Custody Rule Börsenlexikon Vorheriger Begriff: Qualified Custodian Nächster Begriff: Investment Advisers Act (1940)

Eine SEC-Regel (Rule 206(4)-2), die vorschreibt, dass registrierte Anlageberater Kundenvermögen bei einem qualifizierten Verwahrer halten, regelmäßige Kontoauszüge bereitstellen und jährliche Überraschungsprüfungen durch unabhängige Wirtschaftsprüfer durchführen lassen müssen

Die Custody Rule ist eine zentrale aufsichtsrechtliche Vorschrift im US-amerikanischen Kapitalmarktrecht, die im Rahmen des Investment Advisers Act von 1940 von der Securities and Exchange Commission (SEC) erlassen wurde. Ihre offizielle Bezeichnung lautet Rule 206(4)-2 und sie regelt die Bedingungen, unter denen registrierte Investment Advisers Vermögenswerte von Kunden verwahren oder Zugriff auf diese haben dürfen. Ziel der Regel ist der Schutz von Anlegergeldern vor Missbrauch, Verlust oder Veruntreuung durch klare Vorgaben zur Verwahrung, Buchführung und Kontrolle dieser Vermögenswerte.

Ziel und Bedeutung

Die Custody Rule verfolgt primär das Ziel, Anlegerschutz durch die sichere Verwahrung von Kundenvermögen sicherzustellen. Investment Advisers, die Zugang zu Kundengeldern oder -wertpapieren haben, unterliegen damit spezifischen Pflichten zur Transparenz, Kontentrennung, Berichtspflicht und zur Beauftragung einer unabhängigen Verwahrstelle (Qualified Custodian). Die Regel dient dazu, Interessenkonflikte zu minimieren und das Vertrauen in das Vermögensverwaltungssystem zu stärken.

Sie ist insbesondere relevant für:

  • Investment Advisers mit direktem Zugriff auf Kundengelder

  • Private Fonds wie Hedgefonds oder Private Equity Funds

  • Vermögensverwalter, die Eigentumstitel oder Übertragungsrechte für Kunden verwahren

Definition von „Custody“

Die SEC definiert „Custody“ im Sinne der Custody Rule nicht nur als physischen Besitz von Vermögenswerten, sondern umfasst auch jegliche direkten oder indirekten Verfügungsrechte über Kundengelder oder -wertpapiere. Dazu zählen unter anderem:

  1. Direkter Besitz von Kundengeldern oder -wertpapieren

  2. Zugriffsrechte auf Kundenkonten, z. B. durch Vollmachten oder Online-Banking-Zugänge

  3. Verwahrung von Kundenvermögen auf Sammelkonten, über die der Adviser Kontrolle ausübt

  4. Befugnis zur Abhebung von Gebühren vom Kundenkonto

  5. Verwahrung von Zertifikaten oder Dokumenten mit rechtlicher Bedeutung (z. B. Aktienurkunden, Notariate)

Diese weite Auslegung stellt sicher, dass auch indirekte Risiken kontrolliert und reguliert werden können.

Anforderungen an Investment Advisers

Ein Investment Adviser, der unter die Custody Rule fällt, muss folgende zentrale Anforderungen erfüllen:

  1. Verwendung eines Qualified Custodian
    Kundengelder und -wertpapiere müssen bei einem sogenannten Qualified Custodian gehalten werden. Dieser muss reguliert, geprüft und in der Lage sein, Kundenvermögen getrennt von Eigenmitteln zu verwahren (z. B. Banken, Broker-Dealer, registrierte Treuhandgesellschaften).

  2. Regelmäßige Kundenbenachrichtigung
    Kunden müssen schriftlich über die Verwahrung ihrer Vermögenswerte informiert werden, einschließlich der Kontodaten beim Qualified Custodian und der Art der verwahrten Vermögenswerte.

  3. Regelmäßige Kontoauszüge durch den Custodian
    Der Qualified Custodian muss mindestens vierteljährlich Kontoauszüge direkt an die Kunden senden. Diese Maßnahme dient der Verifikation und Selbstkontrolle durch den Anleger.

  4. Unabhängige Prüfung der Vermögenswerte (Surprise Exam)
    Sofern keine Ausnahme greift, ist der Adviser verpflichtet, eine unangekündigte Prüfung der verwahrten Vermögenswerte durch einen unabhängigen Public Accountant durchführen zu lassen. Diese sogenannte Surprise Examination muss jährlich erfolgen und dient als externer Kontrollmechanismus.

