Neue Jets und alte Schatten - Lufthansa feiert 100 Jahre 30.12.2025, 06:12 Uhr von dpa-AFX Jetzt kommentieren: 0

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FRANKFURT (dpa-AFX) - Es ist kein einfaches Jubiläum, das die Lufthansa im neuen Jahr groß feiern will. Gleich am 6. Januar steht der 100. Jahrestag der Gründung der ersten "Deutsche Luft Hansa Aktiengesellschaft" in Berlin an, doch die ganz großen Feierlichkeiten sind erst für den April geplant, wenn sich der Erstflug zum 100. Mal jährt. Obwohl die heutige Deutsche Lufthansa AG rechtlich nichts mit der NS-belasteten Vorgängerin zu tun hat, bezieht sich damit der MDax -Konzern in seinen fliegerischen und technischen Traditionen auf sie.

Wie wird gefeiert?

Zum Jubiläum spendiert sich Europas umsatzstärkster Luftverkehrskonzern ein neues Besucher- und Konferenzzentrum, das im April mit Glanz und Gloria eröffnet werden soll. Im "Hangar One" unmittelbar neben der Unternehmenszentrale am Frankfurter Flughafen werden künftig zwei historische Propeller-Flugzeuge die Blicke auf sich ziehen: Eine Lockheed Super Star aus dem Jahr 1958 und eine Junkers Ju 52 aus dem Jahr 1936 sollen Technik zum Anfassen und gleichzeitig langjährige fliegerische Kompetenz vermitteln. Gleich sechs aktuelle Flugzeuge fliegen zudem mit einer Sonderlackierung, die das Kranich-Symbol mit der 100 und den Jahreszahlen 1926 und 2026 verbindet.

Was haben die Passagiere davon?

Zum Jubiläum kommt die dringend notwendige Flottenerneuerung in Schwung. Vor allem bei der Lufthansa-Kerngesellschaft kommen nahezu im Wochentakt neue, effektivere Langstreckenflugzeuge mit der neuen Allegris-Kabine in die Flotte. Auch abseits der neuen Sitze hat man sich vorgenommen, das Flugerlebnis für die Passagiere umfassend zu verbessern. Auf Fernflügen soll es in allen vier Reiseklassen mehr Auswahl an Speisen geben und das komplette Equipment von Kissen über Bestecke und Tassen wird ausgetauscht. 187 Millionen neue Artikel sind dafür angeschafft worden. Erstmalig erhalten auch Eco-Passagiere für die Reise eine kleine Kulturtasche (Amenity Kit).

Was für ein Unternehmen war die erste Lufthansa?

Die "Deutsche Luft Hansa AG" entstand 1926 auf Initiative der deutschen Reichsregierung aus der Fusion der bis dahin konkurrierenden Unternehmen Aero Lloyd und Junkers Luftverkehr, um die Ambitionen der deutschen Flugzeugindustrie zu bündeln. Laut Forschungen war das stark subventionierte Unternehmen eng in die vom Versailler Vertrag verbotene Aufrüstung des Deutschen Reiches eingebunden und später wichtiger Teil des nationalsozialistischen Kriegsapparats.

Die zunächst zivil eingesetzten Junkers Ju 52 der Lufthansa wurden später mit geringen Mitteln für Zwecke der Nazi-Luftwaffe umgebaut. Im Zweiten Weltkrieg transportierten die langsamen, aber zuverlässigen Flugzeuge Material, Soldaten und Verwundete, wurden aber auch als Hilfsbomber eingesetzt. Die erste Hansa organisierte auch den Einsatz tausender Zwangsarbeiter unter ausbeuterischen Bedingungen bei der Flugzeugwartung.

In welchem Verhältnis steht die heutige Lufthansa zu ihrer Vorgängerin?

Erst im April 1955 und damit fast zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs durften erste Linienflüge der neu gegründeten Deutschen Lufthansa AG abheben. Zunächst hatten die Alliierten den Deutschen jeden Luftverkehr untersagt. Juristisch hat der heutige Konzern nichts mit der Vorgängerin zu tun, sicherte sich aber aus der Liquidation die Rechte am Namen, an der Farbgebung und am ikonischen Kranich-Symbol. Die Marke Lufthansa war in der öffentlichen Wahrnehmung so stark, dass auch die DDR ihre Fluggesellschaft zunächst in "Deutsche Lufthansa" taufte und erst später wegen fehlender Markenrechte in "Interflug" umbenannte.

Wie hat der Konzern seine Vergangenheit aufgearbeitet?

Die zunächst vollständig staatliche Deutsche Lufthansa AG im Westen wurde zwar im Unterschied zu ihrer Vorgängerin von der deutschen Flugzeugindustrie gelöst, hat sich aber gleichzeitig lange mit der belasteten NS-Vorgeschichte schwergetan. Eng waren die personellen Kontinuitäten zwischen der ersten und der zweiten Lufthansa, unter anderem mit dem Aufsichtsratschef Kurt Weigelt und Görings einstigem Inspekteur Luftschutz, Kurt Knipfer.

"Die Lufthansa wurde teils bis in die 1960er-Jahre hinein von Männern

- Bankiers, aber vor allem Regierungsbeamten - beherrscht, die sie

1926 gegründet hatten und auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht von ihrem Pfad abweichen wollten", resümiert der Bochumer Historiker Lutz Budrass in seinem Buch "Adler und Kranich". 1999 trat der Konzern dem Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter und andere NS-Opfer bei.

