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'Handelsblatt'-Chef Matthes

Medien müssen Innovationen sichtbar machen 22.09.2026, 12:08 Uhr von dpa-AFX Jetzt kommentieren: 0

"Handelsblatt"-Chefredakteur Sebastian Matthes sieht Medien mit in der Verantwortung, zur Zukunfts- und Innovationsfähigkeit Deutschlands beizutragen. "Natürlich müssen Medien zeigen, was nicht funktioniert. Wir müssen aber auch stärker über Ideen, Köpfe und Unternehmen berichten, die gesellschaftliche Probleme lösen, Krankheiten heilen und neue Technologien entwickeln, denn davon haben wir auch in Deutschland viele", sagte Matthes im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Dies sei wichtig und mit journalistischen Standards vereinbar: "Ihnen müssen wir eine Bühne geben. Das ist kein Aktivismus, sondern eine möglichst vollständige Beschreibung der Wirklichkeit", sagte Matthes weiter.

Freude am Neuen abhandengekommen?

Ein solches Beispiel sei das Münchner Start-up Isar Aerospace. Vor ein paar Jahren sei es noch ein Studentenprojekt gewesen, nun habe es gerade eine Rakete in den Orbit geschossen: "Es gelang beim zweiten Versuch. SpaceX von Elon Musk brauchte dafür noch vier Anläufe. Warum ist die Nachricht nicht eine Woche lang Top-Thema in den Medien? Vielleicht ist den Deutschen die Freude am Neuen abhandengekommen", sagte Matthes weiter im Gespräch.

Matthes führt das Handelsblatt seit fünf Jahren als Chefredakteur. In dieser Zeit hat er der Wirtschaftszeitung ein technologieaffines Profil gegeben. Das Handelsblatt richtet seit 2025 eine eigene Tech-Konferenz aus und hat sein Technologie-Team ausgebaut. Am 1. Oktober 2026 erscheint Matthes' erstes Buch "Inside 2029".

Darin versucht der Journalist und Tech-Experte, Gründe für die Versäumnisse der jetzigen und früheren Bundesregierungen aufzuarbeiten, warum Deutschland an Innovationskraft eingebüßt hat - und Lösungswege aufzuzeigen. Dafür bereiste Matthes Hightech-Zentren wie Boston, Shenzhen und Bangalore. "Keines davon ist zufällig entstanden. Überall haben Wirtschaftspolitiker, Wissenschaftler und Unternehmer langfristige Strategien entwickelt", sagte Matthes im Gespräch weiter. "Mit der richtigen Politik kann also in wenigen Jahrzehnten ein globaler Innovationsmagnet entstehen." Dazu gehöre auch, dass Medien nach Beispielen recherchierten, die als Vorbilder taugten, und nicht allein das Scheitern nachzeichneten.

Ökonomischen Lottogewinn mit Innovationskraft verwechselt

Gerade beim Thema Innovationskraft käme es auf Narrative an, so Matthes. Deutschland habe sich zu lange seinen wirtschaftlichen Erfolg falsch erklärt: "Im "goldenen Jahrzehnt", den Jahren mit starkem Wirtschaftswachstum nach der Finanzkrise, galt Deutschland als innovatives Exportland", sagte Matthes. Doch das Wachstum in diesen Jahren sei nicht in erster Linie das Ergebnis von Reformen und Innovationskraft der Firmen gewesen, wie oft behauptet wurde. Entscheidend sei der Aufstieg Chinas, der deutschen Unternehmen eine Sonderkonjunktur bescherte: "Wir haben einen ökonomischen Lottogewinn mit eigener Innovationskraft verwechselt."

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