JPMorgan senkt das Kursziel deutlich
Der norwegische Wasserstoffspezialist Nel ASA bleibt an der Börse in schwierigem Fahrwasser. JPMorgan hat das Kursziel für die Aktie von 2,90 auf 1,80 norwegische Kronen gesenkt und die Einstufung zugleich bei „Neutral“ belassen. Die Anpassung trifft auf ein Unternehmen, das zwar einen deutlichen Anstieg beim Auftragseingang meldet, gleichzeitig aber mit sinkenden Umsätzen, hohen Verlusten und schwindenden Finanzreserven konfrontiert ist.
Am deutschen Markt notiert die Nel-Aktie aktuell bei 0,1946 Euro und verliert damit 1,62 Prozent auf Tagessicht. Gegenüber dem 52-Wochen-Hoch von 0,3655 Euro vom 25. Mai beträgt der Rückstand knapp 47 Prozent. Die Kursentwicklung zeigt, wie stark die Erwartungen an die Wasserstoffbranche und an Nel ASA im laufenden Jahr zurückgegangen sind.
PEM-Geschäft sorgt für überraschenden Auftragsschub
Die am 15. Juli veröffentlichten Zahlen zum zweiten Quartal 2026 liefern ein uneinheitliches Bild. Besonders auffällig ist der starke Anstieg beim Auftragseingang. Dieser erhöhte sich auf 230 Millionen norwegische Kronen, nachdem im Vorjahresquartal lediglich 71 Millionen Kronen erreicht worden waren. Das entspricht einem Wachstum von 224 Prozent.
Bemerkenswert ist vor allem die Zusammensetzung der neuen Bestellungen. Rund 96 Prozent des Auftragseingangs entfielen auf das PEM-Segment. Dieses Geschäftsfeld gewinnt damit für Nel ASA deutlich an Bedeutung und könnte in den kommenden Quartalen eine zentrale Rolle bei der operativen Entwicklung des Konzerns spielen.
Der sprunghafte Auftragseingang konnte jedoch nicht verhindern, dass JPMorgan das Kursziel reduzierte. Die Bank dürfte damit zum Ausdruck bringen, dass neue Bestellungen allein noch keine unmittelbare Verbesserung der Ertragslage garantieren. Entscheidend bleibt, wie schnell Nel ASA die Projekte abarbeiten und in Umsätze überführen kann.
Umsatzrückgang und Rechtsstreit belasten die Bilanz
Während die Auftragseingänge deutlich zulegten, entwickelte sich der Umsatz aus Kundenverträgen rückläufig. Im zweiten Quartal 2026 erzielte Nel ASA Erlöse von 153 Millionen norwegischen Kronen. Im entsprechenden Vorjahreszeitraum waren es noch 174 Millionen Kronen gewesen. Damit sank der Umsatz um 12 Prozent.
Auch das operative Ergebnis blieb tief in der Verlustzone. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen belief sich auf minus 155 Millionen norwegische Kronen. Darin enthalten war eine Belastung von 70 Millionen Kronen im Zusammenhang mit einem Rechtsstreit.
Nel ASA hatte sich Anfang Juni mit Iwatani Corporation of America auf einen Vergleich verständigt. Die daraus resultierende Sonderbelastung verschärfte das negative Quartalsergebnis zusätzlich und verdeutlicht, dass neben dem laufenden Geschäft auch rechtliche Altlasten auf den Konzern wirken.

Die hohen Verluste spiegeln sich ebenfalls in der Liquiditätsentwicklung wider. Zum 30. Juni 2026 verfügte Nel ASA über Barmittel in Höhe von 1,328 Milliarden norwegischen Kronen. Ein Jahr zuvor hatte der Kassenbestand noch bei 1,928 Milliarden Kronen gelegen. Innerhalb von zwölf Monaten verringerten sich die Finanzreserven somit um rund 600 Millionen Kronen.
Trotz des Rückgangs verfügt das Unternehmen weiterhin über finanzielle Mittel für den laufenden Betrieb und die Entwicklung neuer Technologien. Der deutliche Mittelabfluss zeigt jedoch, wie wichtig eine bessere operative Entwicklung für die weitere Unternehmensplanung wird.
Führungswechsel und neue Technologie prägen die nächsten Monate
Zusätzlich zu den finanziellen Herausforderungen steht Nel ASA vor einem Wechsel an der Unternehmensspitze. Vorstandschef Håkon Volldal kündigte im Juni seinen Rücktritt an. Während seiner sechsmonatigen Kündigungsfrist bleibt er zunächst im Amt, während der Verwaltungsrat nach einer Nachfolge sucht.
Auch die Aktionärsstruktur bleibt ein wichtiger Faktor. Samsung E&A hält einen Anteil von 9,09 Prozent und besitzt 167.155.785 Aktien. Damit ist der Konzern weiterhin der zweitgrößte Aktionär von Nel ASA und bleibt ein bedeutender strategischer Anteilseigner.
Technologisch setzt Nel ASA unterdessen auf eine neue Generation alkalischer Elektrolyseure. Das im Mai vorgestellte System soll bei einer Anlage mit 25 Megawatt Leistung Systemkosten von weniger als 1.450 US-Dollar je Kilowatt ermöglichen. Mit dieser Kostenstrategie will das Unternehmen die Wirtschaftlichkeit seiner Technologie verbessern und sich im internationalen Wettbewerb um Projekte zur Produktion von grünem Wasserstoff behaupten.
Für die weitere Geschäftsentwicklung rücken mehrere Termine in den Mittelpunkt. Die EU-Kommission wird voraussichtlich Anfang August die Ergebnisse des Förderprogramms „HORIZON-JU-CLEANH2-2026“ veröffentlichen. Nel ASA beziehungsweise Partner des Unternehmens gehören zu den 170 Antragstellern, die Fördermittel für Projekte zur Produktion und Speicherung von grünem Wasserstoff beantragt haben.
Der nächste reguläre Einblick in die Geschäftsentwicklung folgt am 21. Oktober mit den Zahlen zum dritten Quartal 2026. Dann wird sich zeigen, ob der kräftige Auftragseingang aus dem PEM-Segment bereits zu höheren Umsätzen geführt hat und wie sich Liquidität, Kostenstruktur und operatives Ergebnis entwickelt haben.