Vote-Escrowed-Modell Börsenlexikon Vorheriger Begriff: veVELO Nächster Begriff: Thena

Ein Mechanismus, bei dem Token für eine bestimmte Zeit gesperrt werden, um Stimmrechte, höhere Belohnungen und Einfluss auf die Governance in DeFi-Protokollen zu erhalten

Das Vote-Escrowed-Modell (auch veToken-Modell genannt) ist ein Governance- und Anreizmechanismus, der in dezentralen Finanzprotokollen (DeFi) verwendet wird, um langfristige Beteiligung, Stimmrechte und ökonomische Interessen miteinander zu verknüpfen. Es wurde ursprünglich von Curve Finance entwickelt und später von zahlreichen weiteren Protokollen übernommen oder angepasst, darunter Velodrome Finance, Thena, Ramses, Penpie und andere. Das Modell basiert auf dem Grundprinzip, dass Nutzer ihre Token für eine bestimmte Zeitdauer sperren (engl. locken), um daraus ein nicht handelbares, stimmberechtigtes Token-Derivat zu erhalten – das sogenannte vote-escrowed Token (veToken).

Grundprinzip und Funktionsweise

Im Kern beruht das Vote-Escrowed-Modell auf einem einfachen Mechanismus:

  1. Sperrung (Locking) von Token
    Nutzer sperren ihre Governance- oder Basistoken (z. B. $VELO, $CRV, $THENA) über einen individuell wählbaren Zeitraum – typischerweise zwischen wenigen Tagen und bis zu vier Jahren.

  2. Erhalt von veToken
    Als Gegenleistung erhalten sie veToken (z. B. veVELO, veCRV, veTHENA), die ihnen Stimmrechte im Protokoll und in vielen Fällen auch ökonomische Vorteile gewähren.

  3. Zeitabhängiges Stimmgewicht
    Das Stimmgewicht eines veTokens ist linear an die verbleibende Sperrdauer gekoppelt. Je länger die ursprüngliche Locking-Zeit und je kürzer der seither verstrichene Zeitraum, desto größer das Stimmgewicht. Diese Struktur sorgt für einen kontinuierlichen „Decay“, also eine zeitabhängige Verringerung des Einflusses, sofern die Sperrung nicht verlängert wird.

Die zentrale Formel lautet:

$$ \text{veToken-Menge} = \text{Anzahl gesperrter Token} \times \left( \frac{\text{verbleibende Sperrdauer}}{\text{maximale Sperrdauer}} \right) $$

Beispiel: Wer 1.000 $VELO für vier Jahre sperrt, erhält 1.000 veVELO. Nach zwei Jahren beträgt das verbleibende Gewicht 500 veVELO.

  1. Nicht-Übertragbarkeit
    veTokens sind nicht übertragbar und nicht handelbar. Sie existieren ausschließlich als Governance-Repräsentation in Smart Contracts und fördern damit die Bindung von Kapital und Aufmerksamkeit an das Protokoll.

Zielsetzung und Vorteile

Das Vote-Escrowed-Modell adressiert mehrere Herausforderungen der dezentralen Governance und Kapitalbindung:

  • Langfristige Beteiligung:
    Nutzer, die sich langfristig an einem Protokoll beteiligen, erhalten dauerhaft mehr Stimmgewicht und Belohnungen – ein Anreiz zur Kapitalbindung über Monate oder Jahre.

  • Abstimmungslegitimität:
    Nur durch Locking gewonnene Stimmen verhindern kurzfristige und spekulative Einflussnahme durch schnell rotierendes Kapital.

  • Synergie mit Belohnungsmechanismen:
    veToken-Inhaber haben Anspruch auf Einnahmen aus dem Protokollbetrieb (z. B. Handelsgebühren) sowie auf sogenannte Bribes, also externe Bestechungsangebote für gezielte Stimmabgabe.

  • Dynamische Allokation von Anreizen:
    Die veToken-Inhaber entscheiden über die Verteilung von Token-Emissionen, insbesondere bei Anreizmodellen für Liquiditätspools. Dadurch wird Kapital effizienter dorthin gelenkt, wo es tatsächlich benötigt wird.

Governance-Mechanik

In Protokollen mit vote-escrowed Governance liegt die Macht bei den veToken-Inhabern. Typische Funktionen umfassen:

  1. Abstimmungen über Emissionsverteilung
    veToken-Halter stimmen regelmäßig (z. B. wöchentlich) darüber ab, welche Liquiditätspools oder Protokollbereiche Token-Emissionen erhalten sollen. Die Ergebnisse bestimmen direkt über die Kapitalverteilung im System.

