'Tarifdschungel' Nahverkehr in NRW

Was ändert sich und was fehlt? 27.05.2026, 05:28 Uhr von dpa-AFX Jetzt kommentieren: 0

Für Gelegenheitskunden soll das Fahren mit Bus und Bahnen im öffentlichen Nahverkehr von Nordrhein-Westfalen deutlich einfacher werden. Alle vier Nahverkehrsverbünde in NRW lichten ihren "Tarifdschungel". Aus Sicht des Fahrgastverbandes Pro Bahn wird an manchen Stellen auf einen Schlag zu viel gekappt. Zudem sollten die technischen Voraussetzungen in den Bussen und Bahnen sowie an Fahrtstrecken für neue Angebote verbessert werden.

Was ändert sich beim VRS und beim AVV?

Zum 1. Juni 2026 löst der neue gemeinsame Rheinlandtarif den VRS-Tarif und den AVV-Tarif der Nahverkehrsverbünde ab. Die Tarifgrenze bei Merzenich im Kreis Düren zwischen Köln und Aachen fällt weg. Zudem gibt es nur noch die Preisstufen 1, 2 und 3 sowie noch zwei Jahre lang die Kurzstrecke. Bisher gibt es beim VRS zehn Preisstufen und sechs beim AVV. Für Besitzer des Deutschlandtickets und Nutzer des landesweiten Luftlinientarifs "eezy.nrw" ändert sich nichts.

Was heißt das für Städtetouristen?

Der Kurzstreckentarif könnte in den Gebieten von AVV und VRS etwa für die Fahrt zum Museum in den vollen Innenstädten interessant sein. Er gilt in der Regel für den Einstieg plus vier Haltestellen und kostet 2,90 Euro pro Fahrt. Der Kurzstreckentarif gilt noch bis Ende Mai 2028. In der neuen Preisstufe 1 für die jeweilige Stadt kostet das Einzelticket in Köln, Bonn und Aachen 4 Euro. In den anderen Kommunen von VRS und AVV sind es mit 3,50 Euro etwas weniger.

Was ändert sich beim VRR zum 1. Juni?

Der VRR hat zum 1. März 2025 die Preisstufen von sieben auf drei reduziert. Einige Tickets wie das Bärenticket für ältere Menschen, das 10er-Ticket sowie das 48-Stunden-Ticket und auch die Kurzstrecke entfielen. Zum 1. Juni 2026 tritt die 2. Stufe der Tarifreform in Kraft. In Dortmund, Düsseldorf, Duisburg, Essen und Wuppertal werden die bisher getrennten Tarifgebiete zu jeweils einem Tarifgebiet verschmolzen. Auch anderswo gibt es neue Zuschnitte.

Zieht Westfalentarif auch mit?

Der Nahverkehrsverbund Westfalentarif plant zum 1. April 2027 eine Tarifreform. Die Preisstufen werden von zwölf auf vier reduziert. Dieses Regionalangebot stehe neben dem Deutschlandticket für alle, die grenzenlos in Deutschlands häufig mobil sein wollten. Zudem gebe es den Luftlinientarif "eezy.nrw" als "einfache, digitale Lösung für Gelegenheitsfahrer in ganz NRW". Die Verbünde werben dafür: Sollten konventionelle Tickets mal günstiger sein, werde die Fahrt mit "eezy.nrw" auf den Preis des konventionellen Tickets gedeckelt, heißt es.

Was läuft aus Sicht von Pro Bahn falsch?

"Es wird der zweite Schritt vor dem ersten gemacht", sagt Thomas Probol, stellvertretender Vorsitzender Pro Bahn Nordrhein-Westfalen. An etlichen Bahnhöfen im ländlichen Bereich gebe es je nach Mobilfunkanbieter noch Funklöcher. Dort könnten betroffene Fahrgäste "eezy.nrw" nicht nutzen.

Außerdem ist aus seiner Sicht das erforderliche Registrierungserfahren aufwendig, insbesondere für ausländische Touristen, mit Angaben bis hin zur Bankverbindung. Verbraucherfreundlicher wären Geräte in den Fahrzeugen, an denen einfach eine Bankkarte beim Aus- und Einsteigen gehalten werden kann.

"Man gewinnt damit keine Neukunden", gibt Probol mit Verweis auf Funklöcher und technische Ausstattung der Fahrzeuge zu Bedenken. Es werde versucht, die Fahrgäste "ins Handy hineinzuzwingen". Niederschwellige Angebote seien nötig, um neue Kunden zu gewinnen. VRS und AVV machten es mit dem Erhalt der Kurzstrecke für einen Übergangszeitraum von zwei Jahren besser als der VRR. Der Tarif "eezy.nrw" und andere digitale Angebote seien zu begrüßen, wenn die technischen Voraussetzungen flächendeckend vorhanden seien.

Welche Angebote fehlen im Nahverkehr?

Der Fahrgastverband Pro Bahn bemängelt, das Thema Gruppentickets und Mitfahrmöglichkeiten für eine zweite Person werde bei den Tarifreformen vernachlässigt. Bei "eezy.nrw" müssten in der Regel zwei Tickets gelöst werden, wenn zwei Personen mit Bussen und Bahnen fahren wollen. Nur bei befristeten Sonderangeboten gebe es diese Möglichkeit bisher gelegentlich. "Das müsste zum Standard gemacht werden", sagt Probol.

Je größer eine Gruppe sei, desto geringer falle der Preisvorteil im Vergleich zum Auto aus. "Gruppenfahrten und Mitnehmen sind nicht mitgedacht worden", sagt Probol. Das wäre eine Möglichkeit, neugierig auf den ÖPNV zu machen.

Welchen Anteil haben Gelegenheitsfahrten?

"Wir gehen davon aus, dass 10 Prozent der Fahrten tangiert sind", sagte eine Sprecherin des VRS zur gemeinsamen Tarifreform mit den AVV zum 1. Juni 2026. Die große Mehrheit der Fahrgäste nutze das Deutschlandticket oder den Luftlinientarif "eezy.nrw". Ähnlich hatten sich die anderen Verbünde geäußert.

So empfiehlt der VRS etwa auch für Fahrten zwischen Köln und Düsseldorf "eezy.nrw" als Alternative zu den weiterhin bestehenden Übergangstarifen zu anderen Tarifgebieten. Die Tarifgrenze zwischen VRS und VRR besteht fort. Das gilt auch für die Tarifgrenze zwischen dem VRR und dem Westfalentarif.

Auch der Fahrgastverband Pro Bahn NRW rät dazu, bei Gelegenheitsfahrten "eezy.nrw" zu nutzen, sofern ein Smartphone vorhanden ist. Der Preisdeckel sorge dafür, dass "eezy.nrw" auf einen Monat betrachtet nicht teurer sei als das Deutschlandticket. Wer auch außerhalb von NRW mit dem öffentlichen Nahverkehr fahren wolle, für den sei das Deutschlandticket das A und O.

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