Legacy-Systeme Börsenlexikon Vorheriger Begriff: Ledger Enterprise Nächster Begriff: Kashi

Ein veraltetes technologisches System oder eine Software im Finanzsektor, die weiterhin genutzt wird, obwohl sie oft ineffizient, schwer wartbar und mit modernen Technologien oder regulatorischen Anforderungen nur begrenzt kompatibel ist

Legacy-Systeme im Finanzsektor bezeichnen veraltete, aber weiterhin betriebene IT-Systeme, die in Banken, Versicherungen und anderen Finanzinstituten zentrale Funktionen übernehmen. Diese Systeme basieren häufig auf älteren Technologien, Programmiersprachen oder Plattformen – etwa COBOL, Mainframe-Architekturen oder individuell entwickelten Softwarelösungen der 1970er bis 1990er Jahre – und wurden über Jahrzehnte hinweg stetig erweitert und angepasst. Trotz ihrer technologischen Rückständigkeit erfüllen sie nach wie vor zentrale Aufgaben im Tagesgeschäft, insbesondere in den Bereichen Zahlungsverkehr, Kernbankenfunktionen, Kundenmanagement und Risikokontrolle.

Bedeutung und Verbreitung von Legacy-Systemen

In vielen etablierten Finanzinstituten bilden Legacy-Systeme das Rückgrat der operativen Infrastruktur. Sie sind tief in die Geschäftsprozesse eingebettet, hochgradig individualisiert und mit einer Vielzahl von internen wie externen Schnittstellen verbunden. Dies macht ihren Austausch technisch aufwendig und kostenintensiv. Zudem sind viele dieser Systeme äußerst zuverlässig und performant, insbesondere im Hinblick auf Transaktionsvolumen, Stabilität und Ausfallsicherheit – Eigenschaften, die im Finanzsektor höchste Priorität genießen.

Ein erheblicher Teil der heutigen IT-Ausgaben im Finanzsektor entfällt auf Wartung und Betrieb dieser Systeme. Studien schätzen, dass in großen Banken bis zu 75 % des IT-Budgets für den Erhalt der bestehenden Infrastruktur aufgewendet werden. Diese Abhängigkeit von Legacy-Systemen ist nicht nur technologisch relevant, sondern hat auch strategische und regulatorische Implikationen.

Technologische Herausforderungen

Die technischen Schwierigkeiten im Zusammenhang mit Legacy-Systemen lassen sich in mehreren Kategorien zusammenfassen:

  1. Veraltete Programmiersprachen und Plattformen: Viele Systeme basieren auf Sprachen wie COBOL oder Assembler, für die es heute nur noch wenige spezialisierte Entwickler gibt. Der Nachwuchsmangel führt dazu, dass Wissen über diese Systeme zunehmend verloren geht.

  2. Mangelnde Flexibilität und Skalierbarkeit: Legacy-Systeme sind häufig monolithisch aufgebaut, was Erweiterungen, Änderungen oder die Integration moderner Anwendungen wie API-Schnittstellen, Cloud-Dienste oder Mobile Banking erheblich erschwert.

  3. Sicherheitsrisiken: Alte Systeme erfüllen häufig nicht mehr die aktuellen Sicherheitsstandards. Fehlende Verschlüsselung, unzureichendes Patch-Management oder veraltete Authentifizierungsverfahren stellen potenzielle Einfallstore für Cyberangriffe dar.

  4. Komplexität der Systemlandschaft: Über Jahre hinweg wurden viele Legacy-Systeme durch proprietäre Lösungen ergänzt, wodurch eine heterogene IT-Landschaft entstanden ist. Dies erschwert nicht nur Wartung und Fehlerbehebung, sondern auch regulatorische Compliance und Datenintegration.

Ökonomische und regulatorische Aspekte

Die Beibehaltung von Legacy-Systemen hat weitreichende wirtschaftliche und regulatorische Konsequenzen. Ökonomisch betrachtet verursacht der Betrieb alter IT-Infrastrukturen hohe laufende Kosten, insbesondere durch die Notwendigkeit spezialisierter Fachkräfte, individuelle Wartungsmaßnahmen und aufwendige Tests bei Änderungen. Gleichzeitig blockieren sie Investitionen in moderne, digitale Lösungen, da ein Großteil des Budgets gebunden ist.

