Einen so heftigen Tagesverlust hatte Jakarta seit der Asienkrise 1998 nicht mehr erlebt. Um 11,6 Prozent brach der Leitindex Jakarta Composite am 16. Oktober ein, nachdem der Indexanbieter MSCI vorgeschlagen hatte, Indonesien den Status als Schwellenland abzuerkennen. Auf ein weiteres Minus von 3,6 Prozent und ein Sechsjahrestief folgte in der vergangenen Woche zwar eine Erholung um 4,9 Prozent auf 5.439 Punkte – seit Jahresbeginn hat der Index aber noch immer mehr als ein Drittel seines Werts verloren.
MSCI will Indonesien ins Abseits stellen
Entschieden ist noch nichts, doch die Richtung ist klar. MSCI hat eine Konsultation eröffnet, an deren Ende Indonesien vom Schwellenland zum sogenannten Standalone-Markt herabgestuft werden soll. Die übliche Zwischenstufe als Frontier-Markt würde dabei übersprungen. Als Standalone-Markt stünde Indonesien außerhalb der großen MSCI-Indexfamilien – in einer Reihe mit Ländern wie Jamaika, Panama oder den palästinensischen Gebieten. Der bisherige Status sei „nicht mehr angemessen“, heißt es vom Indexanbieter. Rückmeldungen von Investoren nimmt MSCI bis zum 30. April 2027 entgegen, die endgültige Entscheidung soll bis spätestens 30. Juni 2027 fallen. Nur klare Belege für spürbare Verbesserungen könnten die Herabstufung noch abwenden.
Der Schritt kommt nicht aus heiterem Himmel. Bereits im Januar hatte MSCI Bedenken angemeldet und Änderungen an den indonesischen Indizes eingefroren – damals fiel der Jakarta Composite an einem Tag um mehr als 7 Prozent. Im Juni folgte die Warnung, bei ausbleibenden Fortschritten eine Konsultation zu starten. Diese Drohung hat MSCI nun wahr gemacht.
Undurchsichtige Eigentümer und der Verdacht auf abgestimmten Handel
Im Kern geht es um die Frage, ob ausländische Investoren am indonesischen Aktienmarkt fair und frei handeln können. MSCI verweist auf undurchsichtige Eigentümerstrukturen, eine hohe Konzentration von Aktien in wenigen Händen und den Verdacht auf koordinierten Handel. Bei vielen Werten ist nur ein kleiner Teil der Aktien tatsächlich frei handelbar – die Kurse lassen sich so leichter bewegen.
Die Regierung in Jakarta und die Finanzaufsicht OJK hatten Reformen angekündigt: strengere Offenlegungspflichten für Aktionäre ab einem Anteil von 1 Prozent, ein Rahmenwerk für Werte mit stark konzentriertem Aktienbesitz und eine schrittweise Anhebung des Mindest-Streubesitzes von 7,5 auf 15 Prozent. Nach Einschätzung von MSCI zeigen diese Maßnahmen bislang aber keine durchgängige Wirkung. Einen Tag nach dem Vorschlag verhängte die Aufsicht Sanktionen von 2,1 Billionen Rupiah, umgerechnet rund 116 Millionen US-Dollar, wegen des Handels mit Aktien von drei Unternehmen; in einem Fall stellte sie Marktmanipulation fest. Ab dem 2. November werden zudem Aktien mit hoher Eigentümerkonzentration aus der Berechnung des Jakarta Composite herausgenommen. Die Ratingagenturen Moody's und Fitch haben den Ausblick für Indonesiens Kreditwürdigkeit bereits auf negativ gesenkt.
Milliarden ziehen sich aus Jakarta zurück
Dass schon der Vorschlag den Markt so stark erschüttert, liegt an der Mechanik der Indexfonds. ETFs und viele aktiv gemanagte Fonds orientieren sich an den MSCI-Schwellenländerindizes. Fällt ein Land aus dem Index, müssen passive Fonds ihre Positionen dort verkaufen – unabhängig davon, wie sie die einzelnen Unternehmen bewerten. Goldman Sachs schätzt die Abflüsse aus passiven Fonds bei einer vollständigen Herausnahme Indonesiens auf rund 5,6 Milliarden US-Dollar. Aktive Fonds, die sich an diesen Indizes messen, verwalten in indonesischen Werten nach derselben Schätzung mehr als 8 Milliarden US-Dollar; ob sie verkaufen, hängt von ihren eigenen Anlagerichtlinien ab.
