Free Retention Börsenlexikon Vorheriger Begriff: Frankfurter Wertpapierbörse (FWB) Nächster Begriff: Freie Makler

Eine Regelung bei Factoring-Verträgen, bei der die Factoring-Gesellschaft einen festen Prozentsatz des Forderungsbetrags als Sicherheit einbehält und erst nach vollständiger Zahlung des Schuldners an den Kunden auszahlt, um Ausfallrisiken abzufedern

Als Free Retention wird im Zusammenhang mit Börsengängen ein begrenztes Kontingent an Aktien bezeichnet, das den an der Emission beteiligten Banken zur freien Verfügung überlassen wird. Dieses Aktienkontingent ist nicht Teil des regulären Zuteilungsverfahrens, das für die Zeichner der Emission gilt, sondern wird außerhalb dieser Regeln behandelt. Die Free Retention stellt damit ein besonderes Instrument innerhalb der Emissionsstruktur dar und dient der flexiblen Platzierung eines kleinen Teils des Emissionsvolumens.

Der Umfang der Free Retention liegt üblicherweise zwischen 2 und 5 Prozent des gesamten Emissionsvolumens. Die genaue Höhe kann je nach Börsengang, Marktumfeld und Konsortialstruktur variieren. Die rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen für die Verwendung dieses Aktienkontingents werden in der Regel im Emissionsvertrag festgelegt und unterliegen der Federführung des Konsortialführers.

Einordnung in den Emissionsprozess

Ein Börsengang ist durch ein formalisiertes Zuteilungsverfahren gekennzeichnet, bei dem Anleger innerhalb einer Zeichnungsfrist Kaufaufträge für die neu ausgegebenen Aktien abgeben. Die Zuteilung erfolgt nach festgelegten Kriterien, etwa proportional zur Zeichnung, nach Anlegergruppen oder unter Berücksichtigung regulatorischer Vorgaben. Die Free Retention ist von diesem Verfahren ausdrücklich ausgenommen.

Die Aktien aus der Free Retention werden nicht automatisch an die Zeichner verteilt, sondern stehen den Emissionsbanken zur eigenständigen Disposition zur Verfügung. Dadurch entsteht ein vom regulären Marktprozess abgegrenzter Zuteilungsbereich, der gezielt eingesetzt werden kann. Diese Sonderstellung macht die Free Retention zu einem wichtigen, aber auch sensiblen Bestandteil des Emissionsgeschäfts.

Zweck und Funktion der Free Retention

Der zentrale Zweck der Free Retention besteht darin, den beteiligten Banken einen Handlungsspielraum bei der Platzierung der Aktien zu verschaffen. Emissionsbanken können diese Aktien bevorzugt an ausgewählte Kunden weitergeben, etwa an institutionelle Investoren, langjährige Geschäftspartner oder strategisch relevante Marktteilnehmer. Ziel ist es, eine stabile Aktionärsstruktur zu fördern und den erfolgreichen Verlauf des Börsengangs zu unterstützen.

Darüber hinaus kann die Free Retention genutzt werden, um besondere Nachfragekonstellationen zu berücksichtigen, die im regulären Zuteilungsverfahren nicht angemessen abgebildet werden können. Sie ermöglicht es den Banken, auf kurzfristige Marktentwicklungen zu reagieren oder gezielt Investoren zu bedienen, die aus Sicht des Konsortiums für die Platzierung oder die spätere Kursentwicklung von Bedeutung sind.

Rolle der Emissionsbanken und des Konsortialführers

Die Verantwortung für die Ausgestaltung und Verwendung der Free Retention liegt in erster Linie bei den Emissionsbanken, insbesondere beim Konsortialführer. Dieser koordiniert den gesamten Emissionsprozess und legt fest, unter welchen Bedingungen die Free-Retention-Aktien eingesetzt werden dürfen. Dazu gehören unter anderem interne Verteilungsrichtlinien, Haltefristen oder Vorgaben zur Anlegerstruktur.

Obwohl die Free Retention zur freien Verfügung der Banken steht, ist sie nicht vollkommen unbegrenzt nutzbar. Die Verwendung muss mit den regulatorischen Anforderungen, den Vereinbarungen im Konsortium und den Interessen des Emittenten in Einklang stehen. In der Praxis erfolgt die Verteilung daher innerhalb klar definierter Rahmenbedingungen, um Interessenkonflikte zu vermeiden und die Marktintegrität zu wahren.

