ROUNDUP/Merz in Peking

Wie abhängig ist Deutschland von China? 22.02.2026, 09:05 Uhr von dpa-AFX Jetzt kommentieren: 1

BERLIN/PEKING (dpa-AFX) - Es ist eine Reise mit viel Brisanz - zu einem Partner und Rivalen. Zum ersten Mal in seiner Amtszeit besucht Bundeskanzler Friedrich Merz ab Dienstag China. Die Volksrepublik ist ein überragend wichtiger Markt für deutsche Unternehmen. Die deutsche Wirtschaft beklagt aber zunehmend Hemmnisse. Zugleich nimmt die weltweite Bedeutung Chinas als Wirtschaftsmacht zu.

Wichtiger deutscher Handelspartner

China ist neben den USA Deutschlands wichtigster Handelspartner, gemessen am Außenhandelsumsatz. Doch das Handelsdefizit ist groß. Wie eine Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, haben 2025 die Importe aus China den Wert der dorthin exportierten Waren um rund 90 Milliarden Euro übertroffen. Das Handelsbilanzdefizit stieg gegenüber dem Vorjahr um gut ein Drittel. Die Ausfuhren nach China seien 2025 um fast zehn Prozent eingebrochen. China sei auf Platz sechs der wichtigsten deutschen Exportpartner gerutscht.

IW-Experte Jürgen Matthes sprach von einem "China-Schock". Die rückläufigen Ausfuhren nach China bremsten die deutsche Exportwirtschaft. "Mit den stark steigenden Einfuhren aus China nimmt auch der Konkurrenzdruck durch chinesische Waren hierzulande weiter kräftig zu." Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) schrieb in ihrer neuen Konjunkturumfrage, chinesische Anbieter hätten sich zu "ernstzunehmenden Konkurrenten" in Kernbranchen der deutschen Industrie entwickelt - deren Lage ohnehin schwierig ist.

Deutschland importiert aus China vor allem elektronische Geräte wie Computer und Smartphones, daneben Batterien, Maschinen, Textilien sowie chemische Erzeugnisse. Wichtige deutsche Exportgüter sind Fahrzeuge, Maschinen und chemische Produkte.

Wichtiger Standort

Für deutsche Unternehmen bleibt die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt gerade in global unsicheren Zeiten ein wichtiger Standort. Autobauer verlagern seit der Corona-Pandemie ihre Forschung und Entwicklung nach China, um mit der Geschwindigkeit im heiß umkämpften Automarkt mithalten zu können und ihre Fahrzeuge besser auf die Bedürfnisse chinesischer Kunden anzupassen.

2025 investierten deutsche Firmen rund sieben Milliarden Euro neu in der Volksrepublik - deutlich mehr als in den Vorjahren, wie eine IW-Auswertung auf Grundlage vorläufiger Zahlen der Deutschen Bundesbank ergab.

Wachsende Probleme

Deutsche Firmen klagen seit Jahren über Probleme beim Marktzugang, undurchsichtige Regelungen und Nachteile gegenüber der vom Staat bevorzugten chinesischen Konkurrenz. Dazu kommen chinesische Exportbeschränkungen bei wichtigen Rohstoffen. Lange Warte- und Bearbeitungszeiten und zusätzlichen Unsicherheiten in den Lieferketten machen vor allem kleine und mittlere Unternehmen Sorgen.

China baue seine Position auf den Weltmärkten in zahlreichen Branchen deutlich aus, sagte DIHK-Präsident Peter Adrian. "Für deutsche Unternehmen ergeben sich daraus Chancen, etwa durch den starken technologischen Fortschritt und die Innovationskraft vor Ort. Dem stehen jedoch wachsende Risiken gegenüber, etwa durch staatliche Eingriffe und ungleiche Wettbewerbsbedingungen."

Die Lage für die deutschen Unternehmen in China sei nicht leichter geworden, sagte Oliver Oehms, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Auslandshandelskammer in China. Zwei große Trends seien Lokalisierung und Partnerschaften deutscher Unternehmen mit chinesischen Firmen, auch um aus China zu exportieren.

Abhängigkeiten

Die deutsche Automobilindustrie sei vor allem bei der Batterieproduktion stark von chinesischen Zulieferungen abhängig, ebenso wie die Rüstungsindustrie und die erneuerbaren Energien, die für Deutschlands Energiewende von zentraler Bedeutung seien, sagte Esther Goreichy vom China-Institut Merics.

China dominiert laut DIHK mit über 90 Prozent die weltweite Verarbeitung von seltenen Erden. Die Rohstoffe sind essenziell für Smartphones, Laptops, Windrad-Turbinen oder Elektromotoren.

Seit April 2025 beschränkt Peking den Export seltener Erden. Deutsche Firmen müssen aufwendige Genehmigungsverfahren durchlaufen und erhalten meist nur so viel, wie sie brauchen, ohne Lagerbestände aufbauen zu können. Wegen langer Lieferzeiten, geringer Ausfuhren und mangelnden Alternativen hätten in vielen Industrien Produktionsstopps gedroht, so die DIHK.

Deutschland und Europa müssten schnell Risiken mindern - sonst würde deren Beseitigung in Zukunft teurer, so Goreichy. China liefere zudem chemische Produkte, IT-Ausrüstung, elektronische sowie optische Güter, die in der gesamten deutschen Wertschöpfungskette präsent sind - was die Notwendigkeit einer "Strukturpolitik" unterstreiche.

Strategie des De-Risking

Weit verzweigte Lieferketten sollen eine Abhängigkeit von China vermeiden. Das zumindest war Kern der China-Strategie unter der Ampel-Regierung im Jahr 2023. Der Begriff dafür lautet: De-Risking. In der Strategie wird China als Partner, Wettbewerber und systemischer Rivale bezeichnet.

"Die in der China-Strategie der vorigen Bundesregierung stark priorisierte De-Risking-Strategie funktioniert nicht, wie sie sollte", sagte IW-Experte Matthes. So gebe es hohe deutsche Importabhängigkeiten von China. Das Beispiel seltene Erden verdeutliche zudem, dass zu viele Unternehmen "fahrlässig" mit kritischen Importabhängigkeiten umgingen. Matthes sprach sich für eine Risikoanalyse aus, um die größten Importabhängigkeitsrisiken zu identifizieren und daran gezielt anzusetzen.

Erwartungen an Merz

Die China-Reise des Bundeskanzlers komme zum richtigen Zeitpunkt, sagte DIHK-Präsident Adrian. Neben den Fragen gleicher Wettbewerbsbedingungen bei Handel und Investitionen müsse es um Exportrestriktionen bei wichtigen Rohstoffen gehen. "Exportkontrollen müssen regelbasiert und transparent erfolgen. Bestehende Genehmigungs- und Kontrollprozesse müssen vereinfacht, beschleunigt und berechenbarer werden", forderte er./hoe/DP/zb

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Vancouver, Sonntag 11:52 Uhr
das Problem - niemand ist abhängig von Deutschland -

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