DAI (ERC-20 Stablecoin) Börsenlexikon Vorheriger Begriff: CW-20 (Cosmos) Nächster Begriff: DAO-Hack (2016)
Ein zentraler Baustein des dezentralen Finanzsystems (DeFi), der als vertrauensminimierter, stabiler Wertspeicher im Ethereum-Ökosystem dient
DAI ist ein dezentraler, durch Sicherheiten gedeckter Stablecoin auf der Ethereum-Blockchain, der dem ERC-20-Tokenstandard entspricht. Er wurde von der dezentralen Organisation MakerDAO entwickelt und ist darauf ausgelegt, den Wert von 1 US-Dollar möglichst stabil abzubilden. Im Unterschied zu zentralisierten Stablecoins wie USDT (Tether) oder USDC (Circle) basiert DAI nicht auf einem realen Fiat-Konto bei einem Unternehmen, sondern wird durch Krypto-Vermögenswerte besichert und vollständig durch Smart Contracts gesteuert.
Technologischer Hintergrund und Architektur
DAI ist Teil des Maker-Protokolls, das auf der Ethereum-Blockchain läuft. Die Steuerung erfolgt durch ein Zusammenspiel von Smart Contracts, Governance-Prozessen und wirtschaftlichen Anreizen. Die grundlegende Funktionsweise beruht auf dem Prinzip der Überbesicherung. Nutzer sperren Vermögenswerte in sogenannten Vaults (früher: CDPs, Collateralized Debt Positions), um daraus DAI zu erzeugen.
Die Architektur lässt sich in mehrere zentrale Komponenten gliedern:
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Vault-System: Nutzer hinterlegen Sicherheiten wie ETH, WBTC, stETH oder andere zugelassene Token in einem Smart Contract. Gegen diese Sicherheiten wird DAI generiert.
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Liquidationsmechanismus: Fällt der Sicherheitenwert unter eine festgelegte Schwelle (z. B. 150 % des erzeugten DAI-Wertes), wird die Position automatisch liquidiert.
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Stabilitätsgebühr: Für die Nutzung eines Vaults und das Halten von Schulden in DAI fällt eine Gebühr an, die in DAI gezahlt und verbrannt wird.
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Dai Savings Rate (DSR): Nutzer können ihre DAI zinsbringend in einem Smart Contract anlegen. Die Zinshöhe wird durch Governance festgelegt.
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Governance: Token-Inhaber des MKR-Tokens entscheiden über Änderungen am Protokoll, etwa neue Sicherheiten, Zinssätze oder Systemparameter.
ERC-20-Standardkonformität
Als ERC-20-Token ist DAI vollständig kompatibel mit der Ethereum-Blockchain und kann in allen Anwendungen verwendet werden, die diesen Standard unterstützen. Dazu zählen:
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Wallets wie MetaMask, Trust Wallet oder Ledger Live
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Dezentrale Börsen (DEX) wie Uniswap, Curve oder Balancer
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Lending-Plattformen wie Aave oder Compound
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NFT-Marktplätze oder DAO-Plattformen
Die Standardfunktionen wie transfer, approve, transferFrom, balanceOf oder allowance sind vollständig implementiert. Dadurch lässt sich DAI nahtlos in Smart Contracts und andere Token-Protokolle integrieren.
Besicherungsmechanismus
Ein zentrales Merkmal von DAI ist die Art und Weise, wie die Preisstabilität über Sicherheitenmechanismen gewährleistet wird. Im Gegensatz zu zentral verwalteten Reserven verwendet das Maker-Protokoll on-chain besicherte Positionen. Dabei gilt:
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Die Besicherung muss überproportional sein, z. B. 150 % oder mehr, um Marktschwankungen aufzufangen.
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Die akzeptierten Sicherheiten sind durch ein Governance-Verfahren definiert und regelmäßig angepasst.
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Beispiele für Sicherheiten: ETH, WBTC, USDC, stETH, GNO, MATIC und andere.
Ein Nutzer, der DAI erzeugt, muss die Position bei Rückzahlung der DAI samt Stabilitätsgebühr wieder auflösen, um seine hinterlegte Sicherheit zurückzubekommen. Bei Unterschreiten der Sicherheitsgrenze erfolgt eine automatische Liquidation über das Auktionssystem des Protokolls.
Preisstabilität und Peg-Mechanismen
Das Ziel des Maker-Protokolls ist es, den DAI-Preis so nah wie möglich an 1 USD zu halten. Dabei kommen mehrere Instrumente zum Einsatz:
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Angebot und Nachfrage: Sinkt der Preis von DAI unter 1 USD, wird es attraktiver, Vaults zu schließen und DAI vom Markt zu kaufen. Steigt der Preis, lohnt es sich, neue DAI zu minten.
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Zinssteuerung (Stabilitätsgebühr, DSR): Über Governance-Entscheidungen werden Zinsen so angepasst, dass Anreize zur Schaffung oder Rückführung von DAI entstehen.
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Notfallmechanismen: In Extremfällen kann der sogenannte Emergency Shutdown aktiviert werden, der das System stilllegt und die Abwicklung aller Positionen einleitet.
Multi-Collateral DAI (MCD)
Im Jahr 2019 wurde das ursprüngliche System – das nur ETH als Sicherheit akzeptierte – durch Multi-Collateral DAI ersetzt. Seitdem können verschiedene Token als Sicherheit dienen. Das Risiko wird dabei durch sogenannte Collateral Risk Models bewertet, die unter anderem Faktoren wie Liquidität, Volatilität und Orakelabhängigkeit berücksichtigen.
DAI Savings Rate (DSR)
Die Dai Savings Rate ermöglicht es Nutzern, ihre DAI in einem Smart Contract zu deponieren und dafür Zinsen zu erhalten. Die DSR wird regelmäßig durch die Maker-Governance angepasst und ist ein geldpolitisches Steuerungsinstrument innerhalb des Systems.
Einlagen in den DSR sind:
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Jederzeit ein- und auszahlbar
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Risikofrei im Sinne des Systems (keine Preisvolatilität, da DAI nominal stabil ist)
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In DAI verzinst
Die Rendite stammt aus Stabilitätsgebühren und anderen Einnahmen des Maker-Protokolls.
Vor- und Nachteile von DAI
Vorteile:
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Dezentralität: DAI wird nicht durch ein zentrales Unternehmen kontrolliert.
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Transparenz: Alle Prozesse laufen on-chain ab und sind nachvollziehbar.
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Stabilität: DAI bleibt im Zielbereich von 1 USD, auch bei Marktvolatilität.
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Interoperabilität: Als ERC-20-Token ist DAI breit einsetzbar.
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Kollateralvielfalt: Nutzer können verschiedene Token zur Absicherung verwenden.
Nachteile:
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Komplexität: Die Erzeugung und Verwaltung von Vaults erfordert technisches Verständnis.
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Systemrisiken: Orakel-Ausfälle, Governance-Angriffe oder Liquiditätsengpässe stellen potenzielle Gefahren dar.
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Zunehmende Zentralisierung: Der wachsende Anteil zentralisierter Sicherheiten wie USDC hat zu Kritik geführt, da dies die Unabhängigkeit von DAI untergraben kann.
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Überbesicherung: Für die Generierung von z. B. 100 DAI muss ein deutlich höherer Wert an Sicherheiten hinterlegt werden.
Regulatorischer Kontext
DAI unterliegt im Gegensatz zu zentralen Stablecoins keiner direkten Regulierung, da es keine zentrale juristische Einheit mit voller Kontrolle gibt. Dennoch rücken dezentrale Stablecoins zunehmend ins Visier von Aufsichtsbehörden, insbesondere im Zusammenhang mit Finanzmarktstabilität, Verbraucherschutz und Geldwäscheprävention.
Zudem besteht eine indirekte Abhängigkeit von regulierten Vermögenswerten, etwa wenn Stablecoins wie USDC als Sicherheit verwendet werden. Ein Einfrieren dieser Sicherheiten durch Emittenten oder regulatorische Interventionen könnte systemrelevante Auswirkungen auf DAI haben.
Fazit
DAI ist ein zentraler Baustein des dezentralen Finanzsystems (DeFi) und dient als vertrauensminimierter, stabiler Wertspeicher im Ethereum-Ökosystem. Als ERC-20-Token ist er breit integrierbar, liquide und vielseitig einsetzbar. Das zugrunde liegende Maker-Protokoll kombiniert ökonomische Anreizsysteme, technische Mechanismen und dezentrale Governance, um Preisstabilität und Sicherheit zu gewährleisten. Trotz seiner Erfolge steht DAI vor Herausforderungen, insbesondere hinsichtlich der Sicherheitenstruktur und der Balance zwischen Dezentralität und Effizienz. Im Kontext wachsender regulatorischer Aufmerksamkeit bleibt DAI ein Paradebeispiel für das Potenzial und die Komplexität dezentraler Stablecoin-Modelle.