Basel IV (2023 - 2028) Börsenlexikon Vorheriger Begriff: Basel II (2004) Nächster Begriff: Weltbank

Eine umfassende Reform der Bankenregulierung, die das Ziel verfolgt, das Bankensystem stabiler und widerstandsfähiger zu machen

Basel IV ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für die finalen Überarbeitungen des Basel-III-Regelwerks, die 2017 vom Basler Ausschuss für Bankenaufsicht (Basel Committee on Banking Supervision, BCBS) verabschiedet wurden. Offiziell wird die Reform weiterhin als Basel III bezeichnet, doch aufgrund der tiefgreifenden Änderungen, insbesondere in der Berechnung der Eigenkapitalanforderungen, sprechen viele Experten von „Basel IV“. Die neuen Vorschriften sollen die Vergleichbarkeit zwischen Banken verbessern, die Abhängigkeit von internen Risikomodellen reduzieren und die Stabilität des Bankensektors weiter erhöhen.

Hintergrund und Notwendigkeit von Basel IV

Die ursprünglichen Basel-III-Regeln, die als Reaktion auf die Finanzkrise 2008 entwickelt wurden, hatten bereits striktere Eigenkapital- und Liquiditätsanforderungen eingeführt. Allerdings zeigten sich weiterhin einige Schwachstellen:

  • Unterschiedliche Kapitalanforderungen bei Banken: Viele Institute nutzten interne Risikomodelle, um ihre Eigenkapitalanforderungen zu senken, was zu erheblichen Abweichungen zwischen Banken führte.
  • Mangelnde Vergleichbarkeit: Da Banken verschiedene Ansätze zur Risikomessung verwendeten, war es schwierig, die Stabilität einzelner Institute und des gesamten Finanzsystems zuverlässig zu bewerten.
  • Unterschätzung von Risiken: Interne Modelle neigten dazu, bestimmte Kredit- und Marktrisiken zu unterschätzen, wodurch einige Banken zu wenig Kapitalreserven hielten.

Basel IV sollte diese Probleme beheben und die Bankenregulierung weiter vereinheitlichen.

Die wichtigsten Neuerungen von Basel IV

Die Basel-IV-Reformen konzentrieren sich auf mehrere zentrale Bereiche:

  1. Einführung eines Output Floors
  2. Änderungen bei der Kreditrisikogewichtung
  3. Neue Regeln für operationelle Risiken
  4. Überarbeitung der Berechnung der Marktrisiken
  5. Strengere Leverage Ratio für systemrelevante Banken

1. Einführung eines Output Floors

Eine der bedeutendsten Änderungen von Basel IV ist die Einführung eines sogenannten Output Floors. Dies bedeutet, dass Banken, die interne Risikomodelle nutzen, mindestens 72,5 % der Kapitalanforderungen des Standardansatzes einhalten müssen.

Ziel ist es, sicherzustellen, dass Banken mit internen Modellen ihre Kapitalanforderungen nicht übermäßig reduzieren und dass es eine Mindestgrenze gibt, unter die die Kapitalanforderungen nicht sinken dürfen. Dadurch wird die Vergleichbarkeit zwischen Banken mit unterschiedlichen Berechnungsmethoden verbessert.

2. Änderungen bei der Kreditrisikogewichtung

Die Berechnung des Kreditrisikos wurde stark überarbeitet. Banken können weiterhin zwischen dem Standardansatz und dem internen Rating-basierten Ansatz (IRB) wählen, allerdings mit neuen Einschränkungen:

  • Strengere Vorgaben für interne Modelle: Bestimmte Kreditportfolios, wie Kredite an große Unternehmen mit einem Umsatz über 500 Millionen Euro, dürfen nicht mehr über interne Modelle bewertet werden, sondern müssen nach dem Standardansatz behandelt werden.
  • Neuer Standardansatz: Der Standardansatz für Kreditrisiken wurde reformiert, um eine differenziertere Risikoeinschätzung zu ermöglichen. Dabei werden nun auch Faktoren wie Unternehmensgröße, Fremdkapitalquote und Bonität berücksichtigt.

Durch diese Maßnahmen sollen Risiken realistischer eingeschätzt und Kapitalanforderungen nicht künstlich gesenkt werden.

