veSOLID Börsenlexikon Vorheriger Begriff: veToken-Modell Nächster Begriff: veSTG (Stargate)
Eine Form von SOLID-Tokens im Solidly-Protokoll, die durch Sperren von SOLID für eine bestimmte Zeit erworben werden, um Stimmrechte in der Governance und einen Anteil an den Handelsgebühren zu erhalten, wobei längere Sperrzeiten höhere Belohnungen und Einfluss bieten
veSOLID ist der vote-escrowed Governance-Token des DeFi-Protokolls Solidly, das auf der Idee basiert, die Anreizstruktur von Curve Finance weiterzuentwickeln. veSOLID kombiniert die Eigenschaften von vote-escrowed Token-Modellen (veToken) mit Elementen aus (3,3)-Mechanismen, wie sie aus OlympusDAO bekannt sind. Das Ziel ist es, durch zeitlich gebundenes Staking von SOLID-Token eine effiziente, nachhaltige und manipulationsresistente Steuerung von Anreizen innerhalb des Protokolls zu ermöglichen.
Hintergrund: Solidly und das „ve(3,3)“-Modell
Solidly wurde ursprünglich im Jahr 2022 von Andre Cronje, dem Gründer von Yearn Finance, konzipiert. Es entstand als AMM (Automated Market Maker), der die veToken-Logik von Curve mit einem direkten Belohnungslenkungsmechanismus kombinierte. Die Besonderheit liegt in der Integration des ve(3,3)-Modells, das mehrere Prinzipien miteinander verbindet:
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Vote-Escrow (ve): Locking von Governance-Tokens über längere Zeiträume, um proportional wachsende Stimmkraft zu erhalten.
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(3,3): Ein spieltheoretischer Mechanismus, der auf kooperatives Verhalten und Belohnungsmaximierung durch gemeinsame Sperrung und Staking abzielt.
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Emission-Lenkung durch Governance: veSOLID-Inhaber bestimmen aktiv, an welche Liquiditätspools neue SOLID-Emissionen verteilt werden.
Ziel ist es, ein System zu schaffen, bei dem die Teilnehmer, die sich langfristig am Protokoll beteiligen, direkten Einfluss auf die Kapitalflüsse und Belohnungen haben – ein Governance- und Anreizsystem, das „unbestechlich“ sein soll, solange die Nutzer sich rational verhalten.
Mechanismus: Locking und Umwandlung in veSOLID
Nutzer erhalten veSOLID, indem sie ihre SOLID-Token für eine selbst gewählte Dauer sperren (Locking). Die maximale Sperrfrist beträgt in der Regel 4 Jahre, wobei die Stimmkraft linear mit der Sperrzeit abnimmt, sofern kein erneutes Locking erfolgt.
Formel zur Berechnung:
$$ \text{veSOLID} = \text{SOLID} \times \left( \frac{t}{T_{\text{max}}} \right) $$
Dabei ist:
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\( t \): gewählte Sperrdauer
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\( T_{\text{max}} \): maximale Locking-Zeit (z. B. 4 Jahre)
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\( \text{SOLID} \): gesperrte Token-Menge
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\( \text{veSOLID} \): resultierende Stimmkraft
Beispiele:
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1.000 SOLID für 4 Jahre → 1.000 veSOLID
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1.000 SOLID für 1 Jahr → 250 veSOLID
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1.000 SOLID für 1 Monat → ca. 21 veSOLID
Mit der Zeit sinkt die veSOLID-Menge, sofern der Lock nicht verlängert wird.
Hauptfunktionen von veSOLID
1. Stimmrechte zur Verteilung der Emissionen
veSOLID-Inhaber stimmen regelmäßig darüber ab, welche Liquiditätspools die neu emittierten SOLID-Token erhalten sollen. Dieser Mechanismus wird oft als „gauge voting“ bezeichnet.
Wesentliche Merkmale:
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Je mehr Stimmen ein Pool erhält, desto höher ist dessen Anteil an der nächsten SOLID-Emission.
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Dies schafft Anreize für Poolbetreiber, veSOLID-Stimmen zu „werben“ (sogenanntes „Bribing“).
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Projekte können Anreize in Form von zusätzlichen Tokens bieten, um die Stimmen der veSOLID-Halter zu erhalten.
