Retroactive Public Goods Funding (RPGF) Börsenlexikon Vorheriger Begriff: Optimism Collective Nächster Begriff: Orakel-Node

Eine Finanzierungsstrategie der Optimism Collective, die Projekte, die bereits nachweisbaren Nutzen für das Ökosystem erbracht haben, mit OP-Token belohnt, um positive Beiträge rückwirkend zu fördern und die Entwicklung öffentlicher Güter zu unterstützen

Retroactive Public Goods Funding (RPGF) ist ein innovativer Finanzierungsmechanismus innerhalb des Optimism Collective, der die nachträgliche Belohnung von Projekten vorsieht, die messbaren Nutzen für das Ethereum-Ökosystem und darüber hinaus geschaffen haben. Im Gegensatz zu klassischen Fördermodellen, bei denen Mittel vorab auf Grundlage von Projektplänen oder Vorschlägen vergeben werden, basiert RPGF auf dem Prinzip, dass Wirkung im Nachhinein honoriert wird – also dann, wenn der gesellschaftliche oder technische Mehrwert bereits nachweisbar ist.

Dieses Modell soll sicherstellen, dass Mittel für öffentliche Güter effizienter, leistungsbezogener und fairer verteilt werden. Es adressiert gleichzeitig ein zentrales Problem in dezentralen Ökosystemen: die chronische Unterfinanzierung von Public Goods – also Gemeingütern wie Open-Source-Software, Bildungsressourcen oder Infrastrukturprotokollen – die zwar allen nutzen, aber oft keine direkten monetären Einnahmequellen generieren.

Begriffsklärung: Öffentliche Güter im Web3-Kontext

Ein öffentliches Gut (Public Good) ist in der ökonomischen Theorie ein Gut, das zwei zentrale Eigenschaften aufweist:

  1. Nicht-Ausschließbarkeit: Niemand kann vom Konsum ausgeschlossen werden, z. B. Open-Source-Code.

  2. Nicht-Rivalität: Die Nutzung durch eine Person vermindert nicht die Nutzung durch andere.

Im Web3-Kontext zählen zu den öffentlichen Gütern unter anderem:

  • Open-Source-Bibliotheken und Infrastrukturtools (z. B. Hardhat, Ethers.js)

  • Bildungs- und Dokumentationsprojekte

  • Sicherheitsprüfungen und Audits

  • Open-Access-APIs und Datenfeeds

  • Community-Arbeit und Governance-Moderation

Da diese Güter meist keinen direkten Cashflow erzeugen, sind sie unter klassischen Investitionskriterien schwer zu finanzieren – trotz ihres hohen Nutzens für das gesamte Ökosystem. RPGF will diese Finanzierungslücke schließen.

Funktionsweise von RPGF

Der Prozess des Retroactive Public Goods Funding folgt einem klar strukturierten Ablauf. Er ist vollständig on-chain, transparent und wird von der Governance-Struktur des Optimism Collective gesteuert – insbesondere durch das Citizens’ House.

  1. Ankündigung einer Förderrunde (RPGF Round)
    Das Optimism Collective definiert einen Fördertopf (in OP-Token) und kündigt eine neue Runde an. Themenfokus, Förderkriterien und Zeitrahmen werden im Vorfeld festgelegt.

  2. Bewerbung von Projekten
    Projekte, Organisationen oder Einzelpersonen, die relevante Beiträge geleistet haben, können sich bewerben. Die Bewerbung beinhaltet Angaben zur Wirkung, Reichweite, Zielgruppe und zum gemeinwohlorientierten Charakter der Arbeit.

  3. Bewertung durch das Citizens’ House
    Die Mitglieder des Citizens’ House (digitale Bürger mit nicht übertragbaren Citizenship-NFTs) bewerten die Bewerbungen anhand festgelegter Kriterien. Ziel ist es, den tatsächlichen, retrospektiv belegbaren Wert eines Projekts für die Allgemeinheit einzuschätzen.

  4. Stimmabgabe und Mittelvergabe
    Die Stimmen werden gesammelt und gewichtet, woraufhin die OP-Token aus dem Fördertopf proportional zur Bewertung an die ausgewählten Projekte verteilt werden. Die Verteilung erfolgt automatisiert über Smart Contracts.

  5. Öffentliche Dokumentation
    Alle Bewerbungen, Bewertungen und Auszahlungen werden öffentlich dokumentiert, um Transparenz, Reproduzierbarkeit und Rechenschaft zu gewährleisten.

Bewertungskriterien

Die genauen Kriterien variieren je nach Förderrunde, beinhalten aber typischerweise:

  • Ökosystemweite Wirkung: Hat das Projekt anderen Entwicklern oder Nutzern messbar geholfen?

