TARGET2 Börsenlexikon Vorheriger Begriff: TARGET Nächster Begriff: tBTC-Token
Eine Weiterentwicklung des Trans-European Automated Real-time Gross settlement Express Transfer-Systems, die von der Europäischen Zentralbank betrieben wird, um Echtzeit-Bruttozahlungen in Euro zwischen Banken in der Eurozone und angeschlossenen Ländern effizient und sicher abzuwickeln
TARGET2 ist die zweite Generation des europaweiten Echtzeit-Bruttozahlungssystems TARGET (Trans-European Automated Real-time Gross settlement Express Transfer system), das im Auftrag des Eurosystems betrieben wird. Es dient der Abwicklung von Überweisungen in Zentralbankgeld zwischen Banken im Euroraum und stellt eine grundlegende Infrastruktur für den europäischen Großbetragszahlungsverkehr dar. TARGET2 hat das ursprüngliche TARGET-System im November 2007 abgelöst und ersetzt das frühere Netzwerk nationaler Zahlungssysteme durch eine einheitliche, zentralisierte technische Plattform. Ziel ist eine effiziente, sichere und standardisierte Zahlungsabwicklung im gesamten Euro-Währungsgebiet.
Hintergrund und Ziele
Mit der Einführung des Euro im Jahr 1999 entstand ein Bedarf nach einem grenzüberschreitenden, leistungsfähigen Zahlungssystem für die Eurozone. Das ursprüngliche TARGET-System erfüllte diese Funktion, bestand jedoch aus verschiedenen, miteinander verbundenen nationalen Komponenten. Diese dezentrale Struktur war komplex, führte zu betrieblicher Redundanz und erschwerte eine einheitliche Steuerung. TARGET2 wurde eingeführt, um diese Schwächen zu beseitigen und folgende Ziele zu erreichen:
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Zentralisierung der Abwicklung auf einer einzigen technischen Plattform.
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Harmonisierung der Geschäftsprozesse und Teilnehmerstandards.
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Effizienzsteigerung im Betrieb und in der Wartung.
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Erhöhte Sicherheit und Stabilität des Zahlungsverkehrs im Euroraum.
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Verbesserung der geldpolitischen Steuerungsfähigkeit durch die EZB.
Technische Architektur
TARGET2 basiert auf der sogenannten Single Shared Platform (SSP), die gemeinsam von der Deutschen Bundesbank, der Banque de France und der Banca d’Italia betrieben wird. Diese drei Zentralbanken stellen die technische Infrastruktur für alle Teilnehmer bereit. Die SSP verarbeitet täglich mehrere Hunderttausend Transaktionen mit einem Gesamtvolumen von mehreren Billionen Euro.
Die Architektur von TARGET2 umfasst folgende zentrale Komponenten:
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Real-Time Gross Settlement (RTGS): Zahlungen werden sofort und einzeln in Echtzeit abgewickelt.
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Kontenverwaltungssystem: Banken führen ihre Konten direkt bei der jeweiligen nationalen Zentralbank, Zahlungen werden zentral über die SSP gebucht.
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Zahlungsmodul (PM): Verarbeitet Zahlungsaufträge, steuert Liquidität und bietet Warteschlangenmechanismen.
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Informations- und Steuerungssystem (ICM): Ermöglicht den Teilnehmern die Überwachung und Steuerung ihrer Zahlungsflüsse in Echtzeit.
Teilnahmeformen
TARGET2 ist offen für alle Finanzinstitute, die die Teilnahmevoraussetzungen erfüllen. Es gibt drei Hauptformen der Teilnahme:
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Direkte Teilnehmer: Halten ein Konto bei einer nationalen Zentralbank und greifen direkt auf die SSP zu.
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Indirekte Teilnehmer: Reichen Zahlungsaufträge über einen direkten Teilnehmer ein.
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Korrespondenzteilnehmer: Nutzen ein Konto eines anderen Instituts zur Abwicklung ihrer Zahlungen.
Diese Struktur ermöglicht eine hohe Erreichbarkeit im gesamten Euroraum und darüber hinaus. Über direkte und indirekte Verbindungen sind über 50.000 Banken weltweit erreichbar.
Abgewickelte Transaktionen
TARGET2 wird vor allem für Großbetragszahlungen im Interbankenmarkt genutzt. Zu den häufigsten Transaktionstypen zählen:
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Geldmarktgeschäfte zwischen Banken
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Abwicklung geldpolitischer Operationen des Eurosystems
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Liquiditätsverlagerungen innerhalb von Bankengruppen
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Zahlungen im Zusammenhang mit der Wertpapierabwicklung (z. B. über T2S)
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grenzüberschreitende Unternehmenszahlungen
Die Abwicklung erfolgt ausschließlich in Euro und in Zentralbankgeld, was das Kontrahentenrisiko minimiert und hohe Stabilität gewährleistet.
