REACT-EU Börsenlexikon Vorheriger Begriff: MFA (Macro-Financial Assistance) Nächster Begriff: InvestEU
Eine EU-Finanzierungsinitiative, die zusätzliche Mittel in Strukturfondsprogramme leitet, um die wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie zu beschleunigen, Arbeitsplätze zu schaffen und Investitionen in grüne sowie digitale Transformationen zu fördern
Die Aufbauhilfe „Recovery Assistance for Cohesion and the Territories of Europe“ (REACT-EU) ist ein Finanzierungsinstrument der Europäischen Union, das im Rahmen der Reaktion auf die COVID-19-Pandemie geschaffen wurde. Es ist Teil des umfassenden Aufbauinstruments „NextGenerationEU“ und soll helfen, wirtschaftliche und soziale Schäden abzumildern, die durch die Pandemie entstanden sind. Dabei fließen über REACT-EU zusätzliche Mittel in die Kohäsionspolitik der EU, insbesondere zur Unterstützung von Beschäftigung, Unternehmen und öffentlichen Dienstleistungen in besonders betroffenen Regionen. Die Finanzierung erfolgte zusätzlich zum mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) 2014–2020 und diente der Überbrückung bis zum Inkrafttreten des regulären Programms der Förderperiode 2021–2027.
Zielsetzung und Funktionsweise
REACT-EU verfolgte in erster Linie das Ziel, wirtschaftliche Erholung zu ermöglichen und gleichzeitig die Krisenresilienz in Europa zu stärken. Dazu wurden zusätzliche Finanzmittel in bestehende Strukturfondsprogramme eingespeist, insbesondere in den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und den Europäischen Sozialfonds (ESF). Die Mittel konnten relativ flexibel eingesetzt werden, unter anderem zur Förderung von Digitalisierung, ökologischer Transformation, Unterstützung von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), Beschäftigungsmaßnahmen und Investitionen in das Gesundheitswesen.
Im Gegensatz zu herkömmlichen EU-Förderprogrammen zeichnete sich REACT-EU durch vereinfachte Verfahren und eine schnellere Bereitstellung von Mitteln aus. Die Mitgliedstaaten konnten bestehende Strukturen nutzen, um Projekte kurzfristig zu realisieren und gezielt auf regionale Bedürfnisse zu reagieren. Die Mittel wurden nach Maßgabe der wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Pandemie auf die Regionen verteilt. Besonders betroffen waren süd- und osteuropäische Länder, die entsprechend hohe Mittelzuweisungen erhielten.
Positive Wirkungen
Unbestritten ist, dass REACT-EU in einer akuten Krisensituation eine schnelle Reaktion ermöglichte. Viele Unternehmen, die infolge der Pandemie mit drastischen Umsatzeinbrüchen konfrontiert waren, erhielten durch das Programm Liquiditätshilfen oder konnten Digitalisierungsmaßnahmen vorantreiben. Auch im Gesundheitswesen trug REACT-EU zur kurzfristigen Verbesserung von Versorgungsstrukturen bei. Schulen und öffentliche Verwaltungen profitierten in vielen Fällen von digitaler Infrastruktur, die ohne die Fördermittel nicht realisierbar gewesen wäre.
Zudem wirkte REACT-EU stabilisierend auf den europäischen Arbeitsmarkt. Mit Programmen zur Qualifizierung und Beschäftigungssicherung konnte der abrupte Anstieg der Arbeitslosigkeit in vielen Mitgliedstaaten gedämpft werden. Die Maßnahmen unterstützten insbesondere jene Bevölkerungsgruppen, die in prekären Beschäftigungsverhältnissen standen oder von Langzeitarbeitslosigkeit bedroht waren.
