Aktienmarkt: Ist Inflation wirklich das größte Risiko? 19.09.2022, 10:44 Uhr von Aktienwelt360

Die Zentralbanken weltweit heben die Leitzinsen derzeit so schnell und auf so hohem Niveau an wie lange nicht mehr. Damit versuchen sie, die stark steigenden Preise zu bekämpfen. Die Inflation lag in den Vereinigten Staaten zuletzt bei 8,3 % und fiel damit wieder einmal höher aus als erwartet – zu hoch, um Entwarnung geben zu können.

Zentralbanken und Experten sind sich daher einig, dass die Leitzinsen weiter steigen müssen. Alle Experten? Nein. Eine kleine Gruppe rund um Ark Invest-Gründerin Cathie Wood hört nicht auf, die aktuelle Geldpolitik zu kritisieren. Zuletzt gewann die Investorin zwei prominente Mitstreiter hinzu, die nicht etwa vor steigenden Preisen warnen, sondern vor Deflation – also fallenden Preisen.

Wie wahrscheinlich ist eine Deflation?

Cathie Wood warnt schon seit längerer Zeit vor Deflation – in einer Welt, in der jeder über steigende Preise spricht und nicht über fallende. Was steckt hinter ihrer Überzeugung?

Die Investorin ist der Ansicht, dass disruptive Innovation preissenkende Effekte auf die Wirtschaft habe. Ein Beispiel ist das Musikstreaming mit Spotify: Wer mehr als 80 Mio. verschiedene Songs hören wollte, der musste auch viele Millionen Platten kaufen. Demgegenüber kostet ein Abo des schwedischen Unternehmens derzeit einen Zehner im Monat.

Gleichzeitig könne der Einsatz künstlicher Intelligenz in den Produktionshallen vieler Unternehmen die Kosten von Gütern senken. Die in den letzten Monaten deutlich gefallenen Rohstoffpreise – wenn auch von einem sehr hohen Niveau aus – sind ein weiterer Grund, warum Cathie Wood schon bald nicht mehr mit einer Inflation, sondern mit fallenden Preisen rechnet.

Die raschen Zinssteigerungen der Zentralbanken hält Cathie Wood vor diesem Hintergrund für einen Fehler, da damit die Wirtschaft unnötig abgewürgt werde.

Jeffrey Gundlach und Elon Musk stehen hinter Cathie Wood

Cathie Wood mag eine kontroverse Position vertreten, aber sie ist nicht allein. Der bekannte Anleiheinvestor Jeffrey Gundlach und Tesla-CEO Elon Musk sehen ebenfalls das Risiko, dass die Zentralbanken über ihr Ziel hinausschießen und eine Phase der Deflation einleiten.

Nach Ansicht von Jeffrey Gundlach solle die US-Zentralbank die Zinsen in der kommenden Woche nicht um die allseits erwarteten 0,75 Prozentpunkte anheben, sondern nur um 0,25 Prozentpunkte. Die Deflation werde nicht sofort kommen, aber irgendwann im nächsten Jahr.

Der Tesla-Chef verwies ebenso wie Cathie Wood auf die fallenden Rohstoffpreise – diese seien kein Geheimnis. Eine starke Zinsanhebung der US-Zentralbank werde das zukünftige Abgleiten in eine Deflation riskieren. Seiner Ansicht nach sollten die Leitzinsen nicht etwa steigen, sondern um 0,25 % gesenkt werden.

Inflation oder Deflation? Das ist hier die Frage

Das Wort Deflation scheint angesichts der Nachrichtenlage der vergangenen Monate nicht mehr in unsere Zeit zu passen. Inflation ist das Wort der Stunde. Warnungen vor immensen Inflationsraten verfangen derzeit besser als Warnungen vor fallenden Preisen.

Auch deshalb, weil eine Welt fallender Preise extrem wünschenswert erscheint. Aber eine Deflation birgt auch das Risiko, dass Verbraucher und Unternehmen in Erwartung weiter sinkender Preise weniger kaufen und investieren, was die Wirtschaft schwächen könnte.

Die mahnenden Worte von Cathie Wood und Co. sind nicht völlig aus der Luft gegriffen. In der Welt der Wirtschaft ist grundsätzlich nichts unmöglich – und die Zentralbanken in aller Welt wären gut beraten, auch dieses Szenario zu bedenken und sich zu fragen: Was kommt eigentlich nach der Inflation?

Der Artikel Aktienmarkt: Ist Inflation wirklich das größte Risiko? ist zuerst erschienen auf The Motley Fool Deutschland.

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Christoph Gössel besitzt Aktien von Tesla. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Tesla und Spotify.

Motley Fool Deutschland 2022

Autor: Christoph Gössel, Motley Fool beitragender Investmentanalyst (TMFchrisgsl)


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