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Was Kanzler Merz in Indien vorhat 11.01.2026, 11:35 Uhr von dpa-AFX Jetzt kommentieren: 0

BERLIN (dpa-AFX) - China? Nein. Japan? Auch nicht. Als Ziel seiner ersten größeren Asienreise hat sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) anders als seine Vorgänger Indien ausgesucht. Heute bricht er - acht Monate nach seinem Amtsantritt - zu einem zweitägigen Besuch in dem mit mehr als 1,4 Milliarden Einwohnern bevölkerungsreichsten Land der Welt auf.

Der indische Ministerpräsident Narendra Modi bedankt sich für die ungewöhnliche Vorzugsbehandlung mit einer besonderen und sehr seltenen Geste der Wertschätzung: Er empfängt Merz am Montag in Ahmedabad in seiner Heimatregion Gujarat, zeigt ihm dort eine ehemalige Wirkungsstätte des Nationalhelden Mahatma Gandhi und das traditionelle Drachen-Festival am Sabarmati-Fluss. Die üblichen politischen Gespräche dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Am Dienstag geht es weiter nach Bengaluru, früher Bangalore, dem Zentrum der indischen Hightech-Industrie. Dort steht die wirtschaftliche Zusammenarbeit der beiden Länder im Mittelpunkt. Merz wird erstmals von einer großen Wirtschaftsdelegation begleitet, der mehr als 20 Manager von großen und mittelständischen deutschen Unternehmen angehören. Die indische Hauptstadt Neul-Delhi lässt Merz links liegen - ungewöhnlich für einen Antrittsbesuch.

Merz weitet seinen außenpolitischen Blick

Der Kanzler hat in den ersten acht Monaten seiner Amtszeit vor allem die Bündnispartner in Europa und Nordamerika besucht. Jetzt will er sich verstärkt anderen Weltregionen widmen. Im November war er beim G20- und EU-Afrika-Gipfel in Südafrika und Angola und davor beim Weltklimagipfel in Brasilien.

Jetzt geht es nach Asien. Auf dem größten Kontinent der Welt war Merz bisher nur kurz bei seinem Türkei-Besuch im vergangenen Jahr: Die Hauptstadt Ankara liegt im asiatischen Teil des Landes, das ein Brückenstaat zwischen Asien und Europa ist.

Es ist bemerkenswert, dass Merz Indien noch vor China als wichtigstem Absatzmarkt der deutschen Wirtschaft in Asien und vor Japan als einzigem asiatischen Partner in der G7-Gruppe demokratischer Wirtschaftsmächte besucht. Seine Vorgänger haben das bei ihren ersten Asien-Reisen anders gemacht. Olaf Scholz (SPD) war zuerst in Japan, dann in China und erst ein Jahr nach seinem Amtsantritt in Indien. Angela Merkel (CDU) und Gerhard Schröder (SPD) begannen ihre Asien-Diplomatie mit Doppelbesuchen in Japan und China: Schröder war erst in Tokio und flog von dort aus nach China. Merkel machte es umgekehrt. Indien war bei beiden die Nummer drei.

Neue Partnerschaften in einer neuen Weltordnung

Dass Merz das Land nun zur Nummer eins macht, hat vor allem mit dem aktuellen Umbruch der Weltordnung zu tun. Auf bewährte Allianzen wie das transatlantische Bündnis zwischen Europa und Nordamerika ist immer weniger Verlass. Deutschland ist daher bemüht, seine Partnerschaften breiter aufzustellen und Abhängigkeiten von einzelnen Großmächten zu verringern - vor allem von den USA im Sicherheitsbereich und China bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit.

Mit der Wahl Indiens als erstem Reiseziel will Merz diesem Anspruch gerecht werden. Indien hat China inzwischen als bevölkerungsreichstes Land der Erde abgelöst und ist die Nummer fünf unter den stärksten Volkswirtschaften.

Indien weiterhin eng mit Russland verflochten

Es ist aber auch ein Land, das sich "zwischen den Welten" bewegt und sowohl zu Russland als auch zu westlichen Ländern enge Beziehungen pflegt. Modi hat den russischen Präsidenten Wladimir Putin erst im Dezember in Neu-Delhi empfangen und ist über die Brics-Staatengruppe mit Russland verbunden.

Indien bezieht weiterhin in großem Stil russisches Öl, und mit den Einnahmen finanziert Putin seinen Krieg gegen die Ukraine. Indien hat diesen Krieg anders als die meisten anderen Länder in der UN-Vollversammlung nicht verurteilt, könnte aber vielleicht mit seinen Kontakten nach Russland hilfreich bei den diplomatischen Bemühungen um ein Ende des Krieges sein. Um all das wird es beim Besuch des Kanzlers gehen.

Rüstung: Indien will deutsche U-Boote

Zu den engen Bindungen Indiens zu Russland gehört auch, dass die indischen Streitkräfte immer noch überwiegend von Moskau ausgerüstet werden. Deutschland würde gerne dazu beitragen, dass sich das ändert. So verhandelt Thyssenkrupp Marine Systems derzeit über den Verkauf von sechs U-Booten an die indische Marine. Auch am Transportflugzeug Airbus A400M gibt es in Indien Interesse.

Zu konkreten Abschlüssen wird es beim Besuch des Kanzlers wohl nicht kommen. Es soll aber eine Absichtserklärung der beiden Verteidigungsministerien zur Stärkung der Kooperation der Rüstungsunternehmen beider Länder unterzeichnet werden.

Wirtschaft: Warten auf das Freihandelsabkommen

Auch eine verstärkte wirtschaftliche Zusammenarbeit könnte dazu beitragen die Bindungen Indiens zu Russland zu lösen. An dieser Stelle ist noch Luft nach oben. Indien ist unter den deutschen Handelspartnern nur auf Platz 23. "Angesichts seiner wirtschaftlichen Dynamik, der jungen Bevölkerung und der wachsenden industriellen Basis gewinnt Indien für unsere Unternehmen rasant an Relevanz", sagt der Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Volker Treier.

Einen Schub nach vorn würde der Abschluss eines Freihandelsabkommens zwischen der EU und Indien bringen. Die Verhandlungen darüber begannen vor 18 Jahren und wurden zwischendurch für mehrere Jahre unterbrochen. Ein Abschluss bei dem für Ende Januar geplanten EU-Indien-Gipfel ist bisher noch nicht in Sicht.

Fachkräfte: Deutlicher Anstieg bei der Anwerbung

Daneben wird es auch wieder um die Anwerbung von Fachkräften aus Indien gehen, für die schon die Ampel-Regierung im Oktober 2024 eigens eine Strategie beschlossen hat. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Inder in Deutschland ist zwischen 2015 und 2025 nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit von knapp 25.000 auf knapp 170.000 gestiegen. Und mit knapp 60.000 kommt die größte Gruppe ausländischer Studentinnen und Studenten aus Indien./mfi/DP/zb

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