3. Neue Regeln für operationelle Risiken

Unter Basel IV wurde der bisherige fortgeschrittene Messansatz (AMA) für operationelle Risiken abgeschafft. Stattdessen gibt es nun einen einheitlichen Standardansatz, der die Kapitalanforderung für operationelle Risiken anhand folgender Faktoren berechnet:

  • Geschäftsvolumen der Bank
  • Historische operationelle Verluste

Dadurch soll die Berechnung transparenter und weniger manipulierbar werden.

4. Überarbeitung der Berechnung der Marktrisiken

Die Berechnung der Marktrisiken wurde grundlegend reformiert, insbesondere für Banken mit großen Handelsbüchern:

  • Einführung des Fundamental Review of the Trading Book (FRTB), das präzisere Risikomessmethoden erfordert.
  • Striktere Abgrenzung zwischen Handels- und Bankbuch, um regulatorische Arbitrage zu verhindern.

Ziel ist es, Marktrisiken realistischer zu bewerten und spekulative Handelsaktivitäten besser zu regulieren.

5. Strengere Leverage Ratio für systemrelevante Banken

Basel IV sieht eine verschärfte Leverage Ratio für global systemrelevante Banken (G-SIBs) vor. Diese Banken müssen nun eine zusätzliche Kapitalanforderung erfüllen, um das Risiko von systemischen Krisen zu reduzieren.

Auswirkungen von Basel IV

Die Umsetzung von Basel IV hat erhebliche Folgen für Banken und Finanzmärkte:

  • Höhere Kapitalanforderungen: Viele Banken müssen mehr Eigenkapital vorhalten, insbesondere solche mit großen Kreditportfolios oder umfangreicher Nutzung interner Modelle.
  • Veränderte Kreditvergabe: Banken könnten vorsichtiger bei der Vergabe von Krediten werden, insbesondere an Unternehmen mit schlechter Bonität.
  • Bessere Vergleichbarkeit von Banken: Die neuen Regeln reduzieren die Unterschiede in den Kapitalanforderungen zwischen Banken und schaffen ein einheitlicheres Regelwerk.
  • Steigende Finanzierungskosten: Höhere Eigenkapitalanforderungen könnten die Kosten für Banken und somit auch für Kunden erhöhen, etwa durch höhere Kreditzinsen.

Kritik an Basel IV

Trotz der positiven Effekte gibt es auch Kritik an Basel IV:

  • Steigende Kapitalanforderungen für europäische Banken: Insbesondere europäische Banken sind stärker betroffen als US-Banken, da europäische Institute traditionell stärker auf interne Modelle setzen.
  • Bürokratische Belastung: Die neuen Vorschriften sind komplex und erfordern hohe Anpassungskosten für Banken.
  • Einschränkung der Kreditvergabe: Kritiker befürchten, dass strengere Kapitalanforderungen dazu führen könnten, dass Banken weniger Kredite an Unternehmen und Privatkunden vergeben, insbesondere in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.
  • Unzureichende Berücksichtigung neuer Risiken: Themen wie Kryptowährungen, digitale Finanzprodukte oder Cyberrisiken werden in Basel IV nur begrenzt behandelt.

Umsetzung und Zeitplan

Die Umsetzung von Basel IV wurde mehrfach verschoben, zuletzt durch die COVID-19-Pandemie. Der aktuelle Zeitplan sieht vor:

  • Einführung der neuen Vorschriften zwischen 2023 und 2028, mit einer schrittweisen Anpassung an die neuen Kapitalanforderungen.

Die schrittweise Einführung soll Banken genügend Zeit geben, sich an die neuen Regeln anzupassen, ohne die Kreditvergabe und Wirtschaftstätigkeit zu stark zu beeinträchtigen.

Fazit

Basel IV stellt eine umfassende Reform der Bankenregulierung dar, die das Ziel verfolgt, das Bankensystem stabiler und widerstandsfähiger zu machen. Die Einführung des Output Floors, die strengeren Anforderungen an interne Risikomodelle und die Überarbeitung der Kredit- und Marktrisiken sorgen für eine einheitlichere und realistischere Risikobewertung.

Trotz der Kritik an den steigenden Kapitalanforderungen und der höheren regulatorischen Komplexität bleibt Basel IV ein entscheidender Schritt in der Weiterentwicklung der globalen Finanzaufsicht. Die schrittweise Umsetzung soll sicherstellen, dass die neuen Vorschriften das Finanzsystem stabilisieren, ohne die Kreditvergabe oder das Wirtschaftswachstum unnötig zu bremsen.