Zakat (Islamische Vermögensabgabe) Börsenlexikon Vorheriger Begriff: Salam (Warentermingeschäft) Nächster Begriff: Waqf-Konzept (Stiftungswesen)
Eine religiöse Abgabe, die ein wirtschaftliches, soziales und spirituelles Instrument ist, das zur Umverteilung von Wohlstand, zur Bekämpfung von Armut und zur Förderung sozialer Gerechtigkeit beiträgt
Zakat ist eine der fünf Säulen des Islam und stellt eine verpflichtende Vermögensabgabe dar, die von wohlhabenden Muslimen jährlich entrichtet werden muss. Sie dient nicht nur der individuellen spirituellen Reinigung des Vermögens, sondern auch der sozialen Gerechtigkeit innerhalb der islamischen Gemeinschaft (Umma). Die Zakat ist im islamischen Recht (Scharia) fest verankert und nimmt eine zentrale Rolle im islamischen Wirtschafts- und Finanzsystem ein. Sie unterscheidet sich von freiwilligen Spenden (Sadaqa) durch ihren verpflichtenden Charakter und ihre rechtlich und mengenmäßig festgelegte Struktur.
Bedeutung und religiöse Grundlage
Das Wort „Zakat“ stammt aus dem Arabischen (زكاة) und bedeutet sinngemäß „Reinigung“, „Wachstum“ oder „Segnung“. Die Zakat gilt im Islam als Akt der Reinigung des eigenen Vermögens von weltlicher Gier und soll das Vermögen des Gläubigen ethisch legitimieren. Gleichzeitig trägt sie zur Bekämpfung von Armut und zur Umverteilung von Reichtum bei.
Die Pflicht zur Zahlung der Zakat ist sowohl im Koran als auch in den Hadithen verankert. In zahlreichen Koranversen wird die Zakat unmittelbar mit dem Gebet (Salat) in Verbindung gebracht, beispielsweise:
„Und verrichtet das Gebet und entrichtet die Zakat“
(Koran, 2:110)
Voraussetzungen für die Zakatpflicht
Nicht jede Person und nicht jedes Vermögen ist zakatpflichtig. Es gelten bestimmte Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit eine Zakatpflicht entsteht:
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Islamische Religionszugehörigkeit: Nur Muslime sind zur Zakat verpflichtet.
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Freiheit: Früher war nur ein freier Mensch zur Zakat verpflichtet; heute ist dies universell gültig.
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Vermögenshöhe (Nisab): Das Vermögen muss einen bestimmten Mindestwert überschreiten, den sogenannten Nisab.
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Eigentum: Das Vermögen muss im vollständigen Besitz des Zakatpflichtigen sein.
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Vermögensart: Nur bestimmte Vermögensarten sind zakatpflichtig.
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Zeitlicher Besitz: Das Vermögen muss über ein volles Mondjahr hinweg im Besitz gewesen sein (Hawl).
Der Nisab – Schwelle der Zakatpflicht
Der Nisab ist der Mindestbetrag, ab dem Zakat fällig wird. Seine Berechnung erfolgt traditionell anhand von Gold oder Silber. Heute wird meist der Goldwert als Maßstab verwendet, da er stabiler ist.
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Nisab basierend auf Gold: 85 Gramm Gold
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Nisab basierend auf Silber: 595 Gramm Silber
Beispiel: Wenn der Goldpreis bei 60 EUR pro Gramm liegt, beträgt der Nisab:
\[ 85 \times 60 = 5.100\, \text{EUR} \]
Wer also über ein Vermögen von mehr als 5.100 EUR in zakatpflichtigen Vermögensformen verfügt, ist verpflichtet, Zakat zu zahlen.
Zakatpflichtige Vermögensarten
Nicht das gesamte Vermögen ist zakatpflichtig. Die Scharia sieht nur bestimmte Kategorien als relevant an:
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Bargeld und Bankguthaben
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Edelmetalle (z. B. Gold und Silber)
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Handelswaren und Warenbestände
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Nutztiere (z. B. Kamele, Kühe, Schafe – mit spezifischen Mindestzahlen)
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Agrarprodukte (abhängig von Bewässerungsart)
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Investitionen (z. B. Aktien, Anteile – sofern spekulationsfrei)
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Miet- oder Pachteinnahmen
Nicht zakatpflichtig sind Vermögenswerte, die zur eigenen Nutzung dienen, wie:
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Hauptwohnsitz
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Kleidung
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Haushaltsgegenstände
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Fortbewegungsmittel
Berechnung der Zakat
Die allgemeine Zakat-Rate beträgt 2,5 % des zakatpflichtigen Vermögens, das den Nisab übersteigt und seit einem Mondjahr gehalten wird.
