Kryptowährungen bleiben unter Druck. ETF-Abflüsse, Unsicherheiten bezüglich des Clarity Act in den USA und ein neuer Hackerangriff verhindern ein Comeback. Eine ganz wichtige Rolle spielen zudem die Leitzinsen.
6. August 2026. FRANKFURT (Deutsche Börse). Der Bitcoin bewegt sich weiter seitwärts. "Das makroökonomische Umfeld bleibt für Risikoanlagen schwierig", erklärt Dovile Silenskyte vom Emittenten WisdomTree. Die Kombination aus hartnäckiger Inflation, der Erwartung länger währender höherer Zinsen und der anhaltenden Stärke des US-Dollar belaste die Stimmung.
Auch weitere Bitcoin-Verkäufe von Strategy-Gründer Michael Saylor - "Ikone" der Bitcoin-Szene - kommen nicht gut an. Zuletzt hat zudem ein Hackerangriff für Unruhe gesorgt: "Cold Wallets" des kanadischen Unternehmens Coinkite wurden ausgeraubt, Kryptowährungen im Wert von rund 75 Millionen Euro sollen erbeutet worden sein. Der Bitcoin schwankt seit Anfang Juni um 62.000 US-Dollar, am Donnerstagmorgen sind es 64.776 US-Dollar. Gegenüber dem Allzeithoch vom Oktober hat sich der Wert damit in etwa halbiert. Ethereum und Solana haben seit ihren Hochs sogar noch mehr an Wert verloren.
"Vielen reicht Volatilität am Aktienmarkt"
WisdomTree meldet für den Juli für die USA anhaltende Nettoabflüsse aus gelisteten Bitcoin-Trackern. Seit Jahresanfang summierten sich diese auf 5,2 Milliarden US-Dollar. In Europa setzten sich im Juli hingegen die Zuflüsse fort, wenn auch auf niedrigem Niveau. Seit Jahresanfang ergibt sich WisdomTree zufolge ein Plus von 1 Milliarde US-Dollar.
Im Handel mit Bitcoin-ETNs sieht Janis Völker von Lang & Schwarz zwar wieder mehr Interesse als im Frühjahr. "Der Kryptomarkt ist für viele Trader aber nicht mehr so interessant, ihnen reicht die Volatilität am Aktienmarkt", bemerkt er. Insgesamt beobachtet er Umsätze in beide Richtungen. "Bitcoin und Ethereum stehen im Mittelpunkt." Bei der ICF Bank bleibt es ruhig. Vor kurzem tauchte erstmals nach langer Zeit wieder ein Bitcoin-ETN in der Top-Ten-Umsatzliste der ICF auf: der WisdomTree Physical Bitcoin (GB00BJYDH287) - mit fast nur Verkäufen. Aktuell werde zudem ein Ripple-ETN viel verkauft, der 21Shares XRP (CH0454664043). Im Handel an der Deutschen Börse dominieren Bitcoin-ETNs, etwa von WisdomTree, iShares (XS2940466316) oder 21shares (CH1199067674).
Unruhe wegen Steuerplänen
Die Pläne von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil zur veränderten Besteuerung von Krypto-Gewinnen bewegt die Szene hierzulande. Derzeit gilt: Wer Kryptowährungen länger als ein Jahr hält, muss keine Steuern auf Veräußerungsgewinne zahlen. Bei kürzerer Haltedauer greift der persönliche Einkommensteuersatz. Damit wird Bitcoin aktuell analog etwa zu Gold, Oldtimern und Kunstgegenständen besteuert. In Zukunft sollen Krypto-Gewinne wie Aktienerlöse besteuert werden - also mit der pauschalen Abgeltungsteuer von 25 Prozent plus gegebenenfalls Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer.
"Stabiler als KI-Aktien"
André Dragosch von Bitwise beurteilt die jüngste Kursentwicklung sogar positiv. Kryptowährungen hätten sich angesichts der kräftigen Kurseinbußen von KI-Aktien bemerkenswert widerstandsfähig gezeigt. "Der Philadelphia Semiconductor-Index korrigierte im Juli scharf und lag zeitweise mehr als 23 Prozent unter seinen Hochs", stellt er fest. Insgesamt geht Dragosch davon aus, dass der Bitcoin kurzfristig stark vom Makro- und Liquiditätsumfeld abhängig bleiben wird. Mittelfristig verbesserten sich jedoch die kryptospezifischen Fundamentaldaten. "Langfristig könnte die Verbindung von realer Nutzung, institutioneller Infrastruktur und On-Chain-Abwicklung zum zentralen Wachstumstreiber werden."
Inflation als Spielverderber?
Jacob Lindberg vom Emittenten Valour sieht zwei mögliche Entwicklungen: Eine sinkende Inflation, stabile Anleiherenditen und anhaltende ETF-Zuflüsse könnten Bitcoin und Ethereum stützen. "Anhaltende Inflation, steigende Energiepreise oder eine geopolitische Eskalation könnten dagegen erneut für eine defensive Marktbewegung sorgen", erklärt er.
Adrian Fritz von 21shares hält die weitere Kommunikation der US-Notenbank in Sachen Leitzinsen für entscheidend. Verdichteten sich Hinweise auf eine Zinserhöhung im September, dürften höhere Anleiherenditen und ein stärkerer US-Dollar den Druck auf Bitcoin aufrechterhalten. "Ein zurückhaltenderer Ausblick könnte dagegen die Risikobereitschaft der Investoren stärken."
Fragezeichen hinter Clarity Act
Außerdem blickt Fritz auf den Clarity Act, der in den USA einen umfassenderen gesetzlichen Rahmen für digitale Vermögenswerte schaffen und insbesondere die Zuständigkeiten der Aufsichtsbehörden SEC und CFTC klarer voneinander abgrenzen soll. "Das Zeitfenster für eine Abstimmung vor der parlamentarischen August-Pause wird immer kleiner", bemerkt er. Komme es nicht bald zu einer Einigung, könne das Gesetz vor den US-Zwischenwahlen vielleicht nicht mehr verabschiedet werde. "Eine weitere Verzögerung würde zeigen, dass der politische Konsens fragiler ist als zuletzt angenommen."
Von Anna-Maria Borse, 6. August 2026, © Deutsche Börse AG
(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)