Kreditgeber letzter Instanz (Lender of Last Resort) Börsenlexikon Vorheriger Begriff: Federal Savings and Loan Insurance Corporation (FSLIC) Nächster Begriff: Bank of England (BoE)
Eine essenzielle Institution zur Sicherung der Finanzmarktstabilität, wobei Zentralbanken wie die Fed und die EZB wiederholt bewiesen haben, dass ihr Eingreifen systemische Krisen verhindern kann
Der Kreditgeber letzter Instanz (Lender of Last Resort, LLR) ist eine Institution, meist eine Zentralbank, die in Zeiten finanzieller Krisen Liquidität bereitstellt, um das Bankensystem zu stabilisieren. Wenn Banken oder andere Finanzinstitute aufgrund eines plötzlichen Vertrauensverlusts oder einer Marktstörung keine kurzfristigen Mittel mehr von anderen Banken oder Investoren erhalten, kann der Kreditgeber letzter Instanz mit Notkrediten einspringen, um eine Bankenkrise oder gar einen systemischen Finanzkollaps zu verhindern.
Dieses Konzept ist seit dem 19. Jahrhundert ein zentraler Bestandteil der modernen Finanzmarktregulierung und wird besonders in Krisenzeiten wie der Finanzkrise 2008 oder der Eurokrise 2010–2012 angewendet.
Ursprung und theoretische Grundlagen
Die Idee des Lenders of Last Resort wurde erstmals von dem britischen Ökonomen Henry Thornton (1802) und später von Walter Bagehot (1873) im Werk Lombard Street systematisch beschrieben. Bagehot argumentierte, dass Zentralbanken in Krisenzeiten Liquidität bereitstellen sollten, um Panik und Bankenruns zu verhindern.
Seine Grundprinzipien für einen Kreditgeber letzter Instanz lauten:
- Notkredite sollen nur gegen gute Sicherheiten gewährt werden.
- Die Zinsen für diese Kredite sollten hoch sein, um Missbrauch zu verhindern.
- Liquidität sollte in großem Umfang bereitgestellt werden, um das Vertrauen zu stabilisieren.
Diese Prinzipien beeinflussen bis heute die Politik moderner Zentralbanken.
Aufgaben und Bedeutung des Kreditgebers letzter Instanz
Ein Kreditgeber letzter Instanz hat mehrere zentrale Funktionen:
-
Verhinderung von Bankenkrisen
- In einem Bank-Run ziehen Kunden massenhaft Einlagen ab, was Banken in Liquiditätsprobleme bringt.
- Ein LLR kann durch Notkredite das Vertrauen wiederherstellen und eine Insolvenzwelle verhindern.
-
Sicherung der Finanzmarktstabilität
- Banken und Finanzinstitute hängen stark voneinander ab (Interbankenmarkt).
- Wenn eine große Bank scheitert, kann sie andere mitreißen (Dominoeffekt).
- Ein LLR kann diesen Effekt verhindern, indem er gezielt Liquidität bereitstellt.
-
Unterstützung der Geldpolitik
- In schweren Finanzkrisen kann eine Zentralbank als LLR eingreifen, um den Finanzfluss aufrechtzuerhalten.
- Dies geschah beispielsweise in der Finanzkrise 2008, als die Federal Reserve (Fed) und die Europäische Zentralbank (EZB) massive Liquiditätshilfen leisteten.
-
Stabilisierung von Währungen und Staatshaushalten
- Zentralbanken wie die EZB agierten als LLR für ganze Staaten während der Eurokrise (2010–2012), indem sie Staatsanleihen kauften und Banken unterstützten.
Beispiele für Kreditgeber letzter Instanz
| Institution | Funktion als LLR | Bekannte Kriseneinsätze |
|---|---|---|
| Federal Reserve (Fed, USA) | Notkredite für Banken und Unternehmen | 2008 Finanzkrise, COVID-19-Pandemie 2020 |
| Europäische Zentralbank (EZB) | Liquiditätsbereitstellung für Banken und Staaten | Eurokrise 2010–2012, Pandemie-Notfallankaufprogramm (PEPP) 2020 |
| Bank of England (BoE) | Stabilisierung des britischen Bankensystems | Finanzkrise 2008, Brexit-Folgen 2016 |
| Internationale Währungsfonds (IWF) | Notkredite für Staaten in finanziellen Schwierigkeiten | Asienkrise 1997, Argentinien-Krise 2001 |
Kritik und Risiken des Kreditgebers letzter Instanz
Trotz seiner wichtigen Rolle gibt es auch erhebliche Kritik am Konzept des LLR:
-
Moral Hazard (Risikobereitschaft von Banken steigt)
- Banken könnten risikoreichere Geschäfte eingehen, wenn sie wissen, dass eine Zentralbank sie im Notfall rettet.
- Beispiel: Too big to fail – Großbanken wie Lehman Brothers oder Citigroup wurden als systemrelevant angesehen.
-
Inflationsrisiko
- Wenn Zentralbanken große Mengen an Geld bereitstellen, könnte dies die Inflation anheizen.
- Beispiel: Die massive Geldschöpfung während der Eurokrise wurde von Kritikern als langfristiges Inflationsrisiko gesehen.
-
Politische Einflussnahme
- Zentralbanken müssen unabhängig bleiben, um wirtschaftspolitische Stabilität zu gewährleisten.
- Wenn sie als LLR Staaten finanzieren, könnte dies ihre Unabhängigkeit gefährden (z. B. Diskussionen über die Rolle der EZB in der Eurokrise).
-
Ungerechte Verteilung von Rettungshilfen
- Während große Banken oft gerettet werden, erhalten kleine Banken oder Bürger selten direkte Hilfe.
- Beispiel: Während der Finanzkrise 2008 wurden Banken mit Milliardenhilfen gestützt, während viele Bürger ihre Häuser verloren.
Alternativen zum traditionellen LLR-Modell
Aufgrund der Kritik wurden alternative Modelle diskutiert:
-
Striktere Bankenregulierung
- Einführung höherer Eigenkapitalanforderungen (Basel III), um Banken widerstandsfähiger zu machen.
-
Bail-in statt Bail-out
- Statt Steuergelder für Rettungen zu verwenden, müssen Banken Gläubiger und Aktionäre an Verlusten beteiligen.
- Beispiel: Der EU-Bankenabwicklungsmechanismus (SRM) setzt verstärkt auf Bail-ins.
-
Dezentrale Finanzsysteme (DeFi)
- Blockchain-basierte Finanzsysteme könnten langfristig die Abhängigkeit von Zentralbanken reduzieren.
Fazit
Der Kreditgeber letzter Instanz (Lender of Last Resort) ist eine essenzielle Institution zur Sicherung der Finanzmarktstabilität. Zentralbanken wie die Fed und die EZB haben wiederholt bewiesen, dass ihr Eingreifen systemische Krisen verhindern kann.
Allerdings gibt es auch erhebliche Risiken, insbesondere in Bezug auf Moral Hazard, Inflation und politische Einflussnahme. Die Herausforderung besteht darin, die Vorteile des LLR zu nutzen, ohne Fehlanreize für Banken zu schaffen. Durch strengere Regulierungen und alternative Krisenmechanismen könnte das System langfristig stabiler gestaltet werden.