Regulatorisch stehen Finanzinstitute unter Druck, Anforderungen in Bezug auf Transparenz, Sicherheit und Datenschutz zu erfüllen. Internationale Normen wie Basel III, die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) oder branchenspezifische Standards wie BCBS 239 fordern von Banken eine moderne, nachvollziehbare und auswertbare IT-Architektur. Viele Legacy-Systeme genügen diesen Anforderungen nur eingeschränkt oder erfordern aufwendige Zusatzlösungen zur Erfüllung regulatorischer Vorgaben.

Strategien zur Modernisierung

Trotz der genannten Herausforderungen ist die vollständige Ablösung von Legacy-Systemen in der Praxis selten kurzfristig realisierbar. Finanzinstitute verfolgen daher unterschiedliche Strategien zur schrittweisen Modernisierung ihrer IT-Landschaft:

  1. Replatforming: Hierbei wird die Software auf eine modernere Plattform überführt, ohne die Funktionalität grundlegend zu ändern. Ziel ist es, die Systemleistung und Skalierbarkeit zu verbessern.

  2. Refactoring: Dabei wird der Quellcode überarbeitet, um Struktur und Wartbarkeit zu verbessern. Diese Methode eignet sich besonders für Systeme, deren Funktionalität erhalten, aber technologisch aktualisiert werden soll.

  3. Rehosting: Dies beschreibt die Migration von Anwendungen auf moderne Server- oder Cloud-Infrastrukturen, ohne die Applikation selbst zu verändern. Der Fokus liegt hier auf Kostensenkung und Infrastrukturflexibilisierung.

  4. Replacement: In Einzelfällen werden Alt-Systeme durch neue Anwendungen ersetzt. Diese Strategie ist zwar langfristig effizient, aber mit hohen Risiken, Zeit- und Kostenaufwand verbunden.

  5. Integration über Middleware: Häufig werden bestehende Systeme über Middleware-Lösungen mit neuen Anwendungen verbunden. Dies ermöglicht die Nutzung moderner Frontends und Services, ohne das Altsystem vollständig auszutauschen.

Bedeutung für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit

Die Fähigkeit zur schnellen Implementierung neuer Technologien – etwa künstlicher Intelligenz, Blockchain-Anwendungen oder Open-Banking-Schnittstellen – wird zunehmend zum Wettbewerbsvorteil im Finanzsektor. Legacy-Systeme bremsen diese Innovationskraft, da sie häufig nicht mit den technologischen Voraussetzungen neuer Lösungen kompatibel sind oder deren Integration unverhältnismäßig aufwendig machen.

Zudem erwarten Kunden zunehmend digitale Services, Echtzeittransaktionen und personalisierte Angebote. Banken, die weiterhin auf veraltete IT-Strukturen setzen, laufen Gefahr, den Anschluss an technologische Entwicklungen und Kundenerwartungen zu verlieren. In der Folge könnte ihre Wettbewerbsfähigkeit insbesondere gegenüber FinTechs oder Neo-Banken sinken, die von Anfang an auf flexible, skalierbare und modulare IT-Architekturen setzen.

Fazit

Legacy-Systeme im Finanzsektor sind trotz technologischer Rückständigkeit nach wie vor unverzichtbare Bestandteile der IT-Infrastruktur vieler Banken und Finanzdienstleister. Sie zeichnen sich durch Zuverlässigkeit und Stabilität aus, stellen jedoch aufgrund ihrer begrenzten Flexibilität, hohen Wartungskosten und mangelnden Innovationsfähigkeit eine zunehmende Belastung dar. Technologischer Fortschritt, regulatorische Anforderungen und veränderte Kundenerwartungen zwingen Finanzinstitute dazu, mittel- bis langfristige Strategien zur Modernisierung ihrer IT-Systeme zu entwickeln und umzusetzen. Ein strukturierter, risikobewusster und schrittweiser Transformationsprozess ist dabei essenziell, um Kontinuität im Geschäftsbetrieb zu gewährleisten und gleichzeitig die Grundlage für zukünftige Innovationen zu schaffen.