Abgrenzung zur Mehrzuteilungsoption

Die Free Retention ist von der sogenannten Mehrzuteilungsoption zu unterscheiden, die ebenfalls im Zusammenhang mit Börsengängen eine Rolle spielt. Während die Mehrzuteilungsoption zusätzliche Aktien betrifft, die zur Kursstabilisierung eingesetzt werden können, handelt es sich bei der Free Retention um einen festen Bestandteil des ursprünglichen Emissionsvolumens.

Die Free Retention beeinflusst somit nicht die Gesamtzahl der ausgegebenen Aktien, sondern lediglich deren Verteilung. Sie ist kein Instrument zur Marktstützung im engeren Sinne, sondern dient der gezielten Platzierung eines begrenzten Aktienanteils. Diese klare Abgrenzung ist wichtig, um die unterschiedlichen Funktionen der einzelnen Emissionsinstrumente sachlich einzuordnen.

Auswirkungen auf Anleger und Markttransparenz

Für Anleger ist die Free Retention in der Regel nicht unmittelbar sichtbar, da sie außerhalb des öffentlichen Zuteilungsverfahrens stattfindet. Dennoch kann sie indirekte Auswirkungen haben. Wenn ein Teil der Aktien bevorzugt an bestimmte Investoren vergeben wird, kann dies die Zusammensetzung des Aktionariats beeinflussen und damit auch das spätere Handelsverhalten der Aktie.

Aus Sicht der Markttransparenz ist die Free Retention ein potenziell sensibler Bereich, da sie eine Ungleichbehandlung von Anlegern implizieren kann. Aus diesem Grund unterliegt sie strengen Offenlegungs- und Dokumentationspflichten. Die Existenz und der Umfang der Free Retention werden in den Emissionsunterlagen in der Regel transparent dargestellt, auch wenn die konkrete Verteilung nicht öffentlich nachvollziehbar ist.

Bedeutung für Emittenten

Auch für das emittierende Unternehmen spielt die Free Retention eine Rolle. Über die gezielte Platzierung von Aktien kann Einfluss auf die Qualität und Stabilität der Aktionärsbasis genommen werden. Langfristig orientierte Investoren können dazu beitragen, starke Kursschwankungen nach dem Börsengang zu reduzieren und Vertrauen in den Kapitalmarktauftritt des Unternehmens zu schaffen.

Gleichzeitig ist der Emittent darauf angewiesen, dass die Free Retention verantwortungsvoll eingesetzt wird. Eine einseitige oder marktferne Verteilung könnte das Vertrauen anderer Anleger beeinträchtigen. Daher besteht in der Praxis ein enges Zusammenspiel zwischen Emittent, Konsortialführer und weiteren beteiligten Banken bei der Festlegung der Rahmenbedingungen.

Regulierung und Marktüblichkeit

Die Free Retention ist kein gesetzlich normierter Begriff, sondern eine marktübliche Bezeichnung aus der Emissionspraxis. Ihre konkrete Ausgestaltung kann je nach Rechtsordnung, Börsensegment und Marktstandard variieren. Gleichwohl bewegen sich Umfang und Einsatz typischerweise innerhalb etablierter Bandbreiten, um regulatorische Risiken zu vermeiden.

In etablierten Kapitalmärkten hat sich die Free Retention als akzeptiertes Instrument durchgesetzt, solange sie transparent kommuniziert und maßvoll eingesetzt wird. Sie gilt als Bestandteil der praktischen Flexibilität, die Emissionsbanken benötigen, um Börsengänge erfolgreich umzusetzen.

Fazit

Die Free Retention bezeichnet ein begrenztes Aktienkontingent bei einem Börsengang, das den Emissionsbanken außerhalb des regulären Zuteilungsverfahrens zur freien Verfügung steht. Mit einem Anteil von meist 2 bis 5 Prozent des Emissionsvolumens ermöglicht sie eine gezielte und flexible Platzierung von Aktien, insbesondere an ausgewählte Investoren. Die Free Retention erfüllt damit eine wichtige organisatorische Funktion im Emissionsprozess, erfordert jedoch klare Regeln, Transparenz und verantwortungsvolle Nutzung, um Marktvertrauen und Fairness gegenüber allen Anlegern zu gewährleisten.