Sorge um die Ernte

Dürre und Hitze treffen Europas Bauern 06.08.2026, 03:02 Uhr von dpa Jetzt kommentieren: 0

In modernen Traktor-Kabinen sorgen Klimaanlagen zwar für Abkühlung. Doch bei vielen Bauern in Europa lösen Hitze und Trockenheit Frust und Existenzangst aus. Eine unterdurchschnittliche Getreideernte, niedrige Marktpreise und steigende Kosten setzen die Landwirtschaft nach Einschätzung des Deutschen Bauernverbandes massiv unter Druck. 

Rinderhalter machen sich Sorgen, weil Grünland schlechter wächst und die Futtergrundlage knapp wird. In Frankreich und Spanien werden erhebliche Ernteausfälle befürchtet. Wird nun mediterranes Olivenöl teurer, bleiben Gemüse-Regale im Supermarkt leer? 

Die Dürre in Europa wird sich laut Forschern verstärken. Das Wissenschaftsnetzwerk World Weather Attribution beschreibt mögliche Folgen: «Historische Ernteverluste (...) könnten zusammen mit den anhaltenden globalen Konflikten die Lebensmittelpreise erhöhen und Haushalte mit geringem Einkommen überproportional treffen.»

«Betriebe schlagen Alarm»

Für die diesjährige Getreideernte in Deutschland wird ein unterdurchschnittliches Ergebnis erwartet, sagt Stefanie Sabet, Generalsekretärin des Deutschen Bauernverbandes. Gleichzeitig seien die Marktpreise niedrig, während die Kosten für Transport, Dünger und Futter gestiegen seien. Das drücke auf die Liquidität der Betriebe. «Die Betriebe schlagen massiv Alarm.» Die Ertragssituation unterscheide sich allerdings stark von Standort zu Standort. 

Weniger Zucker 

Die anhaltende Hitze setzt Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben - den spätreifen Kulturen - zu. In Süddeutschland dürfte ein Drittel weniger Zucker erzeugt werden als im Vorjahr, erwartet der Verband Süddeutscher Zuckerrübenanbauer.

Die bedeutendste Kultur bleibt der Winterweizen laut Bauernverband mit rund 2,9 Millionen Hektar und einem Anteil von 48 Prozent an der Getreidefläche in Deutschland. Auch Gerste ist eine wichtige Getreideart.

Tierfutter knapper

Erhebliche Einbußen gebe es bei der Grünland-Produktion in vielen Regionen, so der Bauernverband. Das beeinträchtige die Futter-Versorgung für die Tiere stark, sagte Sabet. «Da haben wir große Sorge. Die Trockenjahre häufen sich.» Vor allem im Südwesten Deutschlands, im Mittelgebirge und Allgäu seien zwei Grünland-Schnitte ausgefallen - also das Mähen zur Futtergewinnung. Futterbörsen sollen Tierhaltern helfen. Mit ihren Sorgen stehen die Bauern in Deutschland nicht alleine da, auch andernorts in Europa wirken sich Hitze und Dürre aus.

Wie ist die Lage in anderen Ländern? 

SPANIEN: Die außergewöhnliche Hitze und Trockenheit des diesjährigen Sommers werden die spanische Landwirtschaft spürbar belasten. Besonders zeigt sich das beim Getreide. Die spanischen Agrargenossenschaften senkten ihre Prognose im Juli deutlich: Die Getreideernte wird nun auf rund 18,6 Millionen Tonnen geschätzt - fast zwei Millionen Tonnen weniger als im Mai erwartet und rund 30 Prozent unter der außergewöhnlich guten Ernte des Vorjahres, die fast 27 Tonnen erreichte. 

Auch Olivenhaine, Weinberge, Obstplantagen sowie Mais und andere Sommerkulturen leiden unter Wassermangel. Beim Olivenöl warnen Erzeuger bereits vor einer kleineren Ernte und Preissteigerungen, falls die Trockenheit bis in den Herbst anhält.

Frankreichs Gemüsezüchter fürchten große Ausfälle

FRANKREICH: Nach mehreren Hitzewellen und großer Trockenheit befürchtet die Landwirtschaft in Frankreich erhebliche Ernteausfälle. Der französische Gemüsezüchterverband Légumes de France warnte vor Ausfällen von bis zu 50 Prozent und Verlusten von Dutzenden Millionen Euro. Trotz Bewässerung seien die Pflanzen teils einfach auf den Feldern vertrocknet. «Das ist die Katastrophe». 

In den Supermarktregalen könne schon bald Gemüse knapp werden. Starke Einbußen werden auch in anderen Bereichen befürchtet. Frankreichs Landwirtschaftsministerin Annie Genevard kündigte am Mittwoch einen Notfallplan an, um betroffenen Landwirten beizustehen.

Wie der staatliche Wetterdienst Météo France mitteilte, war der Juli der heißeste in Frankreich seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1900. Vielerorts wurden Temperaturen über 40 Grad registriert. Nachdem es schon im Juni wenig geregnet hatte, fiel im Juli 70 Prozent weniger Niederschlag als üblich.

Ernteeinbußen in der EU erwartet

Auch in Brüssel stellt man sich auf geringere Ernten ein. Die EU-Kommission beobachtet die Folgen der anhaltenden Hitzewelle für landwirtschaftliche Betriebe in der EU genau. Solidarität gelte denjenigen, die erhebliche Verluste erlitten hätten, sagte eine Sprecherin. Wie Daten der Gemeinsamen Forschungsstelle (JRC) zeigen, wurden die Ertragsschätzungen für Winterkulturen in der EU um ein bis vier Prozent nach unten korrigiert. Damit liegt der Ausblick für die Getreideproduktion insgesamt ein Prozent unter dem Schnitt der vergangenen fünf Jahre. 

Wegen der außergewöhnlichen Hitze und geringer Regenfälle wurden zudem die Ertragsschätzungen für alle Frühjahrs- und Sommerkulturen gesenkt, am stärksten für Körnermais und Sonnenblumen – um sechs bis sieben Prozent. Entwarnung gibt es keine: «Es wird erwartet, dass die heißen und trockenen Bedingungen in Westeuropa anhalten werden, was die Wahrscheinlichkeit weiterer Ertragseinbußen erhöht.»

Bauernverband: Brauchen Hilfen der Regierung

Aus Sicht des Deutschen Bauernverbandes brauchen die Landwirte schnelle Entlastung. «Die Betriebe haben keinen Tag mehr Zeit, darauf zu warten», meinte Generalsekretärin Sabet. «Wir brauchen deutlich mehr Engagement der Bundesregierung.» Der Bauernverband fordert etwa die Umsetzung einer steuerfreien Risikoausgleichsrücklage, um Landwirte bei Ernteausfällen besser abzusichern.

© dpa-infocom, dpa:260806-930-490194/1

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