QuadrigaCX (2019) Börsenlexikon Vorheriger Begriff: Mt. Gox (2014) Nächster Begriff: FTX (2022)

Eine kanadische Kryptowährungsbörse, die 2019 nach dem Tod ihres CEOs zusammenbrach, da er die Zugangscodes zu den Kundenguthaben kontrollierte, was zu Insolvenz und massiven Verlusten für Nutzer führte

QuadrigaCX war eine kanadische Kryptowährungsbörse, die 2019 durch einen spektakulären Skandal weltweit Schlagzeilen machte. Im Zentrum des Vorfalls stand der angebliche plötzliche Tod des alleinigen Geschäftsführers Gerald Cotten, der der einzige war, der Zugriff auf die privaten Schlüssel der Cold Wallets des Unternehmens hatte. Infolge dieses Ereignisses verloren rund 76.000 Kunden den Zugriff auf insgesamt über 215 Millionen kanadische Dollar. Der Fall QuadrigaCX gilt als einer der größten Betrugs- und Missmanagementfälle in der Geschichte der Kryptowährungen.

Entstehung und Geschäftsmodell

QuadrigaCX wurde 2013 von Gerald Cotten in Vancouver gegründet. Ziel war es, eine kanadische Plattform für den einfachen Kauf, Verkauf und Handel von Kryptowährungen – insbesondere Bitcoin – anzubieten. In einer Zeit, in der internationale Börsen wie Mt. Gox bereits wuchsen, war QuadrigaCX eine der wenigen nationalen Alternativen für kanadische Investoren.

Die Plattform ermöglichte Einzahlungen in kanadischen Dollar, bot eine vergleichsweise benutzerfreundliche Oberfläche und versprach schnellen Service. Durch das wachsende Interesse an Kryptowährungen, besonders in den Jahren 2017 und 2018, erlebte QuadrigaCX ein rapides Wachstum und zog Tausende neue Kunden an.

Geschäftsführung durch Gerald Cotten

Im Gegensatz zu größeren und professionell geführten Börsen wurde QuadrigaCX fast ausschließlich von Gerald Cotten selbst betrieben. Cotten war CEO, Entwickler, Buchhalter und einziger Zugriffsträger auf die Hauptvermögenswerte des Unternehmens.

Die Kryptowährungen der Kunden wurden überwiegend in sogenannten Cold Wallets gespeichert – also auf Speichermedien, die nicht mit dem Internet verbunden sind. Dies gilt zwar grundsätzlich als sicher gegen Hackerangriffe, birgt jedoch ein zentrales Risiko: Wer den Zugangsschlüssel verliert oder stirbt, ohne diesen zu hinterlegen, kann das Vermögen unwiederbringlich verlieren.

Der plötzliche Tod und seine Folgen

Am 9. Dezember 2018 verstarb Gerald Cotten im Alter von 30 Jahren auf einer Reise in Indien angeblich an den Folgen der Crohn-Krankheit, einer chronischen Darmentzündung. Die Todesnachricht wurde allerdings erst im Januar 2019 öffentlich gemacht – zusammen mit der Mitteilung, dass QuadrigaCX den Zugriff auf rund 190 Millionen kanadische Dollar in Kryptowährungen verloren habe.

Laut Angaben der Witwe Jennifer Robertson hatte Cotten die privaten Schlüssel zu den Cold Wallets auf seinem verschlüsselten Laptop gespeichert, zu dem niemand sonst Zugang hatte. Infolge dessen konnte die Börse ihren Verpflichtungen gegenüber den Kunden nicht mehr nachkommen.

Untersuchung durch Ernst & Young

Die kanadische Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY) wurde zum gerichtlich bestellten Insolvenzverwalter (Monitor) ernannt. Im Verlauf der Untersuchung kamen zahlreiche Unregelmäßigkeiten ans Licht:

  1. Nicht vorhandene Cold Wallets: EY stellte fest, dass die angeblichen Cold Wallets seit Monaten keine Transaktionen mehr durchgeführt hatten. Die dort vermuteten Vermögenswerte existierten zum Teil gar nicht.

  2. Vermischung von Geldern: Cotten hatte offenbar Kundengelder mit eigenen Konten vermischt und zum privaten Handel auf anderen Plattformen verwendet.

  3. Verlust durch Spekulation: Ein Großteil der Vermögenswerte wurde auf Margin-Börsen wie Bitfinex und Kraken gehandelt und dort durch Fehlentscheidungen verloren.

