Ein Mechanismus, der durch Sperren von Token Stimmrechte und Belohnungen in DeFi-Protokollen maximiert, basierend auf einer Kombination aus Staking und Liquiditätsanreizen
Das ve(3,3)-Tokenmodell ist ein Governance- und Anreizsystem innerhalb dezentraler Finanzprotokolle (DeFi), das Elemente aus zwei bekannten Mechanismen kombiniert: dem Vote-Escrowed-Modell (ve-Modell) und der (3,3)-Spieltheorie von OlympusDAO. Ziel dieses Hybridmodells ist es, langfristige Kapitalbindung, aktive Governance-Teilnahme und maximale Protokolltreue zu fördern, indem es ökonomische und spieltheoretische Anreize strategisch miteinander verknüpft. Das Modell wurde maßgeblich von Andre Cronje, dem Gründer von Fantom und Yearn, im Rahmen des Protokolls Solidly konzipiert und später von Projekten wie Velodrome, Thena, Equilibre oder Ramses aufgegriffen und weiterentwickelt.
Herkunft und Zusammensetzung des Begriffs
Der Name ve(3,3) setzt sich aus zwei Konzepten zusammen:
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ve (vote-escrowed):
Das Prinzip, bei dem Token durch zeitlich begrenztes Locking in stimmberechtigte veToken umgewandelt werden. Je länger die Sperrfrist, desto höher das Stimmgewicht. -
(3,3):
Ein Konzept aus der Spieltheorie, eingeführt von OlympusDAO, das aufzeigt, dass kooperatives Verhalten – insbesondere das gleichzeitige Staken durch viele Teilnehmer – für das Protokoll und alle Beteiligten den höchsten Nutzen erzeugt. In der Olympus-Matrix ist die Strategie „Stake+Stake“ mit einem Ergebnis von (3,3) optimal.
Die Kombination dieser beiden Elemente zielt darauf ab, Governance-Incentives (über veToken) und Spieltheorie-basierte Belohnungsstrukturen (über koordinierte Staking-Muster) in einem einzigen Mechanismus zu vereinen.
Kernprinzipien des ve(3,3)-Modells
Das Modell basiert auf mehreren strukturellen Komponenten, die ineinandergreifen:
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Locking von Governance-Tokens
Nutzer sperren den nativen Token des Protokolls (z. B. $VELO, $THENA) für eine wählbare Dauer (bis zu 4 Jahre), um veToken zu erhalten. Diese verfallen linear über die Zeit (Decay) und sind nicht handelbar. -
veToken-Stimmrechte und Emissionsverteilung
veToken-Inhaber stimmen darüber ab, welche Liquiditätspools Anreize in Form neuer Token-Emissionen erhalten. Dadurch wird das Kapital im System gezielt verteilt. -
(3,3)-Komponente – Emissionsschutz durch Locking
Token-Emissionen (Inflation) werden vollständig an das Governance-System rückgekoppelt:-
Nur Pools, die durch veToken-Stimmen unterstützt werden, erhalten neue Token als Anreize.
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Die Emissionen fließen nicht direkt an Nutzer, sondern überwiegend an Liquidity Provider (LPs) in den vom Governance-System priorisierten Pools.
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veToken-Halter haben Anspruch auf einen Anteil der generierten Handelsgebühren und Bribes, nicht aber auf direkte Token-Emissionen.
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Bribe-Markt und koordinierte Anreize
Protokolle können Bribes (externe Belohnungen) anbieten, um Stimmen zu gewinnen. veToken-Inhaber stimmen strategisch ab, um Bribes und Gebühren zu maximieren – was durch gemeinsames Verhalten („Kooperation“) allen Beteiligten nützt. -
Inzentivierung des Lockings – das eigentliche „(3,3)“
Das Modell bestraft kurzfristiges Verhalten (z. B. sofortiges Verkaufen von Emissionen) und belohnt stattdessen das langfristige Staken und Abstimmen, da nur veToken-Inhaber Zugang zu lukrativen Belohnungen erhalten. Wenn alle Akteure ihre Token sperren und aktiv an der Governance teilnehmen, entsteht – in Anlehnung an die Spieltheorie – ein stabiler Gleichgewichtszustand mit kollektivem Nutzen (3,3-Situation).
