(neu: Statement des rheinland-pfälzischen Wissenschaftsministers)
MAINZ (dpa-AFX) - Die Impfstoff-Pioniere und Biontech-Gründer
Kurz nach Handelsstart in New York verloren die Aktien-Hinterlegungsscheine des Unternehmens rund 22 Prozent an Wert und erreichten den tiefsten Stand seit August 2024.
Das neue Biotechnologie-Unternehmen der Biontech-Gründer soll sich den Angaben zufolge der Entwicklung der nächsten Generation von Medikamenten auf mRNA-Basis widmen. Anteilseigner von Biontech, das für das Geschäftsjahr 2025 einen Milliardenverlust meldete, wollen die Eheleute aber bleiben. Derzeit halten sie nach Unternehmensangaben rund 15 Prozent.
Rechte und Technologien gehen an neues Unternehmen
Geplant ist laut Biontech, Rechte und mRNA-Technologien in das neue Unternehmen einzubringen. Im Gegenzug bekomme Biontech eine Minderheitsbeteiligung an der neuen Firma sowie Lizenzgebühren. Auch seien Meilensteinzahlungen vereinbart worden, Biontech wird also bei Erreichen bestimmter Entwicklungsschritte Geld von dem neuen Unternehmen erhalten. Eine bindende Vereinbarung hierzu soll bis Ende des ersten Halbjahres 2026 abschlossen werden, erklärte Biontech.
Sahin und Türeci hatten Biontech 2008 gegründet. Ziel war die Entwicklung von Krebstherapien auf mRNA-Basis. In der Corona-Pandemie wurden kurzerhand dann alle Kapazitäten der Mainzer in die Entwicklung eines mRNA-Vakzins gegen Covid-19 gesteckt - mit Erfolg. Das Unternehmen gewann das Wettrennen gegen eine Reihe von Mitbewerbern und erhielt gemeinsam mit dem US-Partner Pfizer
Viele Auszeichnungen und satte Gewinne
Biontech verdiente in der Folge Milliarden und expandierte kräftig. Sahin und Türeci erhielten zahlreiche renommierte Auszeichnungen, darunter 2021 das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und 2022 gemeinsam mit ihrer einstigen Weggefährtin und späteren Nobelpreisträgerin Katalin Karikó den Paul-Ehrlich- und Ludwig-Darmstaedter-Preis, einen der wichtigsten Medizinpreise Deutschlands.
Jahre nach der Pandemie sind Gewinn und Umsätze bei Biontech wieder deutlich geschrumpft, und obwohl das Geschäft mit dem Corona-Vakzin weiterläuft, steht längst wieder die Forschung an mRNA-Therapien gegen Krebs und andere Krankheiten im Mittelpunkt.
Hoffnung auf Zulassungen in der Onkologie
Nach wie vor ist das Vakzin das einzige Biontech-Produkt am Markt, das regelmäßig weiterentwickelt wird. Die Hoffnungen für die Zukunft ruhen auf mehreren späten klinischen Studien für Krebspräparate. Biontech peilt bis 2030 mehrere Zulassungsanträge für Onkologie-Therapien an.
Auf dem Weg dorthin haben die Mainzer aber immense Entwicklungskosten zu stemmen. Entsprechend stand für das Geschäftsjahr 2025 ein Nettoverlust von 1,12 Milliarden Euro zu Buche (Vorjahr: 665,3 Mio. Euro).
Der Umsatz kletterte auf 2,87 Milliarden Euro (Vorjahr: 2,76 Mrd.). Für das laufende Jahr 2026 erwartet das Unternehmen Erlöse zwischen 2,0 und 2,3 Milliarden Euro. Diese sollten die geplanten Forschungs- und Entwicklungskosten von 2,2 bis 2,5 Milliarden Euro ausgleichen, hieß es.
Ein weiteres Mal neue Wege beschreiten
Und warum nun der Ausstieg Sahins und Türecis? "Özlem und ich wollen ein weiteres Mal als Pioniere neue Wege beschreiten", sagte Sahin in einer Mitteilung. Es sei schon immer ihre Vision gewesen, Wissenschaft in Fortschritte für Patientinnen und Patienten zu überführen. Nun biete sich die Chance, die nächste Generation an Innovationen zu erschließen.
Sowohl Sahin als auch Türeci sind Kinder türkischer Einwanderer. Sahin zog im Alter von vier Jahren mit seiner Familie nach Köln, wo sein Vater bei Ford
Ausstieg nach Curevac-Übernahme
Die Ankündigung dieses Schritts erfolgt einige Monate nach einem großen Deal in der deutschen Biotechnologie-Branche. Biontech hatte den einstigen Konkurrenten im Rennen um einen Corona-Impfstoff, das Tübinger Unternehmen Curevac
Der Aufsichtsrat hat nun damit begonnen, Nachfolgerinnen und Nachfolger für die beiden zu suchen, um einen reibungslosen Übergang sicherzustellen, wie es hieß. Sahin und Türeci hätten im Laufe ihrer Karriere immer wieder ihre Innovationskraft unter Beweis gestellt, sagte Aufsichtsratschef Helmut Jeggle. Man unterstütze sie bei ihrer Entscheidung, "die Chance zu ergreifen ihre Stärken und volle Aufmerksamkeit einem neuen Unternehmen zu widmen, um das volle Potenzial von mRNA-basierten Technologien auszuschöpfen."
Wie das neue Unternehmen heißen, wo es sitzen und welche Gesellschaftsform es haben wird, ist noch nicht bekannt. Es soll aber definitiv keine Tochtergesellschaft von Biontech werden. Für Sahin und Türeci ist es nach Biontech (2008) und Ganymed Pharmaceuticals (2001) die dritte Gründung.
Der rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister Clemens Hoch sagte, Sahin und Türeci hätten Wissenschafts- und Medizingeschichte geschrieben. Nach eigenen Aussagen wollten beide künftig neue mRNA-Technologie mit Künstlicher Intelligenz (KI) kombinieren. Er habe den beiden auf diesem Gebiet die volle Unterstützung des Landes zugesichert.
Sahin: Biontech sehr gut aufgestellt
Das Impfstoffgeschäft von Biontech und die weitere Entwicklung der Pipeline mit möglichen neuen Produkten bleibe von dem Ausstieg der beiden unberührt, betonte Biontech. Sahin sagte, er und Türeci hätten Biontech in 18 Jahren von einem Start-up zu einem globalen biopharmazeutischen Unternehmen aufgebaut. Das Unternehmen sei sehr gut aufgestellt, um sich als kommerzielles Biopharma-Unternehmen mit mehreren zugelassenen Produkten zu etablieren.
Das werden Sahin und Türeci, die trotz des ganzen wirtschaftlichen Erfolgs im Herzen stets Wissenschaftler geblieben waren, nun ein Stück weit von der Seitenlinie aus begleiten./chs/DP/stw