TARGET Börsenlexikon Vorheriger Begriff: Synthetische Assets Nächster Begriff: TARGET2

Ein trans-europäisches automatisches Echtzeit-Bruttosiedlungsexpress-Transfer-System, das eine Plattform für die Echtzeit-Verrechnung großer Zahlungstransfers in Euro innerhalb der Eurozone und darüber hinaus bietet, um die Effizienz und Stabilität des europäischen Finanzsystems zu gewährleisten

TARGET steht als Abkürzung für Trans-European Automated Real-time Gross settlement Express Transfer system und bezeichnet das zentrale Echtzeit-Bruttozahlungssystem des Eurosystems. Es dient der schnellen und sicheren Abwicklung großer Zahlungsvolumina in Zentralbankgeld zwischen Geschäftsbanken und anderen Finanzmarktteilnehmern in Europa. TARGET ist ein wesentlicher Bestandteil der Finanzmarktinfrastruktur der Europäischen Union und stellt sicher, dass Geldströme innerhalb des Euroraums effizient, zuverlässig und stabil abgewickelt werden können.

Historische Entwicklung und Systemarchitektur

TARGET wurde 1999 mit der Einführung des Euro als Währung in elektronischer Form in Betrieb genommen. Ziel war es, ein einheitliches europäisches Zahlungssystem zu schaffen, das eine schnelle grenzüberschreitende Zahlungsabwicklung in Echtzeit ermöglicht. Ursprünglich bestand TARGET aus einer Verbindung nationaler Zahlungssysteme mit der Europäischen Zentralbank (EZB) als koordinierender Instanz. Dieses dezentrale Modell wurde 2007 durch TARGET2 abgelöst, das auf einer zentralisierten technischen Plattform basiert.

TARGET2 ist das derzeitige operative System, das von der Deutschen Bundesbank, der Banque de France und der Banca d’Italia gemeinsam betrieben wird. Es handelt sich dabei um eine Single Shared Platform (SSP), die für alle Teilnehmer identische Dienstleistungen bereitstellt. Seit 2022 ist das Eurosystem dabei, TARGET2 durch eine modernisierte Infrastruktur namens T2 zu ersetzen, die neben Echtzeitüberweisungen auch neue Funktionalitäten beinhaltet und stärker mit anderen Finanzmarktinfrastrukturen wie T2S (für Wertpapierabwicklung) und TIPS (für Sofortzahlungen) verzahnt ist.

Funktionsweise von TARGET

TARGET dient der Abwicklung sogenannter Bruttozahlungsverkehrstransaktionen in Echtzeit. Das bedeutet, dass Zahlungen einzeln, vollständig und unmittelbar verarbeitet werden, ohne dass sie mit anderen Zahlungen verrechnet werden. Die Transaktionen erfolgen in Zentralbankgeld, was ein Höchstmaß an Sicherheit darstellt.

Typische Transaktionen im TARGET-System sind:

  1. Interbankenzahlungen im Großbetragsbereich

  2. Geldmarktgeschäfte

  3. Zahlungsabwicklungen im Zusammenhang mit geldpolitischen Operationen

  4. Liquiditätsübertragungen zwischen verschiedenen Konten einer Bankengruppe

  5. Abwicklung von Zahlungsinstruktionen aus anderen Systemen wie T2S oder CLS

Die Buchung erfolgt auf den Konten, die Geschäftsbanken bei ihrer jeweiligen nationalen Zentralbank halten. Eine Zahlung wird dabei erst ausgeführt, wenn das Konto des Zahlers über ausreichende Deckung verfügt. Sollte dies nicht der Fall sein, wird die Zahlung in eine Warteschlange gestellt, bis Liquidität verfügbar ist.

Teilnehmerstruktur und Reichweite

Am TARGET-System nehmen verschiedene Arten von Institutionen teil:

  • Direkte Teilnehmer: Halten ein eigenes Konto bei einer Zentralbank im Eurosystem und können direkt Zahlungen senden und empfangen.

  • Indirekte Teilnehmer: Greifen über einen direkten Teilnehmer auf das System zu.

  • Korrespondenzteilnehmer: Verwenden ein Konto eines direkten Teilnehmers für ihre Transaktionen, ohne selbst Teilnehmer im engeren Sinne zu sein.

Mit über 1.000 direkten Teilnehmern und mehreren Tausend erreichbaren Banken weltweit (über Korrespondenzbanken) stellt TARGET eines der größten Zahlungssysteme der Welt dar.

