Power of Siberia 2 Börsenlexikon Vorheriger Begriff: Pure Proof of Stake (PPoS) Nächster Begriff: World Liberty Financial

Eine geplante Erdgaspipeline, die Gas von Westsibirien über die Mongolei nach China transportiert, mit einer Kapazität von 50 Milliarden Kubikmetern pro Jahr

Die „Siberia 2“-Pipeline, auch bekannt unter der Bezeichnung „Power of Siberia 2“, ist ein geplantes Großprojekt zur Erdgasversorgung zwischen Russland und China. Es handelt sich um eine internationale Pipeline, die russisches Erdgas von den großen sibirischen Lagerstätten nach China transportieren soll. Dabei steht das Projekt in engem Zusammenhang mit geopolitischen, wirtschaftlichen und energiepolitischen Überlegungen, sowohl auf Seiten Russlands als auch Chinas. Die Pipeline ist insbesondere in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus geraten, da sich die globalen Energielieferketten durch politische Entwicklungen – insbesondere den Ukraine-Konflikt – grundlegend verändern.

Geopolitischer Hintergrund und strategische Bedeutung

Die strategische Bedeutung der Siberia 2 Pipeline ergibt sich insbesondere aus den sich wandelnden politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und Europa. Bis zum Jahr 2022 war die Europäische Union der größte Abnehmer russischen Erdgases. Im Zuge der Sanktionen gegen Russland und der russischen Gegenschritte hat sich diese Abhängigkeit jedoch drastisch reduziert. Russland ist daher bestrebt, neue Absatzmärkte für seine fossilen Energieträger zu erschließen, wobei insbesondere China als wirtschaftlich starke Nation mit einem enormen Energiebedarf im Zentrum dieser Strategie steht.

China wiederum verfolgt das Ziel, seine Energieversorgung zu diversifizieren. Die Abhängigkeit von Seewegen, über die ein Großteil des LNG (Flüssigerdgas) importiert wird, stellt ein sicherheitspolitisches Risiko dar. Festlandbasierte Pipelines gelten hingegen als stabilere Versorgungskanäle. In diesem Kontext bietet die Siberia 2 Pipeline China eine zusätzliche Importquelle, die nicht auf dem Seeweg transportiert werden muss.

Technische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen

Das Projekt Power of Siberia 2 ist als Fortsetzung beziehungsweise Ergänzung der bereits existierenden „Power of Siberia 1“-Pipeline geplant, die seit Dezember 2019 in Betrieb ist und jährlich bis zu 38 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach China transportieren kann. Die zweite Pipeline soll nach derzeitigen Planungen eine Kapazität von rund 50 Milliarden Kubikmetern pro Jahr erreichen. Damit würde sie in etwa dem früheren Lieferumfang der Nord Stream 1 Pipeline entsprechen.

Die geplante Strecke der Siberia 2 Pipeline soll von der russischen Region Jamal in Westsibirien über die Mongolei nach Nordchina führen. Die Gesamtlänge beträgt voraussichtlich über 2.600 Kilometer. Ein Großteil der Infrastruktur muss dabei neu errichtet werden, was das Projekt zu einer technisch wie finanziell anspruchsvollen Aufgabe macht. Die Kosten werden auf über 50 Milliarden US-Dollar geschätzt, wobei sowohl staatliche als auch private Investoren beteiligt sein könnten.

Der russische Energiekonzern Gazprom ist der Hauptakteur auf russischer Seite. In der Mongolei ist die staatliche Firma Erdenes Mongol in das Projekt eingebunden. In China übernimmt der Energiekonzern CNPC (China National Petroleum Corporation) die Rolle des Abnehmers und Partners.

Verhandlungen, Genehmigungen und politische Dynamik

Trotz umfangreicher Machbarkeitsstudien und grundsätzlicher politischer Zustimmung ist die konkrete Umsetzung des Projekts bisher nicht erfolgt. Ein wesentlicher Grund dafür sind die anhaltenden Verhandlungen über Preise, Lieferbedingungen und Investitionsverantwortlichkeiten. China ist bekannt dafür, in Energieverhandlungen langfristige, preislich günstige Verträge anzustreben. Russland wiederum ist aufgrund der geopolitischen Isolation verstärkt auf eine schnelle Einigung angewiesen, möchte jedoch möglichst lukrative Bedingungen erzielen.

Ein weiteres Hindernis liegt in der geopolitischen Lage der Mongolei. Zwar ist das Land politisch neutral und steht wirtschaftlichen Kooperationen offen gegenüber, dennoch sind umfangreiche Umwelt- und Sicherheitsprüfungen notwendig. Die Regierung der Mongolei hat das Projekt grundsätzlich befürwortet, doch die finalen Genehmigungen standen lange aus.

Stand Mitte 2025 liegt noch keine finale Investitionsentscheidung (Final Investment Decision, FID) vor. Der ursprünglich anvisierte Baustart für 2024 wurde verschoben. Experten rechnen derzeit mit einer möglichen Inbetriebnahme frühestens in den frühen 2030er Jahren, vorausgesetzt die politische und wirtschaftliche Lage bleibt stabil.

Energiemarktliche Einordnung und Auswirkungen

Die Siberia 2 Pipeline ist Teil einer größeren Umorientierung der globalen Energiemärkte. Russland verfolgt zunehmend eine Asien-Strategie, um die Verluste aus dem europäischen Markt zu kompensieren. Dabei ist jedoch zu beachten, dass der asiatische Markt – insbesondere China – preislich deutlich sensibler agiert als die EU in der Vergangenheit. Dies könnte sich langfristig auf die Einnahmen Russlands aus dem Gasexport negativ auswirken.

Für China bietet das Projekt hingegen mehrere Vorteile. Neben der Diversifikation der Energieversorgung können durch langfristige Verträge stabile Bezugspreise erzielt werden. Zudem stärkt China durch solche Infrastrukturprojekte seine Position als zentraler Knotenpunkt im eurasischen Energiehandel.

Allerdings birgt die Fokussierung auf russisches Gas auch Risiken. Politische Instabilität, wirtschaftliche Unsicherheiten sowie mögliche Sanktionen gegen Russland könnten die Versorgungssicherheit gefährden. Auch Umweltbedenken – etwa im Zusammenhang mit der Durchquerung empfindlicher Ökosysteme in der Mongolei – spielen in der öffentlichen Debatte eine zunehmende Rolle.

Fazit

Die Siberia 2 Pipeline stellt ein geopolitisch und wirtschaftlich bedeutsames Projekt dar, das sowohl für Russland als auch für China strategisches Potenzial birgt. Während Russland eine neue Abnehmerregion für sein Erdgas erschließen will, sucht China nach stabileren Energiequellen jenseits des Weltmarkts für LNG. Technisch handelt es sich um ein anspruchsvolles Infrastrukturvorhaben mit einer geplanten Kapazität von rund 50 Milliarden Kubikmetern pro Jahr. Trotz politischer Absichtserklärungen sind viele zentrale Fragen – insbesondere zur Finanzierung, zu Vertragsbedingungen und zur Genehmigungslage – bisher nicht abschließend geklärt. Die Realisierung bleibt stark abhängig von der geopolitischen Entwicklung und der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der beteiligten Länder. Langfristig könnte die Pipeline die Energiearchitektur Asiens und die Rolle Russlands im globalen Energiemarkt maßgeblich verändern.