  • Zugänglichkeit: Ist das Ergebnis offen nutzbar, frei verfügbar und dokumentiert?

  • Nachhaltigkeit: Ist der geschaffene Wert langfristig relevant?

  • Innovation: Hat das Projekt neue Standards, Werkzeuge oder Formate etabliert?

  • Gemeinschaftsbezug: Hat das Projekt den sozialen Zusammenhalt oder die Governance-Kultur gestärkt?

Die Bewertung erfolgt dabei nicht auf Basis von Prognosen oder Versprechen, sondern anhand faktischer Wirkung, die im Nachhinein sichtbar und nachvollziehbar ist.

Beispiele aus bisherigen Förderrunden

Seit 2022 hat das Optimism Collective mehrere RPGF-Runden durchgeführt. In der zweiten Runde (RPGF2, Anfang 2023) wurden beispielsweise 10 Millionen OP-Token an über 190 Projekte ausgeschüttet. Zu den geförderten Projekten zählten:

  • Ethers.js: Eine wichtige JavaScript-Bibliothek zur Interaktion mit Ethereum.

  • Dune Analytics Dashboards: Offene Datenanalysen und Tools für DeFi.

  • WalletConnect: Protokoll zur Verbindung von Wallets und DApps.

  • OpenZeppelin Contracts: Standardisierte Smart Contracts für Ethereum.

  • Ethereum Cat Herders: Community-Organisation zur Unterstützung von Ethereum-Upgrades.

Diese Projekte wurden nicht nur für ihre technische Bedeutung, sondern auch für ihren offenen Zugang und Beitrag zur Dezentralisierung honoriert.

Rolle im Governance-Modell von Optimism

Das RPGF ist eng mit der Governance-Struktur des Optimism Collective verknüpft:

  • Die Token-Halter (Token House) entscheiden über den Umfang der Mittel, die für RPGF bereitgestellt werden.

  • Das Citizens’ House führt die Auswahlprozesse und Bewertungen durch.

  • Der OP-Token dient als Währungs- und Anreizmechanismus.

Diese Aufgabenteilung soll sicherstellen, dass Ressourcen demokratisch gesteuert und wirkungsorientiert verteilt werden – ohne rein finanzielle Interessen dominieren zu lassen.

Vorteile des RPGF-Modells

RPGF bietet mehrere entscheidende Vorteile gegenüber klassischen Fördermechanismen:

  1. Effizienz: Mittel fließen nur an Projekte, die bereits nachweislich funktioniert haben.

  2. Anreiz zur Wirkung: Projekte werden motiviert, echten Mehrwert zu schaffen, anstatt Anträge zu formulieren.

  3. Unabhängigkeit von Kapitalgebern: Auch kleinere Teams oder Einzelpersonen ohne Zugang zu Investoren können belohnt werden.

  4. Transparenz: Die gesamte Mittelvergabe ist öffentlich nachvollziehbar.

  5. Förderung offener Standards: Gemeingüter erhalten die Wertschätzung, die sie am Markt oft nicht erfahren.

Herausforderungen und Kritikpunkte

Trotz der Innovationskraft des Modells gibt es auch Herausforderungen:

  • Wirkungsmessung: Die Bewertung der „Wirkung“ ist methodisch anspruchsvoll und kann subjektiv verzerrt sein.

  • Governance-Komplexität: Die Zusammensetzung und Entscheidungsfindung im Citizens’ House ist bisher experimentell und institutionell wenig gefestigt.

  • Nachfrageeffekt: Projekte könnten sich vorrangig an den Erwartungen des RPGF orientieren, anstatt frei zu innovieren.

  • Langfristige Finanzierungssicherheit: Die nachhaltige Deckung des RPGF erfordert ein stabiles und wertstabiles OP-Treasury.

Fazit

Retroactive Public Goods Funding (RPGF) ist ein neuartiger, vielversprechender Mechanismus zur Finanzierung von Gemeingütern im Web3-Ökosystem. Er stellt einen Paradigmenwechsel dar: Weg von der Vorabförderung durch zentrale Institutionen, hin zur leistungsbezogenen Nachfinanzierung durch dezentrale Governance. In der Praxis hat RPGF bereits eine Vielzahl bedeutender Projekte unterstützt und zeigt, dass Blockchain-Governance nicht nur technische, sondern auch gesellschaftliche Innovation ermöglichen kann. Die langfristige Wirksamkeit wird davon abhängen, ob RPGF skalierbar, objektivierbar und langfristig finanzierbar bleibt – und ob es als Modell auch über Optimism hinaus in anderen Netzwerken Nachahmung findet.