2. Gebührenbeteiligung
veSOLID-Inhaber haben Anspruch auf einen Teil der Handelsgebühren, die auf Solidly durch die Nutzung der Liquiditätspools generiert werden. Diese Gebühren werden nicht direkt ausgeschüttet, sondern über sogenannte NFT-basierten Locking-Contracts oder als Reinvestitionsmechanismus implementiert.
3. Wertbindung durch Locking
Durch das veSOLID-System wird ein erheblicher Teil des SOLID-Angebots langfristig gebunden, was sich angebotssenkend auf den Markt auswirkt. Dies kann die Preisvolatilität verringern und die Governance langfristig stabilisieren.
NFT-Repräsentation von veSOLID
Solidly verwendet ein innovatives System, bei dem veSOLID-Positionen als NFTs abgebildet werden. Diese NFTs:
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repräsentieren einen bestimmten Locking-Zeitraum und Tokenbetrag,
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sind handelbar (sofern vom Protokoll aktiviert),
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enthalten Stimmkraft, Gebührenansprüche und Rechte zur Stimmanpassung.
Die NFTisierung der Locking-Positionen bringt mehr Flexibilität und ermöglicht den Aufbau eines Sekundärmarkts für veSOLID-Positionen.
„Bribing“ als Anreizsystem
Im Solidly-System entsteht durch gauge voting ein externer Anreizmarkt, in dem Dritte – z. B. neue DeFi-Projekte oder DEX-Pools – veSOLID-Stimmen „kaufen“ können, indem sie zusätzliche Belohnungen für Wähler ausschütten. Dieser Mechanismus hat sich in der Praxis als zentraler Bestandteil des Modells etabliert und führt zu:
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dynamischen Allokationen der Emissionsströme,
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direkten Wettbewerben zwischen Projekten um Stimmen,
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einer ökonomisch gesteuerten Governance, die Belohnungen effizient zuweisen soll.
Vorteile des veSOLID-Modells
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Langfristige Kapitalbindung
Reduziert das frei verfügbare Token-Angebot und stabilisiert die Governance-Struktur. -
Stimmkraft an Zeit und Einsatz gekoppelt
Macht Governance resistenter gegen kurzfristige Manipulation. -
Dynamische Verteilung von Belohnungen
Effiziente Allokation von Emissionsmitteln durch marktgesteuerte Stimmverteilung. -
Handelbare Positionen durch NFT-Abbildung
Erhöht die Flexibilität und Liquidität der gesperrten veToken-Positionen. -
Reinvestition von Gebühren
Erhöht die Kapitalbindung und Ertragsstärke für langfristige Beteiligte.
Herausforderungen und Risiken
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Komplexität des Modells
Die Kombination aus Locking, NFT-Repräsentation, Bribing und Gebührenverteilung ist schwer verständlich und fehleranfällig für weniger erfahrene Nutzer. -
Machtkonzentration durch Großinvestoren
Große veSOLID-Inhaber haben überproportionalen Einfluss auf Emissionsströme und Poolförderung. -
Abhängigkeit vom Bribing-Markt
Wenn Projekte keine Anreize mehr bieten, kann die Allokation der Emissionen ineffizient werden. -
Technologisches Risiko bei NFT-Smart Contracts
Die Komplexität der NFT-basierten Governance kann zusätzliche Angriffsvektoren eröffnen. -
Fragmentierung durch Forks
Solidly wurde mehrfach geforkt (z. B. Velodrome, Thena, Equalizer), was die Nutzung und Marktposition des Originals verwässert hat.
Fazit
veSOLID ist ein vote-escrowed Governance-System, das durch Zeitbindung, dynamische Emissionssteuerung und ökonomische Anreizkomponenten ein hochentwickeltes Steuerungsmodell für dezentrale Finanzprotokolle darstellt. Es verbindet das langfristige Engagement von Nutzern mit Governance-Macht und Ertragsbeteiligung und schafft durch das Bribing-System einen offenen Markt für Stimmanreize. Trotz technologischer Komplexität und systemischer Risiken bietet veSOLID ein zukunftsweisendes Modell für kapitalgebundene Governance in DeFi-Systemen mit dynamischer Liquiditätssteuerung.