Jetzt rückt Siemens Gamesa ins Zentrum
Siemens Energy hat im August eine außergewöhnlich bewegte Phase erlebt. Nach den Rekord-Quartalszahlen vom 5. August legte die Aktie zunächst um rund 25 Prozent zu, bevor Gewinnmitnahmen einsetzten. Am 18. August verlor das Papier innerhalb eines Handelstages 5,23 Prozent.
Aktuell notiert die Aktie bei 152,86 Euro. Damit liegt sie nur knapp unter dem Schlusskurs vom Freitag und rund 22 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 195,38 Euro. Zusätzliche Aufmerksamkeit erhält derzeit die mögliche Abspaltung der Windsparte. Der Aufsichtsrat berät seit vergangener Woche über entsprechende Optionen. Seitdem hat die Aktie rund 4,9 Prozent nachgegeben.
Für die operative Entwicklung ist jedoch vor allem eine andere Frage entscheidend: Kann Siemens Gamesa die im dritten Quartal erreichte Rückkehr in die Profitabilität dauerhaft bestätigen? Parallel dazu steht das geplante Rebranding zu "Omterra" im Fokus, das zusätzliche Einsparungen bringen soll.
Die Quartalszahlen vom 5. August liefern dafür eine solide Ausgangsbasis. Der Auftragseingang erhöhte sich auf vergleichbarer Basis um 14 Prozent auf 17,9 Milliarden Euro. Der Umsatz stieg um 18,5 Prozent auf 11,4 Milliarden Euro. Gleichzeitig bestätigte Siemens Energy die angehobene Jahresprognose 2026. Erwartet werden ein vergleichbares Umsatzwachstum von 14 bis 16 Prozent und eine Ergebnismarge am oberen Ende der Spanne von 10 bis 12 Prozent.
Siemens Gamesa meldet erstmals seit 2022 wieder Gewinn
Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt die Entwicklung der Windsparte. Siemens Gamesa erzielte im dritten Quartal ein EBITA von 75 Millionen Euro und schrieb damit erstmals seit 2022 wieder schwarze Zahlen.
Nach den hohen Verlusten der vergangenen Jahre ist dieses Ergebnis für den Konzern von besonderer Bedeutung. Ein profitables Quartal allein reicht allerdings noch nicht aus, um eine dauerhaft verbesserte Ertragslage nachzuweisen. Entscheidend wird sein, ob sich die operative Entwicklung in den kommenden Quartalen stabilisieren lässt.
Auch die Analysten richten ihren Blick auf die Nachhaltigkeit des Wachstums. Bernstein-Analyst Varun Govindaraj bestätigte am 21. August die Einstufung "Outperform" mit einem Kursziel von 210 Euro. Gleichzeitig verwies er auf eine Umfrage unter Einkäufern von Rechenzentren. Diese signalisiert kurzfristig eine hohe Nachfrage nach Stromversorgungstechnik, warnt langfristig jedoch vor möglichen Vorzieheffekten.
Bereits einen Tag zuvor hatte RBC-Analyst Mark Fielding Siemens Energy ebenfalls mit "Outperform" bewertet. Sein Kursziel liegt bei 200 Euro. Beide Einschätzungen verdeutlichen vor allem, dass neben dem aktuellen Wachstum zunehmend dessen Dauerhaftigkeit in den Mittelpunkt rückt.
Milliardeninvestitionen und neuer Großauftrag treiben das Kerngeschäft
Abseits der Windsparte verfügt Siemens Energy über weitere Wachstumstreiber. Am 19. August sicherte sich der Konzern einen Großauftrag von Petrobras. Vorgesehen sind 16 modulare Energiesysteme für Offshore-Plattformen in Brasilien. Das Projekt soll vor Ort rund 900 neue Arbeitsplätze schaffen und ergänzt die bereits zuvor gemeldeten Fortschritte bei der Offshore-Expansion in dem Land.
Parallel investiert Siemens Energy seit Februar 1 Milliarde US-Dollar in den Ausbau seiner Fertigungskapazitäten in den USA. Damit reagiert der Konzern auf die steigende Nachfrage nach Netztechnologie und Stromnetz-Infrastruktur.

Gerade dieses Geschäft profitiert von einem weltweit wachsenden Bedarf an Netzausbau, Stromversorgung und neuer Energieinfrastruktur. Gleichzeitig steigt die Nachfrage aus Rechenzentren, deren hoher Strombedarf zusätzliche Investitionen in Netze und Versorgungstechnik erforderlich macht.
Ein weiterer Hebel könnte das geplante Rebranding zu "Omterra" sein. Durch den Wegfall der Siemens-Lizenzgebühren sollen nach den bisherigen Angaben jährliche Einsparungen von rund 300 Millionen Euro möglich werden. Sollten diese Effekte tatsächlich in der erwarteten Größenordnung eintreten, könnten sie die Profitabilität des Konzerns unabhängig vom laufenden operativen Wachstum verbessern.
Hohe Erwartungen erhöhen den Druck auf die kommenden Quartale
Mit dem starken Geschäftsverlauf sind allerdings auch die Erwartungen gestiegen. Seit Jahresbeginn hat sich die Siemens-Energy-Aktie um rund 27 Prozent verteuert, innerhalb der vergangenen zwölf Monate beträgt das Plus sogar 67 Prozent.
Entsprechend genau dürfte beobachtet werden, ob Auftragseingang und Profitabilität das derzeit hohe Niveau halten können. Die von Bernstein angesprochenen möglichen Vorzieheffekte bei Rechenzentrumskunden stellen dabei einen wichtigen Unsicherheitsfaktor dar. Sollten Unternehmen Bestellungen aufgrund aktueller Lieferzeiten zeitlich vorziehen, könnte sich dies in späteren Quartalen in einem schwächeren Auftragseingang bemerkbar machen.
Auch bei Siemens Gamesa bleibt die Entwicklung offen. Die 75 Millionen Euro EBITA im dritten Quartal markieren zwar einen deutlichen Fortschritt, nach mehreren verlustreichen Jahren muss sich die Verbesserung jedoch erst über einen längeren Zeitraum bestätigen.
Zusätzliche Unsicherheit bringt die Diskussion um eine mögliche Abspaltung der Windsparte. Solange der Aufsichtsrat keine endgültige Entscheidung getroffen hat, bleiben Struktur und künftige Einbindung von Siemens Gamesa innerhalb des Konzerns ein offener Punkt.
Der nächste wichtige Termin ist die Veröffentlichung der Jahresergebnisse 2026 am 11. November. Dann wird sich zeigen, ob Siemens Energy das prognostizierte vergleichbare Umsatzwachstum von 14 bis 16 Prozent und eine Ergebnismarge am oberen Ende der Spanne von 10 bis 12 Prozent erreicht hat. Ebenso wichtig dürfte die Frage sein, ob Siemens Gamesa nach dem erstmals seit 2022 wieder profitablen Quartal den eingeschlagenen Kurs bestätigen konnte.