Vorteile und Bedeutung für den Finanzmarkt

TARGET erfüllt zentrale Aufgaben für das Funktionieren der europäischen Finanzmärkte und der Geldpolitik. Die wichtigsten Vorteile und Funktionen sind:

  • Echtzeitabwicklung: Zahlungen werden innerhalb von Sekunden verarbeitet und gutgeschrieben.

  • Sicherheit: Abwicklung in Zentralbankgeld reduziert Kontrahentenrisiken auf ein Minimum.

  • Effizienz: Einheitliche Standards und zentrale Plattform vereinfachen Abläufe.

  • Geldpolitische Steuerung: Zentralbanken nutzen TARGET zur Umsetzung geldpolitischer Maßnahmen, insbesondere zur Steuerung der Liquidität im Bankensystem.

  • Verbindung zu anderen Systemen: TARGET ist mit Systemen wie T2S (Securities Settlement) und TIPS (Instant Payments) interoperabel, was eine ganzheitliche Abwicklung von Zahlung, Lieferung und Abrechnung ermöglicht.

TARGET-Salden im Eurosystem

Ein häufig diskutiertes Thema im Zusammenhang mit TARGET sind die sogenannten TARGET-Salden. Diese entstehen, wenn Zentralbanken der Eurozone unterschiedliche Zahlungsströme mit anderen nationalen Zentralbanken verzeichnen. Ein Nettozufluss oder -abfluss von Liquidität führt zu einer Forderung oder Verbindlichkeit gegenüber der Europäischen Zentralbank im internen Verrechnungssystem.

Ein Beispiel: Wenn ein deutsches Unternehmen eine Zahlung an ein spanisches Unternehmen tätigt, die Zahlung jedoch über die Bundesbank abgewickelt wird, erhöht sich der TARGET-Saldo der Bundesbank, während der Saldo der spanischen Zentralbank sinkt. Diese Salden spiegeln makroökonomische Ungleichgewichte sowie Kapitalflüsse innerhalb des Euroraums wider.

Die TARGET-Salden sind keine kurzfristig auszugleichenden Verbindlichkeiten, sondern Ausdruck des Binnenzahlungsverkehrs im Euro-Währungsgebiet. Sie können jedoch ökonomisch und politisch diskutiert werden, insbesondere im Kontext von Kapitalflucht, Leistungsbilanzungleichgewichten oder asymmetrischen Krisenentwicklungen.

Technische Merkmale und Weiterentwicklung

Die technische Plattform von TARGET basiert auf modernen IT-Systemen, die hohe Anforderungen an Verfügbarkeit, Sicherheit und Performance erfüllen. Zu den zentralen Komponenten zählen:

  • Zentraler Zahlungsmodul (CRDM): Verwaltung von Referenzdaten und Liquiditätsmanagement.

  • MCA (Main Cash Account): Zentrales Liquiditätskonto für Teilnehmer.

  • DNM (Dedicated Cash Accounts): Spezifische Konten für Abwicklungen in T2S und TIPS.

  • Contingency-Modus: Notfallpläne zur Aufrechterhaltung der Zahlungsfähigkeit bei Systemausfällen.

Mit der Migration zu T2 und der stärkeren Integration mit TIPS wird TARGET künftig auch ISO-20022-konforme Nachrichtenformate verwenden. Diese bieten höhere Standardisierung, bessere Datenqualität und ermöglichen automatisierte Weiterverarbeitung in den internen Systemen der Teilnehmer.

Fazit

TARGET ist das Rückgrat des europäischen Zahlungsverkehrs im Großbetragsbereich und eine tragende Säule für die Stabilität der europäischen Finanzmärkte und der Geldpolitik des Eurosystems. Durch die Echtzeitabwicklung in Zentralbankgeld bietet es maximale Sicherheit und Effizienz für Banken, Zentralbanken und andere Finanzakteure. Die kontinuierliche Weiterentwicklung des Systems, insbesondere durch die Einführung von T2 und die Verzahnung mit anderen Infrastrukturen wie TIPS und T2S, stellt sicher, dass TARGET auch in Zukunft den Anforderungen eines zunehmend digitalen, vernetzten und globalisierten Finanzsystems gerecht wird. Zugleich werfen Themen wie TARGET-Salden und Systemrisiken wichtige ökonomische und politische Fragestellungen auf, die im Rahmen der europäischen Finanzarchitektur fortlaufend adressiert werden müssen.