Der Weg für rot-grün-rote Sondierungen in Berlin ist frei – und an der Börse geraten die Wohnungskonzerne erneut unter Druck. Die Aktie von Vonovia fiel am Donnerstag bis auf knapp 16,29 Euro und damit auf den tiefsten Stand seit einem Jahr, zuletzt notierte sie bei 16,35 Euro rund 2,7 Prozent im Minus. Unter Aktionären ist der Ton gereizt.
Linke will acht Wohnungskonzerne vergesellschaften
Zweieinhalb Wochen nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus haben Linke, Grüne und SPD ein zentrales Hindernis für Sondierungsgespräche ausgeräumt: Die drei Parteien verständigten sich auf ein Handlungspaket für den Fall antisemitischer Vorfälle, das Grüne und SPD zur Bedingung gemacht hatten. Die Linke war bei der Wahl am 20. September mit 25,7 Prozent mit Abstand stärkste Kraft geworden und setzt auf ein rot-grün-rotes Bündnis.
Für Vonovia ist das mehr als Landespolitik. Die Linke will den Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ von 2021 umsetzen, bei dem eine klare Mehrheit zugestimmt hatte. Betroffen wären Eigentümer mit mehr als 3.000 Wohnungen in Berlin – nach bisherigem Stand acht Unternehmen. Die Entschädigung könnte nach Vorstellung der Linken deutlich unter dem Marktwert liegen. Eine Vergesellschaftung nach Artikel 15 des Grundgesetzes wurde in der Bundesrepublik allerdings noch nie umgesetzt, der Berliner Rechnungshof hatte 2024 vor den rechtlichen Risiken einer Entschädigung unter Marktwert gewarnt.
Genau dort setzen mehrere Aktionäre an. Die juristischen und betriebswirtschaftlichen Hürden seien selbst mit viel Zeit kaum zu überwinden, heißt es aus Anlegersicht; der Markt preise ein Szenario ein, das verfassungsrechtlich kaum Bestand hätte – von einer maßlosen Übertreibung ist die Rede. Der Einwand der Gegenseite fällt knapp aus: Ein funktionierendes Geschäftsmodell nütze wenig, wenn das Unternehmen zum politischen Spielball werde. Die Stimmung zu diesem Punkt bleibt gespalten.
Merz will Enteignungen per Bundesgesetz stoppen
Gegenwind für die Berliner Pläne kommt aus dem Bund. Union und SPD hatten sich im Juli darauf verständigt, den Ländern die Vergesellschaftung privater Mietwohnungsbestände per Bundesgesetz zu verwehren. Kanzler Friedrich Merz kündigte nach der Berlin-Wahl einen entsprechenden Gesetzentwurf an und drängt auf ein schnelles Verfahren. Ein Selbstläufer ist auch das nicht: Ein Bundesgesetz, das den Ländern die Vergesellschaftung lediglich untersagt, wird als rechtlich angreifbar eingeschätzt. Die Linke hält ein Verbot ohnehin für nicht durchsetzbar, die Wohnungsunternehmen haben angekündigt, sich gegen jede Vergesellschaftung vor Gericht zu wehren.
Auf Aktionärsseite wird die angekündigte Bundesbremse als möglicher Wendepunkt gesehen: Sobald sie greife oder sich die Lage in Berlin kläre, rücke wieder das operative Geschäft in den Blick. Das Vertrauen in die Bundesregierung ist allerdings begrenzt. Der Kanzler habe bislang wenig geliefert, lautet ein wiederkehrender Vorwurf, und für eine Kehrtwende in Berlin sei es womöglich schon zu spät.
Ich glaube nicht dass des mit dem Vertrauen an Vonovia zusammenhängt. Vielmehr ist es die politische Unsicherheit. Die muss vom Tisch und das am Besten noch vor den Quartalszahlen
Kurzfristig rechnet kaum jemand mit großen Kurssprüngen, solange weder neue Geschäftszahlen noch politische Klarheit vorliegen. Das Sentiment ist abwartend – mit wenig Geduld für die tägliche Suche nach neuen Ursachen des Kursverfalls.
Ganze Branche rutscht auf Jahrestiefs
Der Kursrutsch beschränkt sich nicht auf Vonovia. Deutsche Wohnen fiel um rund 2,1 Prozent auf 15,12 Euro, LEG Immobilien gab knapp 1,5 Prozent auf 44,64 Euro nach. Bei TAG Immobilien mit einem Minus von 2,7 Prozent auf 10,46 Euro und beim Berliner Gewerbe- und Wohnimmobilienkonzern Aroundtown mit minus 3,4 Prozent auf knapp 1,50 Euro fiel der Rückgang noch deutlicher aus. Alle fünf Werte markierten im Tagesverlauf neue Zwölfmonatstiefs. Vonovia hat binnen eines Jahres rund 39 Prozent an Wert verloren.
Hinzu kommt Gegenwind von außen: Der Ölpreis der Sorte Brent stieg am Donnerstag wieder über 100 Dollar je Barrel, deutsche Staatsanleihen verzeichneten Kursverluste – steigende Renditen belasten zinssensible Immobilienwerte zusätzlich. Mehrere Anleger verweisen auf genau diese Gemengelage aus teurem Öl, der angespannten Lage in Frankreich und ausbleibenden Zinssenkungen. Beschrieben wird zudem ein wiederkehrendes Kursmuster: Abverkauf mit hohen Umsätzen zur Eröffnung, danach erlahme das Interesse, sobald sich DAX und Anleihen erholten. Dass die Belastungen inzwischen weitgehend im Kurs stecken, wird zwar eingewandt – der Grundton bleibt jedoch gedrückt.
Aktie fällt unter Ausgabepreis von 2013
Symbolisch wiegt eine weitere Marke: Mit dem aktuellen Kurs liegt Vonovia unter dem Ausgabepreis von 16,50 Euro, zu dem das Unternehmen 2013 noch als Deutsche Annington an die Börse gegangen war. Operativ hatte der Konzern zur Jahresmitte ein anderes Bild gezeichnet: Vonovia bestätigte die Prognose für alle Ertragskennzahlen 2026, refinanzierte seit Jahresbeginn rund 4,4 Milliarden Euro mit einem durchschnittlichen Kupon von etwa 3,2 Prozent und meldete einen leichten Wertzuwachs im Portfolio.
Aus Sicht der Kurs-Optimisten klafft genau hier die Lücke, um die sich die Debatte dreht. Die Wohnungsnot in Deutschland werde bleiben, die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum sei stabil, und die Mieten des Konzerns lägen spürbar unter dem Berliner Marktniveau. Dem steht die hohe Verschuldung gegenüber, die auch zuversichtlichere Aktionäre als Belastungsfaktor anerkennen. Bis zu den nächsten Quartalszahlen und einem Ergebnis der Berliner Sondierungen dürfte der Kurs damit vor allem von politischen Schlagzeilen abhängen. Zwischen trotziger Zuversicht und wachsender Ermüdung pendelt auch die Anleger-Stimmung.