Flash Crash (2010) Börsenlexikon Vorheriger Begriff: Finanzkrise (2008) Nächster Begriff: Navinder Singh Sarao (2015)
Eine extreme Marktbewegung, die die Risiken des modernen Börsenhandels aufzeigte, die jedoch innerhalb weniger Minuten korrigiert wurde
Der Flash Crash vom 6. Mai 2010 war ein dramatischer und beispielloser Einbruch der US-Börsen, bei dem der Dow Jones Industrial Average innerhalb weniger Minuten um fast 1.000 Punkte (rund 9 %) fiel, nur um sich kurz darauf fast vollständig zu erholen. Es handelte sich um einen der stärksten und schnellsten Kurseinbrüche in der Geschichte der Aktienmärkte. Der Vorfall machte deutlich, wie verwundbar moderne Börsensysteme durch den zunehmenden Einfluss von algorithmischem Handel und Hochfrequenzhandel (High-Frequency Trading, HFT) sind.
Ursachen des Flash Crash
Der Flash Crash wurde durch eine komplexe Kombination aus Marktbedingungen, automatisierten Handelssystemen und regulatorischen Schwächen verursacht.
1. Ungünstige Marktbedingungen
- Am 6. Mai 2010 befand sich die Weltwirtschaft noch in der Erholungsphase nach der Finanzkrise von 2008.
- In Europa wuchs die Besorgnis über die griechische Schuldenkrise, was ohnehin für hohe Volatilität an den Märkten sorgte.
- Viele Investoren waren bereits nervös und verkauften vermehrt Aktien, was den Markt anfälliger für einen plötzlichen Schock machte.
2. Großauftrag eines institutionellen Investors
- Laut Untersuchungen der US-Börsenaufsicht SEC (Securities and Exchange Commission) wurde am 6. Mai ein großer Verkaufsauftrag im Wert von 4,1 Milliarden US-Dollar für Futures auf den S&P 500-Index (E-Mini S&P 500) von einem institutionellen Investor platziert.
- Normalerweise werden solche Aufträge über einen längeren Zeitraum abgewickelt, um Marktverzerrungen zu vermeiden. In diesem Fall wurde der gesamte Auftrag jedoch innerhalb von Minuten platziert.
- Dies löste eine Kettenreaktion von Verkäufen aus.
3. Algorithmischer Handel und Hochfrequenzhandel (HFT)
- Hochfrequenzhändler, die mit extrem schnellen Computern auf Kursveränderungen reagieren, begannen auf den Verkaufsdruck zu reagieren.
- Viele dieser Algorithmen verkaufen automatisch, wenn der Markt stark fällt – was den Kursverfall beschleunigte.
- Einige Handelsprogramme wurden sogar deaktiviert, um Verluste zu vermeiden, was die Liquidität am Markt weiter reduzierte.
4. Marktstrukturen und unkoordinierte Reaktionen
- Während des Crashs verloren einige Aktien bis zu 99 % ihres Wertes, da kaum noch Käufer vorhanden waren.
- Beispielsweise fiel der Aktienkurs von Accenture von rund 40 US-Dollar auf nur 1 Cent, bevor er sich wieder erholte.
- Da viele Handelsplattformen nicht miteinander abgestimmt waren, kam es zu einer verstärkten Marktinstabilität.
Verlauf des Flash Crash
1. Einbruch in wenigen Minuten (14:32 – 14:45 Uhr)
- Der Dow Jones fiel um 998,5 Punkte, der größte intraday-Punktverlust seiner Geschichte.
- Einzelne Aktien und ETFs verloren fast 100 % ihres Wertes.
- Der Terminmarkt für den S&P 500 wurde überflutet mit Verkaufsaufträgen.
2. Schnelle Erholung (ab 14:45 Uhr)
- Nachdem die Hochfrequenzhändler und andere Marktteilnehmer erkannten, dass der Crash eine Überreaktion war, begannen sie wieder zu kaufen.
- Innerhalb von 20 Minuten erholte sich der Markt fast vollständig.
3. Nachwirkungen und Untersuchungen
- Die US-Börsenaufsicht SEC und die Commodity Futures Trading Commission (CFTC) begannen eine umfassende Untersuchung.
- Zunächst gab es Spekulationen über einen menschlichen Fehler („Fat-Finger-Trade“), doch später stellte sich heraus, dass der Markt durch eine Kombination aus algorithmischem Handel und mangelnder Liquidität destabilisiert wurde.
- 2015 wurde der britische Trader Navinder Singh Sarao verhaftet, da er durch „Spoofing“ (Manipulation des Marktes durch falsche Aufträge) zur Marktvolatilität beigetragen hatte.
Auswirkungen und Konsequenzen
1. Regulierungen zur Marktstabilisierung
- Einführung von „Circuit Breakers“: Automatische Handelsunterbrechungen wurden eingeführt, um extreme Marktbewegungen zu verhindern.
- Bessere Überwachung des algorithmischen Handels: Die SEC forderte größere Transparenz bei Hochfrequenzhandelsstrategien.
- Strengere Handelsplattform-Koordination: Die Handelsinfrastruktur wurde verbessert, um plötzliche Liquiditätsengpässe zu vermeiden.
2. Auswirkungen auf den Hochfrequenzhandel
- HFT-Unternehmen wurden strenger überwacht, da ihr Verhalten im Flash Crash als destabilisierend erkannt wurde.
- Einige Algorithmen wurden angepasst, um nicht mehr auf kurzfristige Panikreaktionen übermäßig zu reagieren.
3. Langfristige Marktfolgen
- Vertrauensverlust: Der Flash Crash zeigte, dass Märkte durch Algorithmen in Sekunden destabilisiert werden können.
- Wachsendes Bewusstsein für automatisierten Handel: Regulierungsbehörden und Investoren achten heute stärker auf die Risiken des algorithmischen Handels.
Fazit
Der Flash Crash von 2010 war eine extreme Marktbewegung, die die Risiken des modernen Börsenhandels aufzeigte. Durch eine unglückliche Kombination aus marktbedingten Unsicherheiten, algorithmischem Handel und fehlender Marktliquidität kam es zu einem der dramatischsten Kursstürze der Geschichte – der jedoch innerhalb weniger Minuten korrigiert wurde.
Die Krise führte zu wichtigen regulatorischen Reformen, insbesondere zur Einführung von Handelsunterbrechungen und verstärkter Überwachung des Hochfrequenzhandels. Dennoch bleibt das Risiko von Flash Crashes bestehen, da der computergesteuerte Handel weiterhin einen wachsenden Einfluss auf die Märkte hat.