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BERLIN (dpa-AFX) - Die deutsche Wirtschaft droht mehr und mehr das Vertrauen in die Politik zu verlieren. Trotz deutlich besserer Wachstumserwartungen blicken die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute deshalb mit Sorgen in die Zukunft. "Die deutsche Wirtschaft ist seit Ende des vergangenen Jahres im Aufschwung", sagt der Konjunkturchef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Oliver Holtemöller. Doch dieser Aufschwung stehe "auf einem schmalen Fundament".
Was die Institute für dieses Jahr erwarten
Für das laufende Jahr erwarten die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 1,3 Prozent. In ihrem Frühjahrsgutachten hatten sie noch mit 0,6 Prozent gerechnet. Die Gemeinschaftsdiagnose wird erstellt vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, dem Ifo-Institut, dem Kiel Institut für Weltwirtschaft, dem Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle und dem RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Essen.
Damals hatten der Iran-Krieg und die stark gestiegenen Energiepreise die Erwartungen deutlich gedämpft: Man rechnete mit einem "Energiepreisschock". Dieser fiel jedoch geringer aus als befürchtet. Die Weltwirtschaft entwickele sich "erstaunlich robust", sagt Ökonom Holtemöller.
Davon profitiert vor allem die deutsche Exportwirtschaft. Dazu kommen der Boom rund um Künstliche Intelligenz (KI) und die von der Bundesregierung mit Schulden finanzierten Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung, die die Konjunktur ankurbeln.
Zwar habe die Erholung in den vergangenen Wochen mit dem Niedrigwasser und den hohen Energiepreisen etwas an Schwung verloren, das sei aber nur "eine kurze Delle", sagt Holtemöller.
Wie die Institute auf die nächsten Jahre schauen
Die Institute korrigieren auch ihre Erwartung für das kommende Jahr nach oben. Der private Konsum dürfte anziehen, genauso wie der Wohnungsbau, sagen sie. Für 2027 rechnen sie deshalb mit einem BIP-Wachstum von 1,1 Prozent.
Der Blick darüber hinaus fällt allerdings deutlich verhaltener aus. Für 2028 prognostizieren die Institute nur noch ein Wachstum von 0,4 Prozent. Dahinter stehen vor allem die strukturellen Probleme der deutschen Wirtschaft. Die Unternehmen dürften zunehmend an Kapazitätsgrenzen stoßen, während das Arbeitskräfteangebot schrumpft. Hinzu kommen hohe Energiepreise und steigende Sozialversicherungsbeiträge.
Hürden für den Aufschwung
Anders als bei früheren Wirtschaftsaufschwüngen bleiben der private Konsum und die Unternehmensinvestitionen hinter der Entwicklung zurück. "Trotz steigender Produktion herrscht bei vielen Unternehmen und privaten Haushalten weiterhin Skepsis", sagt Holtemöller. Hohe Energiekosten, steigende Sozialversicherungsbeiträge, Fachkräftemangel, Bürokratie und zunehmender internationaler Wettbewerb belasteten den Standort.
Vor allem fehle das Vertrauen, warnen die Institute. Zwar verbesserte sich die Stimmung in der deutschen Wirtschaft im Ifo-Geschäftsklimaindex auf den höchsten Stand seit mehr als drei Jahren. Die Forscher sagen aber trotzdem: "Die Stimmung ist schlechter als die Lage." Wer wieder an den Aufschwung glaube, investiere auch wieder mehr.
Stefan Kooths, der das Prognosezentrum im Kieler Institut für Weltwirtschaft leitet, mahnt die Politik zu Verlässlichkeit bei den anstehenden Reformen: Einen Kurs einschlagen, den dann auch einhalten, "damit sich alle ökonomischen Akteure darauf einstellen können". Wenn stattdessen Reformpakete im Quartalsrhythmus angekündigt, dann aber wieder aufgeschnürt und verschoben würden, lasse das Investoren zögern.
Was die Ökonomen der Bundesregierung raten
Die Institute sehen durchaus Möglichkeiten, die Wachstumsaussichten zu verbessern. Holtemöller verwies auf einen vor Monaten vorgelegten Reformkatalog. Zu den Vorschlägen gehören unter anderem eine Begrenzung der Sozialversicherungsbeiträge und stärkere Arbeitsanreize für Ältere. Bei der Energiewende setzen die Institute stärker auf Preissignale und plädieren dafür, nationale Alleingänge beim Klimaschutz zu vermeiden.
Weitere Vorschläge betreffen die Digitalisierung der Verwaltung und den Bundeshaushalt. Angesichts der absehbaren Finanzierungslücken sprechen sich die Institute gegen Steuererhöhungen und stattdessen für Kürzungen bei Staatsausgaben aus.
Das Handwerk warnt: "Wer jetzt glaubt, die Reformarbeit sei mit den ersten besseren Konjunkturdaten erledigt, betreibt Augenwischerei." Die strukturellen Belastungen gerade für mittelständische Betriebe seien weiter viel zu groß.
Kritik am Tankrabatt
Noch mehr schuldenfinanziertes Geld sollte der Staat nach Einschätzung der Experten aktuell nicht in die Hand nehmen. Schon jetzt macht das steigende Defizit ihnen Sorgen.
"Der Staat tut mehr als genug, um zu stimulieren", sagt Kooths. Die Zuwächse, die man seit 2019 beobachtet habe, kämen fast ausschließlich aus staatlich geprägten Wirtschaftsbereichen. Auch DIW-Konjunkturchefin Geraldine Dany-Knedlik betonte, das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität und die Kreditmöglichkeiten für die Verteidigung setzten erhebliche Impulse.
Handlungsbedarf sehen die Experten trotzdem: Kooths fordert "eine Politik, die auch dem privaten Sektor wieder mehr Dynamik ermöglicht". Sobald die politischen Rahmenbedingungen wieder klarer seien, gebe es auch aus der Wirtschaft heraus wieder mehr belebende Kräfte. "Konjunktur ist keine Billardkugel, die sich nur dann bewegt, wenn sie von außen angestoßen wird."
Dany-Knedlik mahnt, die Investitionen aus dem Sondervermögen müssten nun schnell anlaufen und an den richtigen Stellen ansetzen. Den von der Bundesregierung geplanten Tankrabatt dagegen sehen die Institute skeptisch. Er sei eine Entlastung mit der Gießkanne, für die es keinen finanzpolitischen Spielraum gebe.
Wie andere den Trend einschätzen
Auch andere Konjunkturexperten hatten ihre Prognosen für die deutsche Wirtschaft zuletzt erhöht. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) rechnet für dieses Jahr mit 1,1 Prozent Wachstum. Und der Industrieverband BDI erwartet ein Plus von einem Prozent. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sieht Anzeichen für eine Erholung. "Wir sind raus aus diesem Tal einer schrumpfenden oder stagnierenden Volkswirtschaft", sagte er vergangene Woche. Das mache Reformen aber nicht überflüssig.