Beispielrechnung:
Ein Muslim besitzt folgende Vermögenswerte:
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Bankguthaben: 10.000 EUR
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Handelsware: 5.000 EUR
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Schmuck (Gold): 2.000 EUR
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Selbst genutztes Haus: 0 EUR (nicht zakatpflichtig)
Gesamt zakatpflichtiges Vermögen:
\[ 10.000 + 5.000 + 2.000 = 17.000\, \text{EUR} \]
Zakat (2,5 %):
\[ 17.000 \times 0{,}025 = 425\, \text{EUR} \]
Dieser Betrag ist zu entrichten und an eine der berechtigten Empfängergruppen zu zahlen.
Empfänger der Zakat
Der Koran nennt in Sure 9, Vers 60 acht Kategorien von Zakat-Empfängern:
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Arme (Fuqara): Personen ohne ausreichende Mittel zum Lebensunterhalt.
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Bedürftige (Masakin): Bedürftige mit etwas Besitz, aber unter dem Existenzminimum.
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Zakat-Verwalter (Amilun): Personen, die mit der Sammlung und Verteilung der Zakat beauftragt sind.
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Neumuslime (Mu’allafat al-Qulub): Personen, deren Herzen dem Islam nähergebracht werden sollen.
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Zur Befreiung von Sklaven (Riqab): Heute übertragen auf Schuldner in unverschuldeter Not.
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Verschuldete (Gharimin): Menschen, die aus legitimen Gründen Schulden nicht begleichen können.
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Für den Weg Gottes (Fi Sabilillah): Projekte im Sinne des Islam (z. B. Bildung, Wohlfahrt).
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Reisende in Not (Ibn Sabil): Menschen, die unterwegs unverschuldet in Not geraten sind.
Die Zakat darf nicht für den Bau von Moscheen oder Straßen verwendet werden, sondern muss unmittelbar bedürftigen Personen oder zweckgebundenen Projekten zugutekommen.
Erhebung und Verwaltung
In einigen islamischen Ländern wie Saudi-Arabien, Pakistan oder Malaysia ist die Zakat institutionell geregelt. Es existieren staatliche oder halbstaatliche Zakat-Behörden, die für die Erhebung und gerechte Verteilung verantwortlich sind.
In anderen Ländern wird die Zakat individuell entrichtet, häufig an lokale Organisationen, Moscheen oder direkt an Bedürftige. Auch internationale islamische Hilfswerke bieten Zakat-konforme Spendenmöglichkeiten an.
Zakat vs. Sadaqa
Obwohl beide Begriffe oft mit „Almosen“ übersetzt werden, gibt es wesentliche Unterschiede:
| Merkmal | Zakat | Sadaqa |
|---|---|---|
| Verpflichtung | Pflicht für zahlungspflichtige Muslime | Freiwillige Spende |
| Betrag | Fester Prozentsatz (2,5 %) | Frei wählbar |
| Empfänger | Koranisch festgelegte Gruppen | Jeder Bedürftige |
| Zeitpunkt | Einmal jährlich (nach Mondkalender) | Jederzeit möglich |
| Zweck | Soziale Gerechtigkeit, Umverteilung | Nächstenliebe, Belohnung |
Bedeutung im modernen islamischen Finanzwesen
Die Zakat spielt auch im modernen islamischen Finanzsystem eine zentrale Rolle:
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Sozialverantwortliche Banken: Viele islamische Banken bieten spezielle Zakat-Konten an oder helfen bei der Berechnung.
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Zakat auf Finanzprodukte: Auch Aktien, Investmentfonds oder digitale Assets können unter bestimmten Bedingungen zakatpflichtig sein.
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Zakat-Fonds: Wohltätige Stiftungen sammeln Zakat, um langfristige soziale Projekte zu finanzieren.
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Digitalisierung: Online-Plattformen und Apps erleichtern Berechnung und Zahlung.
Dadurch wird Zakat zu einem integralen Bestandteil einer islamkonformen, ethisch ausgerichteten Finanzkultur.
Fazit
Zakat ist weit mehr als eine religiöse Abgabe – sie ist ein wirtschaftliches, soziales und spirituelles Instrument, das zur Umverteilung von Wohlstand, zur Bekämpfung von Armut und zur Förderung sozialer Gerechtigkeit beiträgt. Ihre klaren Regeln, festen Berechnungsmethoden und festgelegten Empfängergruppen machen sie zu einem hochstrukturierten System innerhalb des islamischen Finanzwesens. In einer Welt mit wachsender ökonomischer Ungleichheit kann die Zakat, richtig umgesetzt, nicht nur eine religiöse Verpflichtung erfüllen, sondern auch einen wirkungsvollen Beitrag zur sozialen Stabilität und ethischen Vermögensführung leisten.