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"Risikoprämien: Rendite, aber kein Geschenk des Himmels" 08.09.2026, 11:01 Uhr von dpa-AFX Jetzt kommentieren: 0

Risikoprämien gelten als verlässliche Renditequelle. Doch die Rechnung hat Tücken. Warum Schwankung allein nicht vergütet wird und Cash im Portfolio unverzichtbar bleibt, erläutert Ali Masarwah, Fondsanalyst und Geschäftsführer des Beratungshauses envestor.

8. September 2026. FRANKFURT (envestor). In der Geldanlage kursiert eine bequeme Vorstellung: Anlageklassen zahlen Prämien für Investorinnen und Investoren, die das Risiko tragen: verlässlich, quasi als Belohnung fürs Dabeisein. Aktien bringen mehr als Anleihen, Anleihen mehr als Tagesgeld, wer wartet, kassiert. Die Erzählung hat einen wahren Kern, aber auch einen blinden Fleck.

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Wofür "der Markt" Anlegende entschädigt

Der Schlüssel zum Verständnis von Risikoprämien ist einfach. Der Wert eines zusätzlichen Euro ist nicht immer gleich. In guten Zeiten ist er verzichtbar, in der Krise Gold wert. Daraus folgt alles Weitere. Ein Investment, das genau dann einbricht, wenn man das Geld am dringendsten braucht, ist unangenehm; wer es hält, verlangt eine Entschädigung. Diese Entschädigung ist die Risikoprämie. Ein Asset, das umgekehrt in der Krise zahlt, wirkt wie eine Versicherung und darf sogar eine negative Prämie tragen - zumindest eine gewisse Weile lang, aber dazu unten mehr.

Wer Risikoprämien so definiert, räumt einen weit verbreiteten Irrtum ab. Schwankung allein wird nicht vergütet. Entscheidend ist vielmehr, wann ein Asset schwankt. Wer viele unabhängige Investments tätigt, verwässert das Einzelrisiko zum Nulltarif - deshalb gilt Diversifikation als der einzige "Free Lunch" der Geldanlage. Vergütet wird allein das Risiko, das in schlechten Zeiten beißt.

Echt oder nur ein schönes Rückspiegelbild

Doch es lauert eine Falle. Mit genug Rechenkraft findet man in den Kursreihen der Vergangenheit immer Muster, die rückblickend "funktioniert" hätten. Die Forschung hat über die Jahre Hunderte solcher vermeintlichen Renditequellen veröffentlicht, und ein Großteil davon verliert nach der Veröffentlichung einen erheblichen Teil seiner Wirkung oder verschwindet ganz. Der Schutz dagegen ist genau die ökonomische Fundierung. Eine Prämie, die man vorab erklären kann - welches Risiko sie vergütet, wer sie zahlt und warum er das dauerhaft tut -, verdient Vertrauen. Eine, die nur im Rückblick auftaucht, bleibt verdächtig. Deshalb benötigen wir für jeden Baustein, den wir in unseren Beratungsportfolios einsetzen, eine ökonomische Ratio.

Die Kategorien der Prämien

In unseren Portfolios ernten wir mehrere solcher Prämien, die für unterschiedliche Risiken bezahlen. Die Aktienprämie entschädigt dafür, die Schwankungen des Produktivkapitals auszuhalten. Die Kreditprämie zahlt für das Tragen von Ausfallrisiken, ob in Unternehmensanleihen, in verbrieften Krediten oder in Schwellenländern. Die Laufzeitenprämie belohnt, wer Kapital länger bindet. Die Liquiditätsprämie entlohnt den Verzicht auf jederzeitige Verfügbarkeit. Und die Komplexitätsprämie fällt dort an, wo Nischenmärkte wie Katastrophenanleihen echte Sachkenntnis verlangen.

Jede dieser Prämien hat ihre eigene schlechte Zeit: Aktien leiden in Rezessionen, Kredite im Ausfallzyklus, Katastrophenanleihen bei Naturereignissen. Weil diese schlechten Zeiten von verschiedenen Kräften getrieben sind, ergänzen sich die Bausteine - meistens.

