Measuring Gap Börsenlexikon Vorheriger Begriff: McClellan Oszillator Nächster Begriff: Medium Term Note (MTN)
Eine Kurslücke inmitten eines Trends, die als Messlücke dient, um das potenzielle Preisziel durch Verdopplung der vorangegangenen Bewegung zu prognostizieren und die Trendstärke zu quantifizieren
Measuring Gap (deutsch: Messlücke) ist ein Begriff aus der technischen Analyse und stellt eine spezielle Form des Kurslückenphänomens (Gap) dar. Sie tritt innerhalb eines etablierten Trends auf und dient nicht nur als Signal für die Fortsetzung des Trends, sondern auch als technisches Instrument zur Prognose der weiteren Kursentwicklung. Measuring Gaps werden oft mit sogenannten Runaway Gaps gleichgesetzt oder in diese Kategorie eingeordnet, wobei der Begriff „Measuring Gap“ den zusätzlichen funktionalen Aspekt der Zielbestimmung betont.
Definition und Einordnung
Ein Measuring Gap ist eine Kurslücke in Trendrichtung, die ungefähr in der Mitte einer gesamten Kursbewegung auftritt und als Anhaltspunkt für das voraussichtliche Kursziel dient. Sie zeigt typischerweise eine Beschleunigung des Trends an, ohne dass dieser bereits am Ende steht.
Die Measuring Gap tritt weder zu Beginn des Trends (wie das Breakaway Gap) noch am Ende (wie das Exhaustion Gap) auf, sondern in der Phase der Trendverstärkung. Sie wird daher oft auch als „Zwischenlücke“ bezeichnet.
Charakteristische Merkmale
Die folgenden Merkmale sind typisch für eine Measuring Gap:
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Lage innerhalb eines bestehenden Trends – nach dem ersten Trendimpuls und vor der finalen Phase.
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Kurslücke in Trendrichtung, mit sichtbarer Distanz zwischen dem Schlusskurs des Vortages und dem Eröffnungskurs des nächsten Tages.
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Moderat erhöhtes Handelsvolumen, jedoch ohne die Extremwerte, wie sie bei Breakaway- oder Exhaustion Gaps auftreten.
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Keine unmittelbare Schließung der Lücke, was auf eine robuste Trenddynamik hindeutet.
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Möglichkeit der Zielprognose, indem die Distanz vom Trendbeginn bis zur Measuring Gap auf die Lücke „gespiegelt“ wird.
Beispiel: Steigt eine Aktie von 50 € auf 70 €, und bei 70 € tritt eine Measuring Gap auf, kann – bei Fortsetzung des Trends – ein Zielkurs im Bereich von 90 € angenommen werden.
Technische Funktion als Messinstrument
Der wesentliche Unterschied zwischen einem Measuring Gap und anderen Gap-Typen liegt in seiner analytischen Funktion: Es dient zur Abschätzung der potenziellen Trendlänge. Hierzu wird die Distanz vom Beginn des Trends bis zur Lücke gemessen und als Projektion in Trendrichtung angelegt:
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Kursziel = Kurs zum Zeitpunkt der Lücke + (Differenz zwischen Trendbeginn und Lücke) (bei Aufwärtstrend)
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Kursziel = Kurs zum Zeitpunkt der Lücke − (Differenz zwischen Trendbeginn und Lücke) (bei Abwärtstrend)
Dieses Vorgehen basiert auf der Annahme, dass Trends häufig eine symmetrische Struktur aufweisen und dass sich die erste Bewegung (vor dem Gap) ungefähr in gleicher Größenordnung nach dem Gap fortsetzt.
Abgrenzung zu anderen Gaps
Die technische Analyse unterscheidet verschiedene Arten von Gaps, deren Aussage sich nach Position und Verhalten im Trendverlauf richtet:
| Gap-Typ | Position im Trend | Funktion | Kursziel-Prognose |
|---|---|---|---|
| Breakaway Gap | Trendbeginn | Signalisiert Trendstart | Nein |
| Measuring Gap | Trendmitte | Signalisiert Trendfortsetzung | Ja |
| Runaway Gap | Trendmitte | Signalisiert Beschleunigung | Teilweise |
| Exhaustion Gap | Trendende | Signalisiert Trendumkehr | Nein |
Das Measuring Gap kann als funktionale Unterform des Runaway Gaps betrachtet werden, mit dem Schwerpunkt auf der Zielermittlung.
Bedeutung für Handelsstrategien
Für technisch orientierte Marktteilnehmer kann die Identifikation eines Measuring Gaps ein wertvoller Anhaltspunkt für das Positionsmanagement sein. Mögliche Anwendungen:
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Einstieg oder Positionsaufstockung bei Bestätigung der Lücke durch Folgetage.
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Zielbestimmung auf Basis der gemessenen Distanz zum Trendbeginn.
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Absicherung durch Stop-Loss unterhalb (bei Long-Trend) bzw. oberhalb (bei Short-Trend) der Gap-Zone.
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Teilgewinnrealisierung nahe des projizierten Kursziels.
Die Kombination aus Trenddynamik und prognostizierbarem Ziel macht Measuring Gaps besonders interessant für Swing-Trader oder Trendfolger mit mittelfristigem Horizont.
Zuverlässigkeit und Einschränkungen
Trotz ihrer praktischen Anwendbarkeit unterliegen Measuring Gaps bestimmten Einschränkungen:
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Unsicherheit bei der genauen Bestimmung des Trendbeginns, insbesondere in komplexen Kursverläufen.
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Fehlprognosen bei Marktstörungen, etwa durch Nachrichtenereignisse, die den Trend abrupt verändern.
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Gefahr der Verwechslung mit anderen Gap-Typen, wenn die Lücke nicht klar in die Trendstruktur eingeordnet werden kann.
Zudem ist die Annahme einer symmetrischen Trendentwicklung ein modellhaftes Konzept, das nicht in allen Marktphasen zutrifft. Daher sollten Measuring Gaps stets im Kontext weiterer technischer Indikatoren (z. B. Volumen, gleitende Durchschnitte, RSI) analysiert werden.
Beispielhafte Darstellung
Ein typischer Fall für ein Measuring Gap wäre eine Aktie, die nach dem Durchbruch eines Widerstands von 100 € auf 120 € steigt, dort eine auffällige Kurslücke ausbildet und im Anschluss auf 140 € weiterläuft. Die Lücke bei 120 € stellt dann die ungefähre Mitte der gesamten Bewegung dar und erlaubt eine einfache Zielprojektion.
Auch in Indizes, Rohstoffmärkten oder Währungspaaren sind derartige Kursmuster zu beobachten – insbesondere in trendstarken Phasen mit stabiler Marktrichtung.
Fazit
Das Measuring Gap ist eine spezifische Kurslücke innerhalb eines bestehenden Trends, die als Bestätigung der Trendrichtung dient und gleichzeitig zur Projektion eines möglichen Kursziels herangezogen werden kann. Es tritt in der Regel in der mittleren Phase der Bewegung auf und spiegelt eine Phase wachsender Marktteilnahme und Trendüberzeugung wider. Für technische Analysten stellt das Measuring Gap ein nützliches Werkzeug dar, um die Struktur eines Trends besser zu verstehen und strategische Entscheidungen zur Positionierung, Zielsetzung und Absicherung zu treffen. Wie bei allen charttechnischen Methoden gilt auch hier: Die Aussagekraft steigt durch Kombination mit weiteren Analyseinstrumenten.