HINTERGRUND/Irans Angriffe

Warum die Golfstaaten nicht zurückschlagen 03.03.2026, 12:38 Uhr von dpa-AFX Jetzt kommentieren: 0

DUBAI/TEHERAN (dpa-AFX) - Es ist ein Szenario, das die arabischen Golfstaaten lang befürchtet hatten: ein Krieg zwischen den USA und Israel mit dem Iran - der auch die arabischen Länder mit in den Konflikt hineinzieht. Mit Hunderten Raketen und Drohnen greift der Iran seit Samstag unter anderem Kuwait, Katar, Bahrain, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate an. Mit jedem weiteren Angriff drängt sich die Frage auf: Warum schlagen diese Länder nicht zurück?

Zwischen Abschreckung und Zurückhaltung

Die Golfstaaten müssten eine "vorsichtige Balance" schaffen zwischen Abschreckung - also militärischer Stärke gegenüber dem Iran - und Zurückhaltung, sagt Ahmed al-Chusaje, politischer Berater in Bahrain, der Deutschen Presse-Agentur. Denn sie dürfen nicht als passiv oder schwach dastehen, wollen aber einen größeren Krieg auf eigenem Boden unbedingt vermeiden.

Dabei geht es vor allem um einen symbolischen Faktor, der aber auch direkte wirtschaftliche Folgen hat. Länder wie die Emirate, Saudi-Arabien, Bahrain, Katar und Oman haben sich einen Ruf aufgebaut, Inseln der Stabilität zu sein in einer von vielen Konflikten geplagten Region - nicht nur für die eigenen Bürger und ihrer Zufriedenheit wegen, um wiederum politische Stabilität und die eigene Herrschaft zu erhalten. Es geht auch um Touristen und Investoren aus aller Welt, die man nicht verschrecken will. Denn diese sollen helfen, den Umbau der stark von Öl und Gas abhängigen Wirtschaften zu finanzieren.

Schon begrenzte Angriffe sind eine Katastrophe

Nun greift der Iran nicht nur US-Militärstützpunkte am Golf an, Ziel sind auch US-Botschaften, Hotels, Flughäfen, Wohn- und Industriegebiete. Für Metropolen wie Doha, Dubai oder Manama sind auch nur begrenzte Angriffe an solchen Orten und der Image-Schaden eine Katastrophe. In den Emiraten spazierte Präsident Mohammed bin Sajid demonstrativ durch ein Einkaufszentrum in Dubai, als wolle er sagen: Habt keine Sorge, ein paar Raketen halten uns nicht vom Shoppen ab. Auch der Flugverkehr läuft nach Flugstopps vorsichtig wieder an.

Augenzeugen berichten in diesen Städten seit Tagen von lauten Explosionen, die zu hören sind, wenn Raketen und Drohnen am Himmel abgeschossen werden. Die Behörden lassen dabei so wenig Details wie möglich nach außen dringen und sprechen von "begrenzten Attacken" oder "kleinen Bränden", die schnell unter Kontrolle gebracht worden seien. Wer Fotos oder Videos der angegriffenen Orte verbreitet, riskiert, strafrechtlich verfolgt zu werden. Kritik an der Regierung ist in den Emiraten und in anderen Golfstaaten strafbar.

Die Flugabwehr leistet unter anderem in den Emiraten beeindruckende Arbeit - verursacht aber auch astronomische Kosten. Eine Forscherin am Stimson Center in den USA rechnete vor, dass die Emirate allein am Samstag und Sonntag bis zu 2,2 Milliarden US-Dollar für die Luftabwehr mit Patriot-Raketen zahlte. Demnach lagen die Kosten für Irans Angriffe auf das Land dagegen nur bei bis zu 360 Millionen Euro. Der Finanzdienst Bloomberg berichtete, dass der Bestand an Abwehrraketen Katars beim aktuellen Tempo, mit dem iranische Angriffe abgewehrt werden, in nur vier Tagen aufgebraucht sei. Katar und die Emirate wiesen den Bericht als falsch zurück.

US-Truppen lassen Golfstaaten zur Zielscheibe werden

Die Golfstaaten stecken in einem Dilemma: Als Gastgeber Zehntausender US-Truppen sind sie auch durch ihre geografische Nähe zum Iran ein leichtes Ziel für Teherans Vergeltungsangriffe. Greifen sie den Iran ihrerseits an, werden sie zu aktiven Parteien eines Krieges, den sie mit allen Mitteln verhindern wollen.

Militärisch hätten die Golfstaaten wohl am ehesten gemeinsam eine Chance gegen den Iran - angeführt von Saudi-Arabien, das 2024 nach Angaben des Friedensforschungsinstituts Sipri am meisten Geld für Waffen im Nahen Osten ausgab. Für ihre Sicherheit setzten die Länder bisher aber vor allem auf Hilfe von außen, insbesondere vom US-Militär und dessen am Golf stationierten Truppen und Waffensysteme. Die Aufrüstung hatte über Jahrzehnte vor allem einen Hintergrund: die empfundene Bedrohung durch den wachsenden Einfluss Irans in der Region.

Der Balanceakt gegenüber Teheran spiegelt sich in der Rhetorik: Die Angriffe werden auf das Schärfste verurteilt, mit direkten Drohungen halten sich die Golfländer aber weitgehend zurück. Die Angriffe dürften nicht ohne Antwort bleiben und müssten einen "Preis" haben, sagte Katars Außenamtssprecher Madschid al-Ansari CNN, bleibt mit dieser Drohung bisher aber weitgehend allein. Die Golfstaaten werden aber kaum wochenlang Angriffe abfangen können, ohne selbst zurückzuschlagen.

Irans Strategie hinter den Angriffen

Am vierten Tag des Krieges sieht aber nichts nach einer Entspannung aus. Nach Einschätzung iranischer Analysten, die Sicherheitskreisen nahestehen, verfolgen die iranischen Revolutionsgarden eine Strategie in mehreren Phasen. Zunächst nehmen sie in den Golfstaaten stationierte US-Radarsysteme ins Visier und feuern dann kostengünstige Drohnen und Raketen ab, um die Flugabwehr zu erschöpfen. Anschließend könnten fortschrittlichere Waffen zum Einsatz kommen.

Für die iranische Staatsführung gebe es wenige Anreize, sich in einem Überlebenskampf zu mäßigen und den Konflikt geografisch zu begrenzen, heißt es in einer Analyse der Denkfabrik Chatham House. Mit Gegenangriffen weit über Israel hinaus dürfte Teheran vor allem versuchen, die Kosten des Krieges in die Höhe zu treiben - und über die mit den Vereinigten Staaten verbündeten Golfstaaten Druck auf Washington für ein Ende der Angriffe auszuüben.

Der Iran hatte bereits versucht, mit Drohungen vor einem regionalen Krieg die Angriffe Israels und der USA zu verhindern - vergeblich, wie man jetzt weiß. Auch jetzt könnte sich Teheran verkalkuliert haben, schreibt der frühere US-Diplomat Dennis Ross für das Washington Institute. Die Gegenangriffe sorgten vielmehr für "die Isolation Irans und ein Zusammenrücken der Golfstaaten gegen das Regime"./jot/DP/mis

--- Von Johannes Sadek und Arne Bänsch, dpa ---

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