Friedman-Doktrin Börsenlexikon Vorheriger Begriff: Milton Friedman-Theorie Nächster Begriff: Keynes und Hayek
Eine unternehmenspolitische Theorie, die die moderne Unternehmenswelt nachhaltig geprägt hat und eine treibende Kraft hinter der Shareholder-Value-Orientierung vieler Unternehmen war
Die Friedman-Doktrin, auch bekannt als Shareholder-Value-Theorie, ist eine wirtschaftsethische und unternehmenspolitische Theorie, die auf den Ökonomen Milton Friedman zurückgeht. Sie besagt, dass die einzige soziale Verantwortung eines Unternehmens darin besteht, seinen Gewinn zu maximieren, solange es sich dabei an die gesetzlichen Regeln hält und ethische Normen respektiert.
Diese Doktrin wurde insbesondere in einem einflussreichen Artikel von Friedman mit dem Titel „The Social Responsibility of Business is to Increase its Profits“, veröffentlicht 1970 in der New York Times Magazine, formuliert. Sie war eine direkte Kritik an Ansätzen, die Unternehmen eine breitere soziale Verantwortung zuschreiben wollten.
Zentrale Aussagen der Friedman-Doktrin
Die Friedman-Doktrin basiert auf mehreren zentralen Annahmen und Argumenten:
- Primat der Shareholder: Unternehmen existieren, um ihren Eigentümern, den Aktionären (Shareholdern), zu dienen. Das Management ist demnach ausschließlich den Interessen der Investoren verpflichtet.
- Ablehnung sozialer Unternehmensverantwortung („Corporate Social Responsibility“, CSR): Friedman argumentierte, dass Unternehmen keine eigenständige soziale oder politische Verantwortung haben, da sie keine gewählten Vertreter der Gesellschaft sind. Soziale Verantwortung sei Aufgabe von Regierungen, nicht von Unternehmen.
- Gewinnmaximierung als gesellschaftlicher Nutzen: Durch das Streben nach Gewinn tragen Unternehmen automatisch zum Gemeinwohl bei, da sie dadurch Arbeitsplätze schaffen, Innovationen fördern und wirtschaftliches Wachstum antreiben.
- Marktmechanismus als Korrektiv: Friedman vertrat die Ansicht, dass Marktkräfte am besten dazu geeignet sind, Fehlverhalten zu regulieren. Unternehmen, die unethisch handeln, werden vom Markt bestraft, da Konsumenten und Investoren sich abwenden.
- Beachtung gesetzlicher und ethischer Regeln: Die Gewinnmaximierung muss innerhalb des gesetzlichen Rahmens und unter Wahrung grundlegender ethischer Normen erfolgen.
Friedman-Doktrin im Kontext des Kapitalismus
Die Friedman-Doktrin steht in der Tradition des wirtschaftlichen Liberalismus und ist eng mit der Chicago School of Economics verbunden, die für einen freien Markt und minimale staatliche Eingriffe plädiert. Sie widerspricht Vorstellungen des Stakeholder-Kapitalismus, die Unternehmen auch gegenüber Mitarbeitern, Kunden oder der Umwelt verantwortlich sehen.
Die praktische Umsetzung der Doktrin wurde insbesondere in den 1980er und 1990er Jahren populär, als viele Unternehmen eine starke Fokussierung auf den Shareholder-Value verfolgten. Manager wurden zunehmend an Börsenkursen und Gewinnsteigerungen gemessen, was zu Veränderungen in der Unternehmensführung und Vergütungsstruktur führte.
Auswirkungen der Friedman-Doktrin auf die Wirtschaft
Die Friedman-Doktrin hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die Unternehmensführung, die Wirtschaftspolitik und die Finanzmärkte.
- Fokus auf kurzfristige Gewinne: Unternehmen priorisierten verstärkt kurzfristige Gewinnsteigerungen, oft auf Kosten langfristiger Investitionen oder sozialer Verantwortung.