Zwingend ist der Verkauf für Indexfonds erst, wenn die Herabstufung tatsächlich beschlossen und umgesetzt ist. Viele Investoren warten das aber nicht ab. Ausländische Anleger haben seit Jahresbeginn indonesische Aktien im Wert von netto knapp 95 Billionen Rupiah abgestoßen – umgerechnet gut 5 Milliarden US-Dollar. Auch während der Erholung der vergangenen Woche überwogen auf ihrer Seite die Verkäufe. Die Rupiah hat seit Januar rund 8 Prozent an Wert verloren.
Deutlich sichtbar wird der Einbruch am Xtrackers MSCI Indonesia Swap UCITS ETF, der den indonesischen Markt abbildet. Er kostet aktuell rund 6,59 Euro und damit fast die Hälfte weniger als beim 52-Wochen-Hoch von gut 12,26 Euro.
Ein Indexanbieter als heimliche Marktmacht
Der Fall zeigt, wie viel Einfluss die großen Indexanbieter inzwischen haben. Weil gewaltige Summen an Anlagegeldern ihren Indizes folgen, entscheiden Unternehmen wie MSCI, FTSE Russell oder S&P Dow Jones Indices faktisch mit darüber, wohin internationales Kapital fließt. Eine Einstufung als Schwellenland verschafft einem Markt Zugang zu einem breiten Strom an Fondsgeldern; eine Herabstufung kann diesen Strom versiegen lassen.
Für Indonesien ist der Rückzug der Investoren schon an den Zahlen abzulesen. Das Gewicht des Landes im MSCI-Schwellenländerindex ist von 1,16 Prozent Ende 2025 auf nur noch 0,43 Prozent Ende September geschrumpft, die Zahl der enthaltenen Unternehmen hat sich von 18 auf 9 halbiert. Die Marktkapitalisierung des MSCI-Indonesien-Index ist seit Jahresbeginn um 55 Prozent gesunken.
Ganz ohne Vorbild ist der Schritt nicht. Pakistan wurde 2021 von den Schwellenländern zu den Frontier-Märkten zurückgestuft. Russland stufte MSCI nach dem Angriff auf die Ukraine im März 2022 direkt zum Standalone-Markt herab – zu einem Kurs von praktisch null, was für Fonds mit Russland-Anteil einer Abschreibung gleichkam. Ähnliche Sorgen um Streubesitz und abgestimmten Handel haben MSCI zuletzt auch veranlasst, Änderungen an den Indizes für die Türkei einzufrieren.
Breit gestreute ETFs spüren den Einbruch kaum
Für Anleger mit breit gestreuten Indexfonds bleibt der Absturz in Jakarta dagegen weitgehend eine Randnotiz. Bei einem Gewicht von zuletzt 0,43 Prozent im Schwellenländerindex fällt selbst ein Kursverlust von 40 Prozent im Gesamtportfolio kaum ins Gewicht. Der iShares Core MSCI Emerging Markets IMI UCITS ETF notiert mit rund 44,85 Euro deutlich über seinem 52-Wochen-Tief von 36,78 Euro, auch wenn er am Montag 1,4 Prozent nachgibt. In Weltindizes für Industrieländer wie dem MSCI World, den etwa der iShares Core MSCI World UCITS ETF abbildet, ist Indonesien gar nicht enthalten.
Hier liegt der Kern der Indexanlage: Ein breiter Indexfonds verteilt das Risiko auf viele Länder und Unternehmen, sodass Probleme eines einzelnen Marktes nur mit ihrem geringen Gewicht durchschlagen. Wird ein Land herabgestuft, schichtet der Fonds nach festen Regeln um, ohne dass Anleger selbst handeln müssten. Anders sieht es bei Länder-ETFs aus, die einen einzelnen Markt abbilden – sie tragen dessen Risiken in voller Höhe, wie der Kursverlauf des Indonesien-ETFs zeigt. Und auch breit gestreute Fonds übernehmen eine Abhängigkeit: Sie folgen den Entscheidungen der Indexanbieter, ob sie wollen oder nicht.
Jakarta bleibt bis Juni 2027 auf Bewährung
Bis zur Entscheidung bleiben Indonesien gut acht Monate, um MSCI von der Wirkung seiner Reformen zu überzeugen. Ein Selbstläufer dürfte das nicht werden: Der Indexanbieter verlangt nicht nur neue Regeln, sondern belegbare Verbesserungen im Handel. Ob die Erholung der vergangenen Woche trägt, könnte deshalb weniger von der Konjunktur abhängen als von der Frage, ob Regierung und Aufsicht den Vorwurf mangelnder Transparenz glaubhaft ausräumen. Solange das nicht gelingt, dürften internationale Investoren den Markt mit Vorsicht behandeln.