  2. Teilnahme an Protokollentscheidungen
    Änderungen an Gebührenstrukturen, Upgrades, Partnerschaften oder andere Governance-Vorschläge werden durch veToken-Abstimmungen legitimiert.

  3. Bestechungssystem (Bribe Markets)
    Dritte, z. B. andere Protokolle oder DAOs, bieten Belohnungen für Stimmen in bestimmte Richtungen. Diese Bribes werden nur an veToken-Inhaber ausgezahlt, die entsprechend abstimmen.

Auswirkungen auf das Nutzerverhalten

Das Vote-Escrowed-Modell hat tiefgreifende Effekte auf die Anreizstruktur in DeFi-Protokollen:

  • Bindung und Loyalität:
    Nur Nutzer, die bereit sind, ihre Tokens langfristig zu sperren, erhalten Governance-Macht und zusätzliche Erträge.

  • Kapitalverknappung:
    Da gesperrte Token nicht handelbar sind, reduziert sich das zirkulierende Angebot. Dies kann sich preisstützend auf den Token auswirken, sofern gleichzeitig Nachfrage nach veToken-Vorteilen besteht.

  • Entstehung strategischer Akteure:
    Protokolle und Investoren beginnen, gezielt veToken-Positionen aufzubauen, um Einfluss auszuüben oder Stimmrechte zu monetarisieren (z. B. über Bribes oder Abstimmungsstrategien).

  • Verschiebung von Anreizen:
    Der Fokus verschiebt sich von kurzfristiger Liquiditätsbereitstellung hin zu strategischer Governance-Positionierung, was ein neues Verhalten von Marktteilnehmern fördert.

Herausforderungen und Kritikpunkte

Trotz seiner Vorteile ist das Vote-Escrowed-Modell nicht frei von Problemen:

  • Governance-Zentralisierung:
    Frühzeitige oder kapitalkräftige Akteure können sich über große Lock-Positionen eine dauerhafte Dominanz sichern.

  • Inflexibilität:
    Gesperrte Tokens sind während der Locking-Periode unzugänglich, was in volatilen Märkten oder bei Liquiditätsbedarf nachteilig sein kann.

  • Bribe-Abhängigkeit:
    Ein übermäßiger Fokus auf Bribes kann Governance-Prozesse pervertieren, da Entscheidungen durch kurzfristige Anreize statt langfristigem Interesse motiviert werden.

  • Komplexität für Nutzer:
    Das Modell erfordert ein tiefes Verständnis der Zeit-Wert-Beziehungen, Emissionslogik und Governance-Funktionalität, was die Einstiegshürde erhöht.

Verbreitung und Varianten

Seit der Einführung bei Curve hat sich das Vote-Escrowed-Modell in zahlreichen Abwandlungen durchgesetzt:

  • Velodrome Finance: veVELO kombiniert mit Mando-Mechanismus zur operativen Umsetzung von Governance-Entscheidungen.

  • Thena (veTHENA): Ähnlich strukturiert, aber auf BNB Chain aktiv.

  • Ramses, Equilibre, Penpie, Magpie: Weitere Protokolle mit veToken-basierten Strukturen, teils mit zusätzlichen Liquid-Staking-Optionen (z. B. Liquid veToken Derivate wie mVELO, pVELO etc.)

Einige Plattformen experimentieren mit liquid veToken-Modellen, bei denen die gesperrten Tokens in Form von handelbaren Derivaten dargestellt werden, um die Liquidität trotz Governance-Bindung zu erhalten.

Fazit

Das Vote-Escrowed-Modell ist ein wirkungsvolles Instrument zur Steuerung dezentraler Governance und Kapitalanreize in DeFi-Protokollen. Es belohnt langfristige Beteiligung, ermöglicht eine gezielte Kapitalallokation und verhindert kurzfristige Einflussnahme. Gleichzeitig bringt es neue Herausforderungen mit sich, insbesondere im Hinblick auf Governance-Zentralisierung, Nutzerfreundlichkeit und Anreizgestaltung. Trotz dieser Einschränkungen hat sich das Modell als Standard in einer Vielzahl von DeFi-Anwendungen etabliert und prägt maßgeblich die Mechanik moderner dezentraler Finanzarchitekturen.