.
Grundlegendes Funktionsprinzip
Das Protokoll basiert auf einem Pool-Modell, bei dem Einleger Token in Liquiditätspools deponieren. Kreditnehmer können aus diesen Pools gegen eine Sicherheit Kredite aufnehmen. Die Interaktion mit dem Protokoll erfolgt vollständig über Smart Contracts, wodurch alle Transaktionen transparent, manipulationssicher und nachvollziehbar sind.
Die Struktur lässt sich in zwei zentrale Rollen unterteilen:
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Einleger (Liquidity Provider): Stellen Vermögenswerte zur Verfügung und erhalten dafür sogenannte aTokens.
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Kreditnehmer: Leihen sich Vermögenswerte und hinterlegen eine überbesicherte Sicherheit (Collateral).
Die Rückzahlung des Kredits ist jederzeit möglich, ebenso wie die vollständige oder teilweise Rücknahme der Einlage durch den Liquiditätsanbieter – solange genügend Mittel im Pool vorhanden sind.
aTokens
Ein zentrales Element von Aave v1 war die Einführung der aTokens (z. B. aDAI, aUSDC), welche die Einlagen eines Nutzers repräsentieren. Diese Token:
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stehen im Verhältnis 1:1 zum ursprünglich eingezahlten Vermögenswert,
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akkumulieren Zinsen direkt im Token-Saldo (automatische Aufzinsung),
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sind jederzeit einlösbar gegen den ursprünglichen Vermögenswert zzgl. Zinsen.
Die Zinsvergabe erfolgt durch eine Erhöhung des Token-Saldos – Nutzer müssen also keine separaten Ertragsausschüttungen beanspruchen.
Zinssätze: variabel und stabil
Aave v1 war eines der ersten DeFi-Protokolle, das zwei Zinsmodelle anbot:
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Variable Zinssätze: Diese passen sich dynamisch dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage im jeweiligen Pool an. Sie sind günstiger, aber volatil.
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Stabile Zinssätze: Diese bieten eine gewisse Planungssicherheit, liegen aber in der Regel höher. Sie können bei stark veränderten Marktbedingungen durch das Protokoll angepasst werden.
Kreditnehmer konnten zwischen beiden Modellen wechseln, solange ihre Position ausreichend besichert war.
Flash Loans
Eine bedeutende Innovation von Aave v1 war die Einführung der Flash Loans – Kredite, die ohne jegliche Sicherheit aufgenommen werden können, unter der Bedingung, dass sie innerhalb derselben Transaktion vollständig zurückgezahlt werden. Diese Funktion richtet sich vor allem an Entwickler und fortgeschrittene Nutzer und ermöglicht komplexe Strategien, wie:
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Arbitrage zwischen Börsen,
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Rebalancing von Portfolios,
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Rückzahlung und Umschuldung von Krediten,
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Liquidation von Fremdpositionen.
Flash Loans nutzen die Eigenschaft von Ethereum, dass alle Transaktionsschritte rückabgewickelt werden, wenn am Ende der Transaktion die Bedingung (vollständige Rückzahlung) nicht erfüllt ist.
Liquidation und Risikomanagement
Wie bei anderen Kreditprotokollen erfolgt die Vergabe von Krediten in Aave v1 überbesichert. Für jedes unterstützte Asset wurden spezifische Risikoparameter festgelegt, insbesondere:
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Loan-to-Value (LTV): Maximale Beleihungsgrenze.
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Liquidation Threshold: Schwelle, bei deren Unterschreitung eine Position zur Liquidation freigegeben wird.
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Liquidation Bonus: Anreiz für Liquidatoren, unterbesicherte Positionen aufzulösen.
Die Preisbewertung der Assets erfolgte über dezentrale Preisorakel, wodurch das Protokoll automatische Entscheidungen zur Liquidation treffen konnte.
Governance und AAVE-Token
Aave v1 wurde zunächst durch das Entwicklerteam verwaltet, jedoch mit dem Ziel, langfristig in eine DAO-Struktur überzugehen. In Vorbereitung auf diesen Übergang wurde der ursprüngliche LEND-Token durch den AAVE-Token ersetzt. Die Migration erfolgte im Verhältnis 100 LEND : 1 AAVE und bildete die Grundlage für die dezentrale Steuerung des Protokolls in den späteren Versionen.
Mit dem AAVE-Token wurden folgende Funktionen vorbereitet:
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Teilnahme an Governance-Abstimmungen (z. B. über neue Assets oder Parameter),
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Absicherung des Protokolls durch Staking im Safety Module (ab v2),
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Berechtigung zur Einreichung von Protokolländerungen (AIPs – Aave Improvement Proposals).
Technologische Grenzen von Aave v1
Trotz ihrer Innovationskraft wies die erste Version von Aave funktionale Einschränkungen auf, die in späteren Versionen adressiert wurden:
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Keine native Schuldumschichtung: Nutzer mussten Positionen manuell schließen und neu eröffnen, um Kredite in anderen Tokens aufzunehmen oder Sicherheiten zu ändern.
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Hohe Gas-Kosten: Die Struktur der Smart Contracts führte zu ineffizienten Transaktionen, insbesondere bei mehreren Aktionen in Folge.
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Begrenzte Asset-Sicherheit: Neue Assets konnten nicht isoliert aufgenommen werden, was systemische Risiken durch illiquide oder volatile Token erhöhte.
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Fehlende Cross-Chain-Funktionalität: Aave v1 war ausschließlich auf Ethereum verfügbar und nicht für Multichain-Strukturen ausgelegt.
Diese Limitierungen waren ein zentraler Antrieb für die Entwicklung von Aave v2 und v3.
Bedeutung von Aave v1
Trotz technischer Einschränkungen war Aave v1 ein bahnbrechender Meilenstein im DeFi-Sektor. Das Protokoll führte als eines der ersten:
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Pool-basiertes Lending,
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dynamische Zinsmodelle,
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automatisierte Liquidationen,
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renditetragende Token (aTokens),
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und Flash Loans als primitives Werkzeug für komplexe Strategien ein.
Es bildete die Basis für die spätere Verbreitung von Kreditprotokollen und trug maßgeblich zur Etablierung von DeFi als funktionales Ökosystem bei.
Fazit
Aave v1 war ein fundamentaler Schritt in der Entwicklung dezentraler Finanzprotokolle. Mit der Einführung von Liquiditätspools, zweistufigen Zinsmodellen, aTokens und Flash Loans setzte es neue Standards für Kreditmärkte auf der Blockchain. Auch wenn spätere Versionen funktionale Schwächen von v1 überwanden, bleibt die erste Version ein bedeutender technischer Prototyp, der die Architektur moderner DeFi-Anwendungen nachhaltig geprägt hat. Aave v1 bewies, dass vollautomatisierte, transparente und nutzerkontrollierte Kreditvergabe im dezentralen Raum nicht nur theoretisch möglich, sondern praktisch umsetzbar ist.