Sablier Börsenlexikon Vorheriger Begriff: Rust (Solana, NEAR) Nächster Begriff: Sand Dollar
Eine dezentrale Plattform auf der Ethereum-Blockchain, die Echtzeit-Token-Streaming ermöglicht, um automatisierte, kontinuierliche Zahlungen für Vesting, Gehaltsabrechnungen, Airdrops und Zuschüsse zu erleichtern
Sablier ist ein dezentrales Protokoll zur Durchführung von Streaming-Zahlungen auf der Blockchain. Es wurde entwickelt, um zeitbasierte Überweisungen von Kryptowährungen zu ermöglichen – etwa für Gehaltszahlungen, Zuschüsse, Vesting-Pläne oder kontinuierliche Geldflüsse zwischen Unternehmen und Einzelpersonen. Das französische Wort „Sablier“ bedeutet „Sanduhr“ und verweist auf das zentrale Konzept: Der Zahlungsbetrag wird nicht auf einmal, sondern kontinuierlich über einen bestimmten Zeitraum freigegeben.
Sablier ist ein Open-Source-Projekt, das auf Ethereum gestartet wurde, mittlerweile jedoch auch auf weiteren EVM-kompatiblen Chains (wie Arbitrum, Optimism oder Polygon) verfügbar ist. Die Besonderheit von Sablier liegt in der automatisierten, linearen Verteilung von Token über Zeit, was gegenüber herkömmlichen Einmaltransaktionen mehr Transparenz, Planbarkeit und Kontrolle ermöglicht.
Grundprinzip: Zeitbasierte Zahlungsströme
Sablier basiert auf dem Konzept eines Token Streams, bei dem ein vordefinierter Betrag über einen festgelegten Zeitraum kontinuierlich an einen Empfänger fließt. Der Zahlungsfluss beginnt zu einem bestimmten Zeitpunkt und läuft linear bis zu einem definierten Enddatum. Der Empfänger kann jederzeit den Teilbetrag abheben, der ihm anteilig bereits „zugestanden“ wurde – basierend auf der seit dem Start vergangenen Zeitspanne.
Beispiel:
Ein Unternehmen erstellt einen Stream von 3.000 USDC, der über 30 Tage an eine freiberufliche Entwicklerperson ausgezahlt werden soll. Jeden Tag werden automatisch 100 USDC „verdient“. Die Entwicklerperson kann jeden Tag bis zu 100 USDC abheben – oder auch mehrere Tage abwarten und später die akkumulierte Summe abrufen.
Technische Funktionsweise
Die technische Implementierung erfolgt über Smart Contracts, die unveränderliche Regeln für den jeweiligen Stream definieren. Ein Stream besteht im Wesentlichen aus folgenden Parametern:
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Token-Typ: Der ERC-20-Token, der verwendet wird (z. B. USDC, DAI, ETH in Wrapped-Form)
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Sender-Adresse: Die Adresse, die den Stream finanziert
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Empfänger-Adresse: Die Adresse, die die Zahlungen empfängt
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Start- und Endzeitpunkt: Der Zeitraum, über den die Auszahlung gestreamt wird
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Gesamtbetrag: Der Token-Betrag, der vollständig über den Zeitraum verteilt werden soll
Sobald der Stream aktiviert ist, wird der Betrag anteilig pro Sekunde oder pro Block „freigeschaltet“. Das Guthaben kann jederzeit – ganz oder teilweise – vom Empfänger abgerufen werden. Eine vollständige Auszahlung ist erst nach Ablauf der Stream-Dauer möglich.
Versionen und Architektur
Sablier existiert in verschiedenen technischen Versionen. Die derzeit aktuelle Version ist Sablier V2, die mehrere Verbesserungen gegenüber der ursprünglichen Version (V1) enthält:
Wichtige Merkmale von Sablier V2:
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Pull-basiertes Modell: Empfänger müssen aktiv Token abholen – die Token werden nicht automatisch übertragen, sondern sind jederzeit abrufbar.
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Superfluidität: Token verbleiben bis zum Abruf im Smart Contract und können ggf. sogar weiterhin verzinst werden, wenn Zins-tragende Token wie Aave aTokens verwendet werden.
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Flexibilität bei Token: Unterstützung für verschiedene ERC-20-Token und Stablecoins.
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Vertragsadministration: Streams können unter bestimmten Bedingungen pausiert, gekürzt oder gestoppt werden – je nach Konfiguration durch den Sender.
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Multi-Chain-Unterstützung: Neben Ethereum auch auf Layer-2-Lösungen und Sidechains verfügbar.
