National Bank Act (1864) Börsenlexikon Vorheriger Begriff: National Currency Act (1863) Nächster Begriff: Zweiter New Deal (1935–1938)
Ein US-Gesetz, das das nationale Bankensystem stärkte, indem es die Ausgabe einheitlicher Banknoten durch lizenzierte Banken regelte, die durch Staatsanleihen gesichert waren, und die Finanzierung des Bürgerkriegs unterstützte
Der National Bank Act von 1864 war ein grundlegendes Gesetz zur Reform des US-amerikanischen Bankwesens und der Währungsordnung. Es baute auf dem ein Jahr zuvor verabschiedeten National Currency Act von 1863 auf, erweiterte und ersetzte diesen jedoch vollständig. Ziel des Gesetzes war es, ein einheitliches nationales Bankensystem zu etablieren, die Ausgabe einer stabilen und gesicherten Papierwährung zu zentralisieren und dadurch sowohl die Kriegsfinanzierung im Amerikanischen Bürgerkrieg als auch das Vertrauen in die Finanzinfrastruktur der Vereinigten Staaten dauerhaft zu stärken. Der National Bank Act wurde in den Folgejahren mehrfach ergänzt und blieb – in veränderter Form – über Jahrzehnte die rechtliche Grundlage des US-amerikanischen Bankensystems.
Historischer Kontext
Vor dem Bürgerkrieg bestand das Bankwesen der Vereinigten Staaten aus einer Vielzahl von staatlich regulierten Banken („State Banks“) mit eigenem Notenausgaberecht. Diese Banken emittierten ihre eigenen Banknoten, deren Wert von der jeweiligen Bonität und Einlösungsgarantie abhängig war. Die Folge war ein zersplittertes und instabiles Währungssystem mit teils erheblichen Risiken für Handel und Zahlungsverkehr.
Mit dem Ausbruch des Sezessionskriegs 1861 stand die Bundesregierung der Union vor der Aufgabe, den Krieg gegen die Konföderierten zu finanzieren. Das Fehlen einer zentralisierten Währungs- und Bankenpolitik erwies sich als Nachteil. Vor diesem Hintergrund wurde zunächst 1863 der National Currency Act verabschiedet. Bereits 1864 wurde dieser durch den National Bank Act überarbeitet, um eine konsolidierte, dauerhaft tragfähige gesetzliche Grundlage zu schaffen.
Hauptziele und Funktionen
Der National Bank Act verfolgte mehrere strategische und finanzpolitische Ziele:
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Einführung eines zentralisierten Bankensystems
Das Gesetz ermöglichte die Gründung sogenannter National Banks, die vom Bund lizenziert und überwacht wurden – im Gegensatz zu den zuvor allein von Bundesstaaten regulierten State Banks. -
Vereinheitlichung der Währung
Durch die Ausgabe von nationalen Banknoten mit bundesweiter Gültigkeit sollte ein stabiler und vertrauenswürdiger Zahlungsverkehr geschaffen werden. -
Finanzierung des Bundeshaushalts
Die nationalen Banken mussten zur Notenausgabe US-Staatsanleihen hinterlegen. Damit wurde der Erwerb von Kriegsanleihen verpflichtender Bestandteil der Geldschöpfung und eine direkte Quelle der Kriegsfinanzierung. -
Einrichtung eines föderalen Aufsichtssystems
Der National Bank Act schuf das Amt des Comptroller of the Currency, eine Behörde im US-Finanzministerium zur Regulierung und Kontrolle der Nationalbanken. -
Sicherung gegen Inflationsrisiken und Währungsunsicherheit
Durch die verbindliche Hinterlegung von Staatsanleihen als Deckung für die Notenemission sollte das Vertrauen in die Währung dauerhaft gestärkt werden.
Aufbau und zentrale Bestimmungen
Der National Bank Act enthielt zahlreiche konkrete Vorschriften, die das neu geschaffene System regelten:
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Lizenzierung: Nur Banken mit einer Bundeslizenz durften den Titel „National Bank“ führen und nationale Banknoten ausgeben.
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Kapitalanforderungen: Je nach Standort (z. B. Großstadt oder ländlicher Raum) wurden Mindestkapitalvorschriften festgelegt.
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Notenausgabe: Nationale Banknoten wurden zentral gedruckt und an Nationalbanken ausgegeben, die dafür im Gegenzug US-Staatsanleihen als Sicherheit hinterlegten.