Tokenfluss und Systemlogik
Das ve(3,3)-Modell lässt sich vereinfacht in einem Kreislauf darstellen:
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Nutzer kaufen den nativen Token.
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Sie sperren den Token → erhalten veToken.
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veToken berechtigt zur Stimmabgabe.
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Stimmen bestimmen, welche Pools Emissionen erhalten.
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LPs dieser Pools erhalten neue Token.
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Diese neuen Token können wieder gesperrt werden → Rückführung in Governance.
Durch diesen Zyklus entsteht ein Feedback-Loop, in dem möglichst viele Token dauerhaft im System gebunden bleiben. Je mehr Nutzer langfristig teilnehmen, desto stabiler und nachhaltiger wird das Protokoll.
Vorteile des ve(3,3)-Modells
Das Hybridmodell bietet gegenüber rein emissionsbasierten oder rein governancebasierten Strukturen mehrere Vorteile:
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Kapitalbindung:
Große Teile des zirkulierenden Angebots werden durch Locking dem Markt entzogen, was Verkaufsdruck reduziert. -
Governance-Orientierung:
Nur aktive Teilnehmer mit gesperrten Tokens erhalten Entscheidungsgewalt – kurzfristige Spekulation wird disinzentiviert. -
Bribe-Ökonomie:
Externe Projekte können durch Bribes gezielt Governance-Entscheidungen beeinflussen, ohne eigene Tokenemissionen aufwenden zu müssen. -
Stabile Anreizlogik:
Der Nutzen für alle Beteiligten steigt, wenn möglichst viele Nutzer langfristig im System bleiben – das „Kooperationsgleichgewicht“ wird spieltheoretisch belohnt. -
Deflationärer Effekt trotz Inflation:
Obwohl neue Tokens durch Emissionen entstehen, fließen sie fast ausschließlich in gebundene Systeme (LPs, Locking), was den Nettoverkaufsdruck begrenzt.
Herausforderungen und Kritik
Trotz der durchdachten Struktur bringt das ve(3,3)-Modell auch einige Risiken mit sich:
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Governance-Konzentration:
Frühzeitige oder kapitalkräftige Akteure können große veToken-Positionen aufbauen und dadurch langfristig dominieren. -
Bribe-Abhängigkeit:
Ein übermäßiger Fokus auf kurzfristige Bribes kann Governance-Prozesse korrumpieren und auf externe Zahlungen ausrichten. -
Illiquidität für Nutzer:
Gesperrte Tokens sind während der Locking-Periode nicht verfügbar – bei Marktverwerfungen kann dies zu Opportunitätskosten führen. -
Komplexität:
Das Zusammenspiel aus Locking, Decay, Stimmrechten, Bribes, Emissionen und LP-Belohnungen ist schwer durchschaubar und für neue Nutzer wenig intuitiv.
Praxisbeispiele
Das ve(3,3)-Modell wurde erstmals in Solidly (2022) implementiert und anschließend durch Forks und Abwandlungen weiterentwickelt:
| Protokoll | Blockchain | veToken | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| Velodrome | Optimism | veVELO | Mando-Mechanismus, tiefes Bribe-System |
| Thena | BNB Chain | veTHENA | Bribe-Fokus, starke Partnerschaften |
| Ramses | Arbitrum | veRAM | Ähnliche Struktur mit Locking-Optionen |
| Equilibre | Kava | veEQUAL | Starkes DAO-zentriertes Modell |
Fazit
Das ve(3,3)-Tokenmodell stellt eine innovative Kombination aus langfristiger Kapitalbindung, dezentraler Governance und spieltheoretischen Anreizen dar. Es belohnt Kooperation, aktives Engagement und strategische Entscheidungen innerhalb eines kontrollierten Emissionssystems. Durch die Rückführung von Tokenflüssen in das Governance-System entsteht ein stabiler, wachstumsorientierter Kreislauf, der auf langfristigen Erfolg ausgerichtet ist. Gleichwohl setzt das Modell ein hohes Maß an Nutzerverständnis, Vertrauen in Governance-Prozesse und Transparenz voraus, um sein volles Potenzial zu entfalten.