- Finanzialisierung der Wirtschaft: Die Bedeutung von Aktienkursen und Finanzmärkten für Unternehmensentscheidungen nahm stark zu. Unternehmen setzten vermehrt auf Aktienrückkäufe und Dividendenerhöhungen, um Shareholder zufriedenzustellen.
- Deregulierung und Privatisierung: Die Idee, dass Märkte effizienter sind als staatliche Eingriffe, führte zu umfassenden Deregulierungen in den 1980er Jahren (Reaganomics, Thatcherismus).
- Wandel in der Unternehmensführung: Die Vergütung von Managern wurde stärker an Börsenkursen ausgerichtet, was Anreize für kurzfristige Gewinnmaximierung schuf.
Kritik an der Friedman-Doktrin
Trotz ihrer Popularität ist die Friedman-Doktrin stark umstritten und wird in der modernen Wirtschaftsethik vielfach kritisiert:
- Kurzfristiges Denken und Vernachlässigung langfristiger Nachhaltigkeit: Kritiker argumentieren, dass der extreme Fokus auf Shareholder-Value kurzfristige Profite begünstigt, aber langfristige Investitionen in Forschung, Innovation und Nachhaltigkeit vernachlässigt.
- Negative soziale und ökologische Auswirkungen: Unternehmen, die ausschließlich auf Gewinnmaximierung fokussiert sind, können externe Effekte wie Umweltverschmutzung, schlechte Arbeitsbedingungen oder Steuervermeidung verstärken.
- Finanzkrisen und Ungleichheit: Die Priorisierung von Börsenkursen und kurzfristiger Rendite wurde als ein Faktor für die Finanzkrise 2008 identifiziert. Zudem hat der wachsende Einfluss der Finanzmärkte zur zunehmenden sozialen Ungleichheit beigetragen.
- Wandel der gesellschaftlichen Erwartungen: In den letzten Jahren sind Konzepte wie Stakeholder-Kapitalismus, nachhaltige Unternehmensführung (ESG – Environmental, Social, Governance) und soziale Verantwortung von Unternehmen stärker in den Fokus gerückt.
Moderne Alternativen zur Friedman-Doktrin
Aufgrund der zunehmenden Kritik an der reinen Shareholder-Value-Orientierung haben sich verschiedene Alternativen entwickelt:
- Stakeholder-Kapitalismus: Unternehmen sollten nicht nur den Interessen der Shareholder, sondern auch der Arbeitnehmer, Kunden, Zulieferer und der Umwelt verpflichtet sein.
- ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance): Unternehmen werden nicht mehr nur nach finanziellen Kennzahlen, sondern auch nach ökologischen und sozialen Kriterien bewertet.
- Benefit Corporations („B-Corps“) und Corporate Social Responsibility (CSR): Viele moderne Unternehmen integrieren soziale und ökologische Ziele in ihre Geschäftsmodelle.
Ein prominentes Beispiel für diesen Wandel ist die Business Roundtable-Erklärung aus dem Jahr 2019, in der CEOs großer US-Unternehmen erklärten, dass Unternehmen eine Verantwortung gegenüber mehreren Stakeholdern tragen – ein klarer Bruch mit Friedmans Theorie.
Fazit
Die Friedman-Doktrin hat die moderne Unternehmenswelt nachhaltig geprägt und war eine treibende Kraft hinter der Shareholder-Value-Orientierung vieler Unternehmen. Sie hat dazu beigetragen, dass Unternehmen effizienter und wettbewerbsfähiger wurden, führte jedoch auch zu negativen Begleiterscheinungen wie kurzfristigem Gewinnstreben, sozialer Ungleichheit und Umweltproblemen.
In den letzten Jahrzehnten hat sich das Verständnis von Unternehmensverantwortung weiterentwickelt. Während Friedmans Ideen weiterhin Einfluss haben, werden sie zunehmend durch Konzepte des Stakeholder-Kapitalismus ergänzt, die Unternehmen eine breitere gesellschaftliche Verantwortung zuschreiben. Der Balanceakt zwischen Profitmaximierung und sozialer Verantwortung bleibt eine der zentralen Herausforderungen der modernen Wirtschaftspolitik.