Zum 100-jährigen Gründungsjubiläum lässt Lufthansa ihre Verantwortung im Nationalsozialismus von den Historikern Hartmut Berghoff, Manfred Grieger und Jörg Lesczenski kritisch beleuchten. Ein Sprecher kündigt an: "Im März 2026 wird ein umfassender Geschichtsband erscheinen, der eine ausführliche und historisch fundierte Aufarbeitung der Rolle der Lufthansa in der Zeit von 1933 bis 1945 enthält. Auch eine Ausstellung im neuen Konferenz- und Besucherzentrum befasst sich unter anderem mit der Entwicklung in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland."

In welcher Verfassung befindet sich das Unternehmen?

Durch die Übernahme der einstigen Staats-Carrier in den Nachbarländern Schweiz, Österreich und Belgien ist die privatisierte Lufthansa zum größten Luftverkehrskonzern in Europa mit rund 104.000 Beschäftigten gewachsen. Einschließlich der jüngsten Minderheitsbeteiligung Ita aus Italien hat die Gruppe rund 840 Flugzeuge in der Luft und will als Nächstes die portugiesische Tap ins Kranich-Reich holen. Weltweit ist man damit nach den drei großen US-Gesellschaften die Nummer Vier.

Kommerzielle Stützen sind die Wartungstochter Lufthansa Technik und das Frachtunternehmen Lufthansa Cargo. In den vergangenen Jahren hat sich die Kern-Airline Lufthansa zum teuren Sorgenkind entwickelt. Mit einem harten Sanierungsprogramm ist sie laut Airline-Chef Jens Ritter aber wieder auf dem Weg in die schwarzen Zahlen. 4.000 Stellen sollen im Konzern wegfallen, der die Funktionen der einzelnen Airlines stärker zentral steuern will.

Seit Mai 2014 leitet der Wirtschaftsingenieur und Verkehrspilot Carsten Spohr den Konzern und hat ihn durch unruhige Zeiten gesteuert. Stichworte sind der vom Co-Piloten herbeigeführte Germanwings-Absturz mit 150 Toten in den französischen Alpen oder die Übernahme von Teilen der Air Berlin. In der Corona-Krise retteten die Herkunftsländer mit milliardenschweren Krediten den Konzern, der von einem Tag auf den anderen seinen Flugbetrieb einstellen musste. Nach Rückzahlung der Staatshilfen tat sich Lufthansa schwer beim Neustart und war weniger profitabel unterwegs als Konkurrenten wie die British-Airways-Mutter IAG oder Air France-KLM .

Wie sind die Aussichten für die kommenden Jahre?

Spohr will am Ende seiner dritten Amtszeit Ende 2028 ein geordnetes und hochprofitables Unternehmen vorweisen können. Helfen sollen dabei die langersehnten neuen Flugzeuge mit der lukrativ vermarktbaren Allegris-Kabine. Bislang hat die von den Herstellern Boeing und Airbus verursachte Jet-Knappheit das Wachstum begrenzt, gleichzeitig aber die Ticket-Preise hochgehalten. Grundsätzlich können daher alle Airlines in den kommenden Jahren Gewinne einfliegen, sofern sie ihre Kosten im Griff haben. Für das Jahr 2026 erwartet der Airline-Weltverband IATA einen Netto-Rekordgewinn der Gesellschaften von 41 Milliarden Dollar (35,2 Mrd. Euro) nach 39,5 Milliarden Dollar im laufenden Jahr.

Bei den Kosten für das fliegende Personal setzt das Lufthansa- Management auf neu gegründete Flugbetriebe, in denen die Beschäftigten nach jüngeren Tarifverträgen geringer bezahlt werden. Die klassische Lufthansa und die Regio-Tochter Lufthansa Cityline verlieren damit Flugzeuge und Crews an die neu gegründeten Gesellschaften Discover und City Airlines. Diese firmieren als "Member of Lufthansa Group" - die Kunden sollen möglichst keine Unterschiede bemerken. Die alteingesessenen Gewerkschaften wollen die Entwicklung aber nicht kampflos hinnehmen, sodass weitere Streiks nicht ausgeschlossen sind.

Und wie steht es um die längerfristigen Perspektiven?

Längerfristig muss sich der Konzern gegen staatlich subventionierte Wettbewerber aus der Türkei oder den Golfstaaten behaupten. Deren Gesellschaften lenken bereits täglich tausende Passagiere aus Europa über ihre Drehkreuze in Richtung Asien, Afrika und Australien. Stärkste Säule der Lufthansa bleibt daher der Flugverkehr über den Atlantik. Richtung Südamerika wäre ein Drehkreuz in Lissabon hilfreich.

Grundsätzlich steht der Luftverkehrssektor vor großen Herausforderungen in der Klimafrage. Eine Dekarbonisierung der Luftfahrt ist aus technischen Gründen weit schwieriger als im landgebundenen Verkehr. Lufthansa hat mit den Boeing 747-8-Jumbos und den zwischenzeitlich schon ausgemusterten Airbus A380 einen vergleichsweise großen Anteil von Vierstrahlflugzeugen mit hohem Kerosinverbrauch über das Jahr 2030 hinaus in der Flotte. Lufthansa-Chef Spohr hat bereits öffentlich bezweifelt, dass die von IATA für 2050 anvisierte CO2-Neutralität tatsächlich zu erreichen ist./ceb/DP/stk

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