Liquiditätsmanagement und Risikoabsicherung
Ein zentrales Merkmal von TARGET2 ist das umfangreiche Liquiditätsmanagement. Teilnehmer haben Zugriff auf verschiedene Instrumente, um ihre Liquidität effizient zu steuern:
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Intraday-Kredite: Bereitstellung von Liquidität durch die Zentralbank gegen Sicherheiten.
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Reservemechanismen: Teilnehmer können Prioritäten für Zahlungen definieren und ihre Warteschlangen managen.
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Pooling: Gruppenkonten erlauben es Konzernbanken, Liquidität zentral zu steuern.
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Limits und Trigger: Automatisierte Steuerung von Zahlungen bei definierten Kontoständen.
Zusätzlich verfügt das System über Risikomanagementmechanismen, z. B. bei Ausfällen einzelner Teilnehmer oder bei Systemstörungen, die durch Notfallprozeduren kompensiert werden können.
Transparenz und Gebührenstruktur
TARGET2 folgt einem transparenten und kostenbasierten Gebührenmodell. Die Gebühren hängen von der Anzahl der Transaktionen pro Monat ab und sind degressiv gestaffelt. Es existieren zwei Tarifmodelle:
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Modell A: Pauschalgebühr von 100 €/Monat plus 0,80 € pro Transaktion.
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Modell B: Monatliche Gebühr von 1.250 €, dafür unbegrenzte Transaktionen (für große Nutzer geeignet).
Diese Struktur soll Skalierbarkeit fördern und kleinen sowie großen Teilnehmern einen wirtschaftlichen Zugang ermöglichen.
TARGET2-Salden
Ein häufig diskutierter Aspekt von TARGET2 sind die sogenannten TARGET2-Salden, also bilanzielle Forderungen und Verbindlichkeiten zwischen den nationalen Zentralbanken im Eurosystem. Diese entstehen durch grenzüberschreitende Zahlungen, bei denen die Zentralbank des Zahlungsempfängers Zentralbankgeld gutschreibt, ohne dass sofort ein Kapitalausgleich erfolgt.
Ein Beispiel: Überweist ein italienisches Unternehmen einen Betrag an ein deutsches Unternehmen, wächst die Forderung der Bundesbank gegenüber dem Eurosystem (TARGET2-Saldo), während die Banca d’Italia eine entsprechende Verbindlichkeit aufweist. Diese Salden werden nicht kurzfristig beglichen, sondern bleiben solange bestehen, bis sich Zahlungsströme in die andere Richtung ergeben oder geldpolitische Operationen sie ausgleichen.
Obwohl TARGET2-Salden ein technisches Abbild des Zahlungsverkehrs darstellen, wurden sie in der öffentlichen Diskussion insbesondere während der Eurokrise kontrovers als Indikator für Kapitalflucht oder systemische Ungleichgewichte interpretiert.
Weiterentwicklung: Migration zu T2
Im Rahmen der strategischen Modernisierung der Finanzmarktinfrastruktur wurde TARGET2 ab 2023 durch das neue System T2 ersetzt, das ebenfalls Echtzeit-Bruttoabwicklung bietet, jedoch auf einer moderneren technischen Basis mit ISO-20022-Nachrichtenstandards arbeitet und besser in andere Systeme wie T2S (Wertpapierabwicklung) und TIPS (Instant Payments) integriert ist.
Die Migration zu T2 bedeutet nicht das Ende von TARGET als Konzept, sondern die Fortführung seiner Funktionen unter einem neuen technologischen Dach. Ziel ist es, eine zukunftsfähige, resiliente und leistungsfähige Plattform für den europäischen Zahlungsverkehr sicherzustellen.
Fazit
TARGET2 war über 15 Jahre lang das Rückgrat des elektronischen Großbetragszahlungsverkehrs im Euroraum und hat wesentlich zur Integration der europäischen Finanzmärkte beigetragen. Durch seine zentrale Rolle in der Abwicklung von Interbankenzahlungen, geldpolitischen Transaktionen und grenzüberschreitenden Transfers war es ein entscheidendes Instrument zur Stabilisierung und Effizienzsteigerung des europäischen Bankensystems. Mit dem Übergang zur neuen Plattform T2 wird die Zielsetzung von TARGET2 – nämlich Echtzeitabwicklung, Sicherheit, Transparenz und Effizienz – in modernisierter Form fortgeführt. Dabei bleibt der Grundgedanke erhalten: die Bereitstellung einer verlässlichen Infrastruktur für den freien Kapitalverkehr und die monetäre Integration Europas.