Warum Diversifikation nicht perfekt ist

Das Wort "meistens" hat es leider in sich. Die Streuung über verschiedene Risiken funktioniert, solange die Risikoauslöser verschieden sind. Doch es gibt einen Zustand, in dem alles fällt: in Liquiditätskrisen. In den großen Krisen von 2008 und 2020 fiel fast alles gleichzeitig. Aktien, Anleihen, in letzterer auch Gold. Der Grund liegt in der Mechanik einer Panik. Wenn Kredit knapp wird, müssen Banken, Fonds und Investoren mit Hebel Kasse machen. Verkauft wird, was sich verkaufen lässt, unabhängig vom fundamentalen Wert. In diesem Moment setzt purer Zwang zur Liquidität den Preis. Die Korrelationen, die in ruhigen Zeiten niedrig sind, springen auf eins; die Diversifikation verschwindet genau in dem Augenblick, in dem man sie braucht.

Der März 2020 führte das in Zeitlupe vor. Als die Pandemie die Märkte erfasste, verlor der breite Aktienmarkt in gut vier Wochen etwa ein Drittel. So weit, so absehbar. Bemerkenswert war, dass zugleich fiel, was eigentlich gegensteuern sollte: Unternehmensanleihen gerieten unter Druck, Gold gab zeitweise nach, und selbst erstklassige Staatsanleihen wurden an einzelnen Tagen verkauft, weil Investoren rund um den Globus nur eines wollten - Cash, und zwar vor allem US-Dollar. Dann öffneten die Notenbanken die Schleusen, und der Markt drehte binnen weniger Wochen. Wer Reserven hatte, konnte im Tief kaufen; wer zum Verkauf gezwungen war, hatte seine Verluste festgeschrieben. Genau hier zeigt sich, warum Cash in Krisen der König ist.

Was das für die Portfolio-Konstruktion heißt

Aus dieser Mechanik folgt eine Konsequenz, die auf den ersten Blick unbequem wirkt. Ein Portfolio braucht einen Bodensatz aus Cash und meistens erstklassigen Staatsanleihen - auch dann, wenn diese Assets die meiste Zeit weniger abwerfen als kurzlaufende Bonds oder Unternehmensanleihen. Denn Cash und Staatsanleihen erfüllen drei Aufgaben, die keine Prämie ersetzt:

Erstens sind sie ein Zufluchtsort. In Liquiditätsklemmen sind die im Vorteil, die Cash haben.

Zweitens verhindern sie den schlimmsten Fehler, den ein Anleger in der Krise machen kann: den erzwungenen Verkauf der illiquiden, gerade abgestürzten Bausteine am Tiefpunkt. Wer Reserven hat, muss nicht verkaufen.

Drittens sind sie Kaufkraft für den Moment, in dem andere zwangsverkaufen; wer im Tief nachlegt, erwirbt Prämien zu Ausverkaufspreisen. Diese Reserve wirkt allerdings nur mit Disziplin. Sie ist eine Kaufoption auf den nächsten Rückschlag, und ihr niedriger laufender Ertrag ist der Preis dieser Option.

Damit ordnet sich der scheinbare Widerspruch. Die Prämienmaschine - Aktien, Kredite, Katastrophenanleihen - verkauft in gewissem Sinne Liquidität und Versicherung. Der Ballast aus Cash und Staatsanleihen kauft beides zurück. Beide gehören zusammen. Das eigentliche Handwerk liegt darin, den liquiden Teil groß genug zu dimensionieren, damit eine Funding-Krise uns nie zwingt, die ertragreichen Bausteine im ungünstigsten Moment abzustoßen. Die richtige Balance aus Versicherung und Prämienmaschine im Portfolio zu finden, folgt individuellen Präferenzen. Aber vielleicht hilft auch die generelle Erkenntnis weiter, dass die meisten Krisen von kurzer Dauer sind und Teil eines jeden Anlageprozesses auf Risikomärkten sind.

Ein Wort zu Gold und Rohstoffen

Zwei Anlageklassen fallen aus dem Prämienraster. Rohstoffe tragen eine dünne, oft von Rollkosten aufgezehrte Prämie; ihr eigentlicher Wert liegt in der Absicherung gegen Inflations- und Angebotsschocks - also gegen jene Krise, in der auch Anleihen versagen. Als kleiner Inflationsbaustein gehören sie damit auf die Diversifikationsseite. Gold trägt gar keine Prämie; es wirft keinen Ertrag ab und hat kaum industriellen Nutzen. Es ist eine zinslose Versicherung gegen Geldentwertung und Vertrauensverlust. In akuten Liquiditätsklemmen wird allerdings auch Gold verkauft, weil es sich leicht zu Geld machen lässt. Es taugt deshalb als kleine Beimischung gegen Währungsrisiken, ersetzt aber niemals die Liquiditätsreserve aus Cash und Staatsanleihen.

Von Ali Masarwah, 3. September 2026, © envestor.de

(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)

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