  5. Jährliche Prüfung von Private Funds (Audit-Ausnahme)
    Für Private Funds kann unter bestimmten Bedingungen auf die Surprise Examination verzichtet werden, sofern der Fonds einem jahresbezogenen Audit durch einen unabhängigen Prüfer unterzogen wird, dessen Bericht den Investoren innerhalb von 120 Tagen nach Geschäftsjahresende zur Verfügung gestellt wird.

  6. Kontentrennung und Buchführung
    Kundengelder und -werte müssen buchhalterisch sauber getrennt von Unternehmensgeldern gehalten werden. Ebenso müssen präzise und nachvollziehbare Aufzeichnungen über alle Ein- und Ausgänge geführt werden.

Ausnahmen und Sonderregelungen

Die Custody Rule enthält mehrere Ausnahmebestimmungen, etwa:

  • Bei reiner Gebührenabhebung vom Kundenkonto (etwa für Management Fees), sofern dies im Voraus offengelegt und vertraglich erlaubt ist, gelten reduzierte Pflichten.

  • Verwahrung von Aktienzertifikaten mit nur „technischer Kontrolle“, aber ohne Transaktionsbefugnis, kann in bestimmten Fällen ebenfalls ausgenommen sein.

  • Bei Verwahrung durch verwandte Unternehmen gelten besondere Offenlegungs- und Prüfpflichten zur Vermeidung von Interessenkonflikten.

Die konkrete Anwendbarkeit der Ausnahmen ist jedoch von der individuellen Geschäftsstruktur des Advisers sowie von rechtlicher Beratung abhängig und wird von der SEC im Zweifel eng ausgelegt.

Custody Rule im Kontext digitaler Vermögenswerte

Die Anwendung der Custody Rule auf digitale Vermögenswerte wie Kryptoassets ist ein aktueller regulatorischer Schwerpunkt. Zwar gelten viele dieser Assets noch nicht offiziell als Wertpapiere, doch bei Kryptoassets mit Sicherheitscharakter (z. B. Security Tokens) ist die Anwendung der Custody Rule grundsätzlich erforderlich.

Die SEC verlangt in diesen Fällen:

  • Verwahrung durch einen Qualified Custodian, der regulatorisch zur Verwahrung digitaler Vermögenswerte befugt ist

  • Trennung der Private Keys und technologische Sicherheitsmaßnahmen (z. B. Cold Storage)

  • Prüfbarkeit durch unabhängige Wirtschaftsprüfer, was bei Blockchain-basierten Assets besondere Anforderungen an Nachweis und Dokumentation stellt

Mangels klarer regulatorischer Rahmenbedingungen befinden sich viele Investment Advisers in einem Graubereich, der durch geplante Gesetzesinitiativen und SEC-Leitlinien in Zukunft weiter konkretisiert werden soll.

Kontrollmechanismen und Sanktionen

Die SEC nimmt Verstöße gegen die Custody Rule sehr ernst. Häufige Prüfungsschwerpunkte bei der Aufsicht durch die Division of Examinations (ehemals OCIE) sind:

  • Fehlende Surprise Audits

  • Nichtregistrierte oder unzureichend qualifizierte Custodians

  • Intransparente oder unvollständige Kundeninformationen

  • Unzureichende Trennung von Eigen- und Kundengeldern

Verstöße können zu:

  • Abmahnungen (Wells Notices),

  • Geldstrafen,

  • Rückerstattungspflichten (Disgorgement),

  • Lizenzentzug für Investment Advisers

führen.

Fazit

Die Custody Rule ist ein zentrales Instrument zur Regulierung des Umgangs mit Kundengeldern und -wertpapieren durch Investment Advisers in den USA. Sie verlangt die Verwendung von Qualified Custodians, regelmäßige Kundeninformation, unabhängige Prüfungen und buchhalterische Trennung von Vermögenswerten. Die Regel schützt Anleger vor betrügerischen oder fahrlässigen Praktiken und stärkt das Vertrauen in das Finanzsystem. Angesichts neuer Entwicklungen – insbesondere im Bereich digitaler Vermögenswerte – gewinnt die Custody Rule weiter an Relevanz und steht im Zentrum regulatorischer Anpassungen, um auch in einem technologisch veränderten Umfeld weiterhin Anlegerschutz auf hohem Niveau zu gewährleisten.