Kritikpunkte und negative wirtschaftliche Auswirkungen
Trotz dieser positiven Aspekte wurde REACT-EU auch aus ökonomischer und strukturpolitischer Sicht kritisch bewertet. Eine zentrale Kritik betrifft die kurz- bis mittelfristige Wirkung auf die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Volkswirtschaften. Durch den hohen Anteil an konsumtiven Ausgaben und Soforthilfen gerieten langfristige Investitionen in den Hintergrund. Fördermittel wurden teilweise für laufende Kosten verwendet, anstatt nachhaltige Wachstumsimpulse zu setzen. Dies kann zur Folge haben, dass strukturelle Defizite in den betroffenen Regionen nicht ausreichend adressiert wurden.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die ungleiche Wirkung des Programms in den Mitgliedstaaten. Die Verteilung der Mittel orientierte sich zwar an den pandemiebedingten wirtschaftlichen Schäden, jedoch wurde die längerfristige Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaften dabei nicht berücksichtigt. Länder mit schwächer entwickelten Verwaltungsstrukturen konnten die Mittel oft nicht effizient abrufen oder umsetzen. In einigen Fällen kam es zu Fehlallokationen, weil Projekte nicht ausreichend geprüft oder evaluierbar gestaltet wurden. Der politische Druck zur schnellen Mittelverwendung führte dabei mitunter zu einer Absenkung der qualitativen Anforderungen an die Förderprojekte.
Auch auf makroökonomischer Ebene lassen sich potenziell negative Effekte feststellen. Die massiven staatlichen Unterstützungsleistungen im Rahmen von REACT-EU führten zu einer vorübergehenden Verzerrung von Marktmechanismen. Wettbewerbsverzerrungen zwischen Unternehmen, die Zugang zu Fördermitteln hatten, und jenen, die leer ausgingen, waren insbesondere in sektorspezifischen Märkten zu beobachten. Dies betrifft unter anderem den Bereich der digitalen Dienstleistungen oder der Gesundheitswirtschaft. Unternehmen, die ohne Förderung operierten, konnten oft nicht in gleichem Maße in Innovation oder Kapazitätserweiterung investieren, was langfristige Wettbewerbsnachteile mit sich bringen kann.
Zudem besteht das Risiko, dass REACT-EU unbeabsichtigt strukturelle Reformprozesse in einzelnen Ländern verzögert hat. Die schnelle Bereitstellung von Finanzhilfen schwächte in manchen Fällen den Reformdruck auf nationale Haushalte und Institutionen. Anstatt notwendige Anpassungen in der Wirtschafts- und Sozialpolitik vorzunehmen, konnten Defizite durch EU-Mittel kurzfristig kompensiert werden. Eine nachhaltige Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit wurde dadurch nicht in allen Fällen erreicht.
Schließlich wirft die Finanzierung des Programms über gemeinsame EU-Schulden ebenfalls kritische Fragen auf. REACT-EU wurde aus dem EU-Aufbauinstrument NextGenerationEU finanziert, das erstmals eine gemeinschaftliche Verschuldung der Europäischen Union ermöglichte. Diese Art der Schuldenaufnahme schafft zwar kurzfristig fiskalischen Spielraum, bedeutet jedoch eine langfristige Belastung der EU-Haushalte. Kritiker befürchten, dass dadurch zukünftige Generationen wirtschaftlich belastet werden, ohne dass ein entsprechender Mehrwert gesichert ist.
Fazit
REACT-EU stellte ein wichtiges Instrument zur wirtschaftlichen Krisenbewältigung im Zuge der COVID-19-Pandemie dar und konnte in vielen Bereichen kurzfristig positive Effekte erzielen. Die flexible Struktur des Programms sowie die schnelle Verfügbarkeit der Mittel halfen dabei, ökonomische Verwerfungen abzufedern und die soziale Stabilität in Europa zu sichern. Dennoch zeigen sich bei näherer Betrachtung auch kritische Aspekte. Die kurzfristige Ausrichtung, mangelnde Investitionen in langfristige Strukturreformen sowie potenzielle Wettbewerbsverzerrungen weisen auf ökonomische Risiken hin. Die gemeinsame Schuldenaufnahme im Rahmen von NextGenerationEU wirft zudem Fragen nach der zukünftigen Finanzstabilität der EU auf. Eine abschließende Bewertung von REACT-EU wird letztlich davon abhängen, inwieweit es gelingt, die eingesetzten Mittel in nachhaltiges Wachstum und Resilienz umzuwandeln.