Nach der Rücktrittsankündigung des britischen Premiers Keir Starmer wird über mögliche Gegenkandidaten zum Favoriten für dessen Nachfolge spekuliert.
Es gilt als so gut wie sicher, dass der frühere Bürgermeister der Metropolregion Manchester, Andy Burnham, Starmer beerben wird. Die Frage ist jedoch, ob er sich dafür einem aufwendigen Auswahlverfahren der Labour-Partei stellen muss.
Starmer hatte am Montagmorgen mit der Ankündigung seines Rücktritts den Weg frei gemacht, Burnham daraufhin seine Kandidatur für die Parteispitze bekanntgegeben.
Sollte Burnham der einzige Bewerber bleiben, wäre keine Wahl durch die Parteibasis notwendig und er könnte noch im Juli von König Charles III. zum Premier ernannt werden. In britischen Medien ist von einer Krönung die Rede. Sein prominentester möglicher Rivale, Ex-Gesundheitsminister Wes Streeting, zog bereits zurück. Erwartet wird, dass er dafür mit einem Ministerposten belohnt wird.
Burnham zog beinahe triumphal nach London ein
Der britischen Nachrichtenagentur PA zufolge wird nun aber spekuliert, ob es doch noch Mitbewerber geben wird, um Burnham dazu zu zwingen, eine Vision für das Land vorzulegen und um Unterstützung dafür zu werben. Als mögliche Kandidaten werden Starmers Kabinettssekretär Darren Jones und der frühere Verteidigungsstaatssekretär Al Carns gehandelt. Beide vermieden es bislang, sich eindeutig zu äußern.
Unklar ist jedoch, ob einer der beiden die erforderliche Zahl an Unterstützern in der Fraktion finden könnte. Sollte es dazu kommen, wäre eine Wahl durch die Parteibasis notwendig. Dieser Prozess dürfte sich bis zum Ende der Sommerpause im September hinziehen. Burnham will sich Berichten zufolge in der kommenden Woche mit einer Rede zu seinen Plänen für das Land äußern.
Er zog am Montag kurz nach der Rücktrittsrede Starmers beinahe triumphal nach London ein und ließ sich im Parlament als Abgeordneter vereidigen. Er hatte in der vergangenen Woche einen überwältigenden Sieg bei der Nachwahl im Bezirk Makerfield errungen und damit den Sprung ins Parlament geschafft. Doch wofür steht der Politiker bisher?
Der Junge von nebenan
Bier, Pommes und Bratensoße - das war einst Burnhams Antwort auf die Frage, welche Keksform er bevorzuge. Das Image des "local lad" (etwa: Junge von nebenan) hat dem 56-Jährigen zu großer Popularität in Manchester und darüber hinaus verholfen. Ein Jahrzehnt lang hatte er sich von der nationalen Bühne verabschiedet, nachdem er zweimal erfolglos als Labour-Chef kandidiert hatte. Inzwischen gilt er als beliebtester Politiker der Sozialdemokraten im Land.
In Manchester gelang Burnham, woran viele Lokalpolitiker im wirtschaftlich abgehängten Norden Englands verzweifeln. Er schaffte es, Investitionen in die Stadt zu holen. Symbol dafür sind die Bürotürme, die inzwischen die Innenstadt überragen. Zudem schuf Burnham ein effizientes Nahverkehrssystem mit Bussen und Tram, das zwar von privaten Unternehmen betrieben wird, aber den Regeln der Stadtverwaltung unterworfen ist.
Der "König des Nordens", wie er in Anlehnung an die TV-Serie "Game of Thrones" genannt wird, gilt wegen seiner Verdienste abseits von Westminster als Liebling des moderat-linken Parteiflügels. Deutlicher als Starmer setzte er sich von neoliberaler Politik ab und sprach sich für einen stärkeren Zugriff des Staates auf Bahn sowie Energie- und Wasserversorger und den sozialen Wohnungsbau aus. Zu seinem größten Problem dürfte dabei aber werden: All das kostet Geld.
Was Burnham mit Großbritannien vorhat
Ob sich der Erfolg aus dem Rathaus in Manchester auf die Downing Street übertragen lässt, ist deshalb fraglich. Die finanziellen Spielräume sind eng, und Burnham hat sich bereits dazu bekannt, weder die Steuern erhöhen noch neue Schulden aufnehmen zu wollen. Ob es ihm besser gelingen wird als Starmer, seiner sozialdemokratischen Fraktion schmerzhafte Einschnitte beim Sozialstaat abzuringen, ist ungewiss.
Dazu kommt das Problem der britischen Regierung mit der Konkurrenz von rechts außen. Unter Starmer war Labour in Umfragen immer weiter hinter die Rechtspopulisten von Reform UK um Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage gefallen. Am Montag forderte Farage sogleich Neuwahlen, ebenso die Chefin der Konservativen, Kemi Badenoch. Für Burnham spricht, dass er bei seinem Erfolg bei der Nachwahl im Bezirk Makerfield den Reform-Kandidaten deutlich hinter sich gelassen hatte.
Doch ob sich das in einen landesweiten Umschwung übersetzen lässt, scheint fraglich. Der britische Politikexperte und Umfrage-Guru John Curtice rechnet zunächst nicht damit, wie er der BBC sagte.
Welche Auswirkungen hat die Krise auf internationaler Ebene?
In welche Richtung Burnham das Land außenpolitisch führen will, ist unklar. Zwar gilt er als proeuropäischer als der scheidende Starmer, doch zuletzt ruderte er in dieser Hinsicht wieder zurück. Eine frühere Äußerung, er wolle eine Rückkehr in die EU in seiner Lebenszeit sehen, schien ihm zuletzt eher unangenehm zu sein. Stärkere Investitionen ins Militär, wie sie Starmers zurückgetretener Verteidigungsminister John Healey forderte, dürften auch für Burnham schwierig umzusetzen sein.
Wie sich Burnham gegenüber den USA unter Donald Trump positionieren wird, bleibt ebenfalls abzuwarten. Die Politik des Schmeichelns und Umgarnens, die Starmer zunächst vermeintlich erfolgreich eingesetzt hatte, scheiterte letztlich spektakulär. Trump verhöhnte Starmer sogar, indem er dessen Rücktritt schon tags zuvor per Social Media prognostizierte.