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Millionen in Geldnot - Wie wirken die Reformen? 02.06.2026, 15:17 Uhr von dpa-AFX Jetzt kommentieren: 0

Mit mehr als 13 Millionen armutsgefährdeten Menschen erlebt Deutschland einen Höchststand. Der Paritätische Wohlfahrtsverband spricht in seinem neuen Armutsbericht von "einem traurigen Rekord". 16,1 Prozent der Bevölkerung erzielten 2025 so wenig Einkommen, dass sie statistisch als armutsgefährdet gelten.

Deshalb mahnt der Hauptgeschäftsführer des Verbands, Joachim Rock, die Regierungskoalition: "Jetzt immer neue Kürzungen zu diskutieren, schürt Angst und Unsicherheit." Welche Reformpläne geraten bei der Armutsdiskussion in den Fokus?

Zuletzt lag die "Armutsquote" in Deutschland 2020 bei 16,1 Prozent. Dann sank sie auf 14,4 Prozent 2023 und stieg ab dem Folgejahr wieder - allein von 2024 zu 2025 um 0,6 Prozentpunkte. "Wir sehen eine Gesellschaft, die sozial weiter auseinanderdriftet", mahnt Rock.

Weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens

Der Verband nennt diesen Teil der Bevölkerung armutsbetroffene Menschen oder Arme. Für die offizielle Statistik etwa des Statistischen Bundesamts, das die Zahlen bereits im Februar veröffentlicht hatte, sind es dagegen Menschen, die Gefahr laufen, arm zu werden. Es sind all jene, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Bei Alleinlebenden lag diese Grenze zuletzt bei netto 1.446 Euro im Monat, für Haushalte mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren bei 3.036 Euro.

Armutsfalle Lebensabend?

Betroffen ist ein breiter Personenkreis - darunter 19,5 Prozent der Ab-65-Jährigen. "Der Lebensabend droht zur Armutsfalle zu werden", warnt der Wohlfahrtsverband. Die Situation Älterer sei "angespannt".

Auch andere Gruppen sind stärker betroffen: Alleinlebende (Quote der Armutsgefährdeten: 30,3 Prozent), Alleinerziehende (28,9 Prozent) oder Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss (29,1 Prozent).

70 Prozent der Betroffenen haben laut dem Armutsbericht die deutsche Staatsbürgerschaft, 30 Prozent sind Ausländerinnen oder Ausländer. Der Verbandsgeschäftsführer sagt zudem, es sei für viele vielleicht ein "überraschender Befund, dass ein Fünftel der Armen erwerbstätige Arme sind".

Höchste Quoten in Bremen und Sachsen-Anhalt

"Gleichzeitig wächst die Kluft zwischen Regionen und Bevölkerungsgruppen", sagt Rock. So gibt es in Bayern und Baden-Württemberg mit ihrer jeweils starken Wirtschaftsstruktur laut Bericht die niedrigsten Betroffenenquoten, mit 12,6 bzw. 13,2 Prozent.

Die höchsten Anteile an Betroffenen gibt es demnach in Bremen (27,5 Prozent), Sachsen-Anhalt (21,3 Prozent) sowie Hamburg (18,9 Prozent) und Berlin (18,7 Prozent). Im Westen gibt es Höchststände in Regionen wie Trier (21,4 Prozent), Weser-Ems (20,8 Prozent) und Arnsberg (19,6 Prozent), im Osten etwa in Regionen wie Chemnitz (18,2 Prozent) oder Leipzig (17,4 Prozent).

Starke Entbehrungen bei 4,6 Millionen Menschen

Millionen haben akute Finanznot. Angesichts der statistischen Unsicherheit, wer tatsächlich arm ist, richtet der Verband seinen Blick mit Hilfe weiterer Zahlen auch auf die "erheblichen materiellen Entbehrungen". Zuletzt waren 4,6 Millionen Personen in Deutschland davon betroffen - darunter etwa eine Million Kinder und Jugendliche und 650.000 Altersrentnerinnen und -rentner. Bei 6,9 Prozent der Bevölkerung reichten die Finanzen 2025 nicht, um laufende Kosten zu decken. Oft konnten die steigenden Preise für Strom und Heizung nicht bezahlt werden, oft auch kein neuer Kühlschrank oder neuer Herd.

Zahl der Superreichen wächst

Gleichzeitig gibt es mehr sogenannte Superreiche, die mehr als 100 Millionen Dollar (rund 86 Mio. Euro) besitzen. Ihre Zahl wuchs in Deutschland laut einem aktuellen Report der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) 2025 um rund 1.100 auf rund 5.000. Sie haben zusammen mehr als ein Viertel des Finanzvermögens im Land.

Wohin steuern die geplanten Reformen?

Der Bericht kommt keine vier Wochen, bevor Schwarz-Rot ein großes Reformpaket vorlegen will. Mehr Wirtschaftswachstum ist das Hauptziel. Das könnte auch das Einkommen vieler Menschen verbessern. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ruft im brandenburgischen Bad Saarow noch einmal alle Bürgerinnen und Bürger dazu auf, "daran konstruktiv mitzuarbeiten". Doch die Koalition steht wegen der angespannten Bundesfinanzen auch auf der Sparbremse. Der Paritätische Verband warnt zum Beispiel, geplante Einsparungen beim Wohngeld würden die Armut besonders in Regionen mit hohen Wohnkosten verschärfen. Rente und Bafög müssten gestärkt werden.

SPD gegen "zusätzliche Belastungen"

Die SPD versucht, sich als Beschützerin der Menschen mit kleinem Portemonnaie zu positionieren - Stichwort Bezahlbarkeit. "Viele Menschen ächzen unter den steigenden Preisen, egal ob es Miete ist, Lebensmittel, Mobilität, alle merken das", sagt SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf im RTL/ntv-"Frühstart". "Dann zu sagen, wir machen jetzt zusätzliche Belastungen für einen Großteil von Menschen, das ist mit uns schwer zu verhandeln."

Beispiel Krankenversicherung: Das 16-Milliarden-Euro Sparpaket von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) mit Ausgabenbremsen bei Praxen, Kliniken und Pharmabranche ist bereits in der parlamentarischen Beratung. Es enthält aber auch höhere Zuzahlungen für Medikamente und Einschränkungen der kostenlosen Mitversicherung von Ehepartnern. Klüssendorf sagt: "Es geht uns ganz stark darum, dass vor allen Dingen die Patientinnen und Patienten, die Versicherten, am Ende nicht die Hauptlast tragen." Mögliche Änderungen an dem Vorhaben wolle die SPD im Bundestag prüfen.

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