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CLACTON-ON-SEA (dpa-AFX) - Es war der ungewöhnliche Abschluss einer ohnehin kuriosen Wahl: Der britische Rechtspopulist Nigel Farage gewann mit deutlichem Vorsprung einen Parlamentssitz, den er erst wenige Wochen zuvor in einem politischen Manöver aufgegeben hatte - und blieb dann der offiziellen Verkündung seines Sieges fern.
Während sich seine Gegenkandidaten - darunter auch Hauptkonkurrent und Spaßkandidat COUNT BINFACE ("Graf Mülltonnengesicht") - wie bei Wahlen gewöhnlich zur Ergebnisverkündung versammelten, erklärte sich der Chef der Partei Reform UK schon vorzeitig zum Sieger. "Das Ergebnis in Clacton spricht für sich", schrieb er später lediglich knapp auf X.
Kaum zu Ende gegangen, rückt die kuriose Nachwahl zugleich jene Angelegenheit wieder in den Mittelpunkt, mit der sie überhaupt erst begonnen hatte: Nach Farages Wahlerfolg ist eine parlamentarische Untersuchung wegen eines umstrittenen Geldgeschenks offiziell wieder aufgenommen worden. Das mit seinem Rücktritt ausgesetzte Verfahren gegen Farage wird auf der Webseite des Beauftragten für parlamentarische Standards wieder als aktiv geführt.
Geldgeschenk im Fokus
Vor seinem Rücktritt im Juli war Farage wegen umstrittener Spenden und Zuwendungen in die Schlagzeilen und in den Fokus des Beauftragten für parlamentarische Standards geraten. Wie etwa der "Guardian" zuletzt enthüllte, erhielt Farage kurz vor seiner Wahl zum Abgeordneten im Jahr 2024 ein Geldgeschenk in Höhe von fünf Millionen Pfund (rund 5,9 Mio. Euro), das er nicht als Spende deklariert hatte. Seinen Angaben nach handelte es sich um ein persönliches Geschenk ohne Bedingungen.
Die Wählerinnen und Wähler sollten über sein Handeln entscheiden, sagte Farage vor wenigen Wochen bei seinem Abgang. Und die entschieden nun zu seinen Gunsten: Mehr als 60 Prozent der abgegebenen Stimmen entfielen auf ihn, allerdings standen keine Kandidaten der etablierten Parteien als Gegner zur Wahl. Mit dem Wahlsieg kann er dennoch seine Erzählung untermauern, den Wählerwillen in Clacton hinter sich zu haben.
Einen Schlussstrich kann Farage dennoch nicht ziehen: Britische Medien und auch die etablierten Parteien beschäftigt nun vor allem die wieder angelaufene parlamentarische Untersuchung gegen ihn. Sollte ein Vergehen des Reform-Politikers festgestellt werden, droht ihm im schlimmsten Fall ein Ausschluss aus dem Unterhaus - und die nächste Nachwahl mit ungewissem Ausgang. "Beim zweiten Mal könnten die Wähler von Clacton der Farage-Saga überdrüssig werden", heißt es etwa beim "Independent".
Farce nimmt auch in Wahlnacht kein Ende
Die Nachwahl in Clacton hatte sich in den letzten Wochen zu einer regelrechten Farce entwickelt, die auch in der Wahlnacht kein Ende nahm. Alle großen Parteien verzichteten aus Protest darauf, einen Kandidaten oder eine Kandidatin aufzustellen, und sprachen von einem Ablenkungsmanöver. Als größter Konkurrent galt damit ausgerechnet Satiriker Count Binface, der mit dem zweiten Platz einen Achtungserfolg für sich verbuchen konnte.
Dass der Brexit-Vorkämpfer auch noch der offiziellen Veranstaltung, bei der das Ergebnis verkündet wurde, fernblieb, sorgte für verwunderte Gesichter. Beim Sender Sky war von einem "dramatischen, sehr ungewöhnlichen Vorgang" die Rede. Farages Angaben zufolge informierte ihn die örtliche Polizei über eine geplante Kampagne gegen ihn, ein Reform-Sprecher sprach laut BBC gar von einer "glaubwürdigen Drohung". Die Polizei von Essex hatte jedoch Berichten zufolge keinem Kandidaten von der Teilnahme an der Auszählung abgeraten. Auch eine geplante Rede von Farage in Clacton wurde von der Partei abgesagt.
Noch vor der Ergebnisverkündung sprach Farage beim Sender GB News von einer "überwältigenden Bestätigung". "Ich habe es satt, von den Mainstream-Medien verurteilt, als Krimineller bezeichnet zu werden."
Unter anderem die regierende Labour-Partei von Premierminister Andy Burnham machte ihre Haltung zu der Wahl in Clacton deutlich. "Um es klar zu sagen: Das ist kein Sieg für Nigel Farage", erklärte die Parteivorsitzende Bridget Phillipson nach PA-Angaben am Morgen. "Der Berg an Filz und Skandalen, in dem er und die Reform-Partei mittlerweile versinken, ist gewachsen und gewachsen, während er versucht hat, die Öffentlichkeit mit einer Nachwahl gegen eine Mülltonne abzulenken", sagte sie.
Nicht der erste taktische Abgang
Taktische Abgänge haben bei Farage praktisch Tradition. Kurz nach dem Brexit-Referendum 2016 trat Farage als Chef der Ukip-Partei ab - nur um später an der Spitze der neu gegründeten Brexit-Partei wieder ins Rampenlicht zurückzukehren. Die Partei wurde später in Reform UK umbenannt. Auch deren Vorsitz legte Farage nach dem EU-Austritt im Frühjahr 2021 nieder. Kurz vor der Parlamentswahl im Juli 2024 kehrte er dann an die Parteispitze zurück.
Reform UK lag in den vergangenen Monaten in Umfragen teils deutlich vorn und fuhr auch bei Wahlen Siege ein. Der Erfolg wird vor allem Farage selbst zugeschrieben. Nach der Ernennung von Andy Burnham zum neuen Premierminister lag die regierende Labour-Partei zuletzt jedoch teils wieder vor Reform UK. Wie lange Burnhams Flitterwochen - wie es in britischen Medien oft heißt - anhalten, bleibt im politisch oft wechselhaften Großbritannien allerdings abzuwarten.