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Prüfungspflicht: Nationalbanken unterlagen der regelmäßigen Prüfung durch den Comptroller of the Currency.
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Einheitliches Design: Die neuen Banknoten waren einheitlich gestaltet, mit einem Hinweis auf die ausgebende Nationalbank, aber vom Bund garantiert.
Die Bundesregierung übernahm damit zum ersten Mal in der Geschichte der USA eine aktive Rolle bei der Regulierung des Bankwesens und der Kontrolle der Währung.
Auswirkungen auf das Bankensystem
Der National Bank Act hatte weitreichende strukturelle Auswirkungen auf das amerikanische Finanzsystem:
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Verdrängung der State Banks
Nationale Banken erhielten erhebliche Wettbewerbsvorteile gegenüber den traditionellen State Banks, etwa bei der Notenausgabe und Kapitalbeschaffung. In der Folge verloren viele State Banks Marktanteile oder wandelten sich in Nationalbanken um. -
Stärkung der Kriegsfinanzierung
Die Bindung der Notenausgabe an den Erwerb von US-Staatsanleihen trug direkt zur Finanzierung des Bürgerkriegs bei. Bis 1865 waren über 300 Millionen US-Dollar an Banknoten durch Staatsanleihen gedeckt im Umlauf. -
Vereinheitlichung des Zahlungsverkehrs
Die neuen Banknoten waren im ganzen Land gültig, wodurch Handel und Wirtschaft überregional erleichtert wurden. Gleichzeitig wurde das Vertrauen in Papiergeld gestärkt. -
Zentralisierung der Bankenaufsicht
Mit dem Comptroller of the Currency wurde eine zentrale Kontrollinstanz etabliert, deren Bedeutung im Laufe der Zeit weiter wuchs. Diese Aufsicht ermöglichte eine bundesweite Harmonisierung von Bankstandards und Risikomanagement.
Weiterentwicklung und Ergänzungen
In den folgenden Jahrzehnten wurde der National Bank Act mehrfach ergänzt und an wirtschaftliche Entwicklungen angepasst. Wichtige Ergänzungen betrafen unter anderem:
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Die Einführung von Besteuerungen auf Banknoten der State Banks (um letztere zu verdrängen),
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die Anpassung der Kapitalvorschriften an wirtschaftliche Realitäten,
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die Entwicklung von Regelwerken zur Bankenliquidation und -insolvenz.
Erst mit dem Federal Reserve Act von 1913 kam es zu einer grundlegenden Neustrukturierung des Währungssystems. Dieser schuf das Federal Reserve System als Zentralbank der Vereinigten Staaten und übernahm die Funktion der Notenausgabe von den Nationalbanken. Dennoch blieben viele regulatorische Prinzipien des National Bank Acts – insbesondere die Rolle des Comptroller of the Currency – weiterhin gültig.
Kritik und Grenzen
Trotz seiner Erfolge war der National Bank Act nicht frei von Problemen:
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Unflexibilität der Notenausgabe
Die Bindung der Geldmenge an den Bestand von Staatsanleihen führte zu Engpässen in der Geldversorgung, insbesondere in saisonalen Hochphasen der Landwirtschaft. -
Benachteiligung kleiner Banken
Die Kapitalanforderungen und Regulierungsvorschriften benachteiligten kleinere Banken, insbesondere in strukturschwachen Regionen. -
Kein echter Zentralbankmechanismus
Trotz zentraler Kontrolle über Banknoten wurde keine Instanz geschaffen, die in Krisenzeiten als Lender of Last Resort (Kreditgeber letzter Instanz) agieren konnte – eine Lücke, die sich bei Finanzkrisen deutlich zeigte.
Fazit
Der National Bank Act von 1864 war ein Meilenstein der US-amerikanischen Finanzgeschichte. Er leitete die Vereinheitlichung des Währungssystems, die Zentralisierung der Bankenaufsicht und die institutionelle Verankerung eines nationalen Bankensystems ein. Neben der kurzfristigen Funktion zur Kriegsfinanzierung hatte das Gesetz langfristig tiefgreifende Auswirkungen auf die Struktur und Stabilität des US-Finanzwesens. Trotz seiner Einschränkungen und der späteren Ablösung durch das Federal Reserve System blieb der National Bank Act über Jahrzehnte hinweg die gesetzliche Grundlage für das amerikanische Bankwesen. Seine Grundprinzipien beeinflussen bis heute das regulatorische Verständnis von Bankenaufsicht und monetärer Stabilität.