National Industrial Recovery Act (NIRA) Börsenlexikon Vorheriger Begriff: Federal Emergency Relief Administration (FERA) Nächster Begriff: National Recovery Administration (NRA)
Ein ambitionierter Versuch, die US-Wirtschaft durch Regulierung, Arbeitsmarktreformen und öffentliche Investitionen zu stabilisieren
Der National Industrial Recovery Act (NIRA) war ein bedeutendes Gesetz, das im Rahmen des New Deal von Präsident Franklin D. Roosevelt am 16. Juni 1933 verabschiedet wurde. Ziel dieses Gesetzes war es, die durch die Weltwirtschaftskrise schwer getroffene US-Wirtschaft wiederzubeleben, indem es Industrie, Arbeitsrechte und öffentliche Investitionen regulierte.
Hintergrund und Notwendigkeit des NIRA
Die Weltwirtschaftskrise von 1929 führte zu einem massiven Rückgang der industriellen Produktion, hoher Arbeitslosigkeit und einer deflationären Preisspirale. Viele Unternehmen waren gezwungen, Löhne zu senken oder ihre Produktion einzustellen, was die Kaufkraft der Bevölkerung weiter reduzierte. Der Zusammenbruch der Nachfrage führte zu einem Teufelskreis wirtschaftlicher Stagnation.
Die bestehende Wirtschaftspolitik unter Präsident Herbert Hoover basierte auf der Idee des freien Marktes und verzichtete weitgehend auf staatliche Interventionen. Diese Strategie erwies sich jedoch als unzureichend, um die Krise zu bewältigen. Mit dem Amtsantritt von Franklin D. Roosevelt im Jahr 1933 setzte die US-Regierung auf eine aktive Wirtschaftspolitik, um die Wirtschaft durch gezielte staatliche Maßnahmen wieder in Gang zu bringen. Der NIRA wurde als eine der zentralen Reformen des New Deal konzipiert, um die Industrie zu stabilisieren, Arbeitsplätze zu schaffen und die Löhne zu erhöhen.
Ziele und Inhalte des NIRA
Der National Industrial Recovery Act hatte drei Hauptziele:
- Förderung fairer Geschäftspraktiken und Wettbewerb: Durch die Einführung von Industriecodes sollten Unternehmen davon abgehalten werden, ruinöse Preiskämpfe und exzessive Lohnsenkungen zu betreiben.
- Stärkung der Rechte von Arbeitnehmern: Der NIRA erkannte das Recht der Arbeiter auf Tarifverhandlungen an und sollte Gewerkschaften stärken.
- Öffentliche Investitionen und Arbeitsbeschaffung: Der NIRA schuf die Public Works Administration (PWA), die Infrastrukturprojekte finanzierte und Arbeitsplätze schuf.
Das Gesetz bestand aus zwei Hauptbestandteilen:
-
Titel I: Industriepolitik
- Unternehmen wurden ermutigt, sogenannte „Codes of Fair Competition“ (Wettbewerbsrichtlinien) zu entwickeln, die Mindestpreise, Produktionsmengen und Arbeitsbedingungen regelten.
- Die National Recovery Administration (NRA) wurde gegründet, um diese Regeln zu überwachen.
- Gewerkschaften wurden gesetzlich geschützt, und das Recht auf Kollektivverhandlungen wurde gestärkt.
-
Titel II: Infrastrukturprogramme
- Die Public Works Administration (PWA) wurde ins Leben gerufen, um öffentliche Bauprojekte wie Straßen, Brücken, Schulen und Staudämme zu finanzieren.
- Ziel war es, die Arbeitslosigkeit zu reduzieren und die Wirtschaft durch öffentliche Ausgaben zu stimulieren.
Umsetzung und Auswirkungen
Der NIRA hatte unmittelbare wirtschaftliche Auswirkungen:
- Erhöhung der Löhne: Viele Unternehmen setzten Mindestlöhne und maximale Arbeitszeiten fest, um Beschäftigung und Kaufkraft zu steigern.
- Wiederbelebung der Industrie: Durch die Wettbewerbsrichtlinien wurde übermäßiger Preisdruck reduziert, was insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen half.
- Stärkung der Gewerkschaften: Arbeiter erhielten mehr Rechte, was zu einer Zunahme von Gewerkschaftsmitgliedschaften führte.
- Schaffung von Arbeitsplätzen: Die PWA finanzierte zahlreiche Infrastrukturprojekte, die Millionen von Menschen beschäftigten.
Trotz dieser Erfolge gab es auch erhebliche Herausforderungen und Kritik:
- Bürokratische Probleme: Die Erstellung und Umsetzung der Industriecodes war kompliziert und führte zu Verwirrung und Verzögerungen.
- Ungleiche Vorteile für Unternehmen: Große Unternehmen hatten mehr Einfluss auf die Gestaltung der Wettbewerbsrichtlinien, was kleinere Betriebe benachteiligte.
- Widerstand gegen Gewerkschaften: Viele Arbeitgeber versuchten, die neuen Arbeitsgesetze zu umgehen oder Gewerkschaftsbildungen zu verhindern.
Verfassungsrechtliche Anfechtung und Aufhebung
Der NIRA wurde 1935 vom Obersten Gerichtshof der USA im Fall Schechter Poultry Corp. v. United States für verfassungswidrig erklärt. Das Gericht argumentierte, dass der Kongress mit der Übertragung legislativer Macht auf die NRA seine Kompetenzen überschritten habe. Dies bedeutete das Ende des NIRA, aber viele seiner Kernprinzipien wurden später in anderen Gesetzen wie dem National Labor Relations Act (1935) und dem Fair Labor Standards Act (1938) weitergeführt.
Fazit
Der National Industrial Recovery Act war ein ambitionierter Versuch, die US-Wirtschaft durch Regulierung, Arbeitsmarktreformen und öffentliche Investitionen zu stabilisieren. Obwohl er nur zwei Jahre in Kraft war, hatte er nachhaltige Auswirkungen auf die amerikanische Wirtschaftspolitik. Viele seiner Ideen, insbesondere der Schutz von Gewerkschaften und die Förderung staatlicher Infrastrukturprojekte, sind bis heute wichtige Elemente der US-Wirtschaftspolitik. Der NIRA zeigte, dass eine gezielte staatliche Intervention in Krisenzeiten eine entscheidende Rolle spielen kann, auch wenn die praktische Umsetzung mit Herausforderungen verbunden ist.