Anwendungsbereiche
Sablier eignet sich für eine Vielzahl von realwirtschaftlichen und dezentralen Anwendungsszenarien:
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Gehaltszahlungen
Anstatt monatlich oder wöchentlich zu bezahlen, können Unternehmen Gehälter kontinuierlich streamen, sodass Mitarbeitende jederzeit auf anteilig verdientes Gehalt zugreifen können. -
Token-Vesting
Projekte können Token-Vesting für Investoren, Team-Mitglieder oder Berater auf transparente und automatisierte Weise umsetzen – ohne zentrale Verwahrung oder manuelle Freigaben. -
Grants und Zuschüsse
Zuschüsse aus Förderprogrammen oder DAOs können über Sablier zeitlich linear verteilt werden, um eine kontinuierliche Unterstützung sicherzustellen und Missbrauch zu vermeiden. -
Streaming für DAO-Mitglieder
DAO-Vergütungen (z. B. für Community-Moderatoren, Entwickler, Kuratoren) lassen sich durch Streaming-Zahlungen fair und nachvollziehbar gestalten. -
Freiberufliche Leistungen
Freelancer können sich für projektbezogene Vergütungen Stream-Zahlungen einrichten lassen, die ihre Arbeit in Echtzeit honorieren.
Vorteile gegenüber herkömmlichen Zahlungen
Sablier bietet gegenüber klassischen Blockchain-Transaktionen und zentralisierten Auszahlungssystemen mehrere Vorteile:
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Transparenz: Alle Stream-Parameter sind öffentlich einsehbar und verifizierbar.
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Planbarkeit: Sowohl Sender als auch Empfänger wissen genau, wann und wie viel Token freigegeben werden.
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Vertrauensminimierung: Kein Intermediär oder Treuhänder erforderlich – alles wird durch Smart Contracts abgewickelt.
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Flexibilität: Zahlung kann jederzeit angepasst oder gestoppt werden, sofern der Vertrag dies erlaubt.
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Liquidität während der Streaming-Zeit: Empfänger erhalten nicht alles auf einmal, sondern proportional zur Zeit – was gerade bei vesting-basierten Token sinnvoll ist.
Risiken und Einschränkungen
Trotz seiner Vorteile ist Sablier nicht frei von Risiken:
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Smart-Contract-Risiko
Fehlerhafte Implementierungen oder Sicherheitslücken im Smart Contract können zu Kapitalverlust führen. Sablier hat zwar Audits durchlaufen, dennoch besteht wie bei jedem Protokoll ein Restrisiko. -
Unverfügbarkeit bei zu wenig Liquidität
Wenn der Sender den Stream nicht vollständig vorfinanziert (je nach Version), kann es bei volatilen Token zu Engpässen oder Abbrüchen kommen. -
On-Chain-Abhängigkeit
Jede Interaktion (z. B. Abruf der Token) erfordert eine On-Chain-Transaktion, was bei hohem Gaspreis oder Netzwerklast Kosten verursachen kann. -
Kein vollautomatischer Transfer
Der Empfänger muss aktiv Token „claimen“. Nicht beanspruchte Token verbleiben im Smart Contract, bis sie abgerufen werden.
Sablier im DeFi-Ökosystem
Sablier ist modular aufgebaut und lässt sich in bestehende DeFi-Systeme integrieren. In Kombination mit anderen Protokollen ergeben sich erweiterte Möglichkeiten:
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Streaming-Zahlungen mit verzinsten Token (z. B. aUSDC)
Empfänger erhalten nicht nur regelmäßige Zahlungen, sondern profitieren auch von laufenden Zinserträgen. -
Verbindung mit DAOs
DAO-Governance-Strukturen können Sablier verwenden, um Zuteilungen aus Treasury-Mitteln effizienter und transparenter zu gestalten. -
Cross-Chain-Streaming
Mit der zunehmenden Expansion von Sablier auf weitere Chains ergeben sich neue Möglichkeiten für multichain-fähige Zahlungsmodelle.
Fazit
Sablier ist ein innovatives Protokoll für zeitbasierte, kontinuierliche Zahlungen auf der Blockchain. Es schafft eine neue Dimension der finanziellen Interaktion, bei der Zahlungen nicht punktuell, sondern dynamisch über Zeiträume hinweg erfolgen. Insbesondere im Bereich von DeFi-Vergütungen, Token-Vesting, DAO-Zahlungen und freiberuflicher Arbeit bietet Sablier eine transparente, vertrauensminimierte und flexible Lösung. Durch seine modulare Architektur, Multi-Chain-Unterstützung und Integration in bestehende Token-Standards ist es ein zukunftsweisendes Werkzeug für die Weiterentwicklung digitaler Finanzinfrastruktur.