  4. Keine Buchhaltung: QuadrigaCX hatte weder eine professionelle Buchführung noch internes Kontrollsystem. Cotten führte Geschäftstätigkeiten überwiegend manuell aus.

Die Untersuchungen ergaben, dass das Unternehmen bereits vor dem Tod Cottens faktisch insolvent war. Die angebliche Cold-Wallet-Verwahrung war in Wirklichkeit ein Deckmantel für Missmanagement und mutmaßlichen Betrug.

Reaktionen und rechtliche Folgen

Die Insolvenz von QuadrigaCX hatte weitreichende Folgen für Anleger, Behörden und die Krypto-Community in Kanada und weltweit:

  • Verluste für Nutzer: Über 76.000 Kunden verloren ihre Einlagen – in Bitcoin, Ethereum, Litecoin, Bitcoin Cash und kanadischen Dollar.

  • Gerüchte und Spekulationen: Es kamen Theorien auf, Cotten habe seinen Tod inszeniert, um sich mit dem Geld abzusetzen. Die Forderung nach Exhumierung wurde öffentlich diskutiert, bisher aber nicht umgesetzt.

  • Stärkung der Regulierung: Die kanadische Finanzaufsichtsbehörde FINTRAC verschärfte ihre Auflagen für Krypto-Börsen. Zudem wurde die Notwendigkeit zur Treuhandverwahrung, regelmäßigen Audits und Transparenz hervorgehoben.

Die Ontario Securities Commission (OSC) veröffentlichte 2020 einen Abschlussbericht, der den Fall als betrügerisches Ponzi-System einstufte. Cotten habe neue Kundeneinlagen genutzt, um frühere Auszahlungsforderungen zu bedienen – ein klassisches Schneeballsystem.

Krypto-ökonomische Lehren aus dem Fall

Der Fall QuadrigaCX unterstreicht mehrere zentrale Lehren für den sicheren Umgang mit Kryptowährungen:

  1. Vermeidung zentraler Risiken: Vertrauen in eine einzige Person oder Organisation birgt erhebliche Risiken. Dezentralisierte Lösungen und Multi-Signature-Verfahren bieten mehr Sicherheit.

  2. Bedeutung von Governance: Transparenz, Kontrolle und Rechenschaftspflicht sind essenziell, besonders bei der Verwahrung fremder Gelder.

  3. Selbstverwahrung als Option: Nutzer, die ihre eigenen privaten Schlüssel verwahren, sind vor solchen Vorfällen weitgehend geschützt – siehe Grundsatz "Not your keys, not your coins".

  4. Regulierung kann schützen: Auch wenn Dezentralität viele Vorteile bietet, kann Regulierung zur Sicherung von Mindeststandards im Kundeninteresse notwendig sein.

Entschädigung und Rückzahlungen

Im Rahmen des Insolvenzverfahrens wurden einige Mittel – unter anderem aus verbleibenden Fiat-Beständen und kleineren Krypto-Reserven – identifiziert und liquidiert. Gläubiger konnten ihre Ansprüche anmelden, doch selbst bei voller Ausschüttung ist nur ein Bruchteil der Verluste gedeckt.

Ein Beispiel für die realistische Rückzahlung:

$$ \text{Rückzahlungsquote} = \frac{\text{verwertetes Vermögen}}{\text{Gesamte Forderungssumme}} \times 100 $$

Angenommen, es stehen 30 Millionen CAD zur Verteilung bei Forderungen in Höhe von 215 Millionen CAD, ergibt sich:

$$ \frac{30.000.000}{215.000.000} \times 100 \approx 13,95 \% $$

Die tatsächliche Rückzahlung wird also für die meisten Geschädigten einen erheblichen Verlust bedeuten.

Fazit

Der QuadrigaCX-Skandal von 2019 zeigt auf erschreckende Weise, wie gravierend die Folgen mangelnder Kontrolle, Intransparenz und zentralisierter Verantwortung im Kryptobereich sein können. Der angebliche Tod von Gerald Cotten führte nicht nur zu einem finanziellen Fiasko für Tausende Anleger, sondern offenbarte tiefgreifende strukturelle Schwächen in der Krypto-Infrastruktur jener Zeit. Heute dient der Fall als mahnendes Beispiel für die Notwendigkeit robuster Sicherheitsmaßnahmen, transparenter Governance und regulierter Verwahrstrukturen – sowie für die Eigenverantwortung jedes Anlegers im Umgang mit digitalen Vermögenswerten.