Auf Europas Straßen fährt BYD inzwischen an Tesla vorbei, an der Börse geht es für den chinesischen Elektroautobauer dagegen weiter abwärts. In den ersten neun Monaten 2026 kam BYD in der EU auf einen Marktanteil von 2,4 Prozent nach 1,0 Prozent ein Jahr zuvor und lag damit vor dem US-Rivalen mit 2,2 Prozent. Die Aktie fiel am Donnerstag dennoch zeitweise um mehr als 6 Prozent auf 7,62 Euro und damit auf den tiefsten Stand seit einem Jahr, zuletzt lag das Minus bei rund 4,5 Prozent auf 7,77 Euro. Belastet wird der Kurs vom Ausverkauf an Chinas Börsen und einer möglichen EU-Obergrenze für Hybridautos aus China. Unter Aktionären überwiegt Fassungslosigkeit über die Kluft zwischen Geschäft und Kurs.
Zulassungen springen um 150 Prozent
Nach Zahlen des europäischen Herstellerverbands Acea schnellten die BYD-Neuzulassungen in der EU von Januar bis September um 150 Prozent auf 206.002 Fahrzeuge nach oben. Tesla kam mit 188.035 Autos auf ein Plus von 70 Prozent, während die Marken des Volkswagen-Konzerns mit 2,23 Millionen Zulassungen nahezu auf der Stelle traten. Rückenwind liefern die hohen Spritpreise: Reine Elektroautos kommen in der EU inzwischen auf einen Marktanteil von 22,7 Prozent.
Aus Kundensicht passt das Bild zu Beobachtungen im Alltag. Selbst in der Provinz griffen Autokäufer mittlerweile zu Modellen von BYD oder Leapmotor, heißt es, und auch im Autohandel ist die Nachfrage greifbar.
Ich war gestern bei einem BYD Händler, die haben alle Fahrzeuge im Laden verkauft und mindestens 7mon Lieferzeit.
Umso weniger erschließt sich vielen Anteilseignern der Kursverlauf. Eine derart groteske Entwicklung trotz globaler Expansion kenne man sonst nur nach einem handfesten Skandal oder bei völligem Managementversagen, lautet ein besonders deutlicher Einwand. Für die Talfahrt in dieser Wucht fehle schlicht eine nachvollziehbare Begründung – der Ton schwankt zwischen Ratlosigkeit und Frust.
Chinas Börsen stehen vor dem Bärenmarkt
Ein Teil der Erklärung liegt außerhalb des Unternehmens. In Hongkong verlor der Hang-Seng-Index am Donnerstag rund 3 Prozent und fiel auf den tiefsten Stand seit vier Monaten, Technologiewerte gaben noch deutlicher nach. Der chinesische Leitindex CSI 300 notierte zeitweise fast 20 Prozent unter seinem Hoch vom Juni und damit nahe der Schwelle zum Bärenmarkt. Belastet wurde die Stimmung von der Enttäuschung über nur stückweise Konjunkturhilfen aus Peking und vom weltweiten Abverkauf bei KI-Werten.
Genau darauf verweisen mehrere Anleger: Nicht nur BYD stehe tiefrot, auch andere chinesische Autobauer wie Nio oder Geely sowie Internetkonzerne wie Alibaba, Baidu und JD.com gerieten unter Druck. Die Zahlen sprächen eigentlich für BYD, gedrückt werde vor allem der chinesische Gesamtmarkt. Als Belastung für die gesamte Branche wird zudem der Preiskampf bei Überkapazitäten im Heimatmarkt genannt, der die Margen aufzehre. Dass an diesem Tag vor allem Panikverkäufe den Kurs drückten, ist eine weitere Lesart. Die Stimmung bewegt sich damit zwischen Ernüchterung und der Hoffnung, dass der Abschlag weniger mit BYD selbst zu tun hat.
Brüssel erwägt Obergrenze für China-Hybride
Hinzu kommt politischer Gegenwind aus Brüssel. Die EU erwägt Berichten zufolge eine jährliche Obergrenze für in China gebaute Hybridautos: Im ersten Jahr könnten 350.000 Fahrzeuge erlaubt sein, auf jede weitere Einheit könnten zusätzliche Abgaben fällig werden. Die Regel könnte bereits ab dem 1. Dezember greifen. Für BYD wiegt das schwer, denn nach Berechnungen von HSBC hielt der Konzern bis August fast 14 Prozent des EU-Markts für Plug-in-Hybride. Zudem senkt Peking im April 2027 die Mehrwertsteuer-Rückerstattung für exportierte Elektroautos von 13 auf 9 Prozent, was die Exportmargen schmälern dürfte. Ein Gegengewicht könnte das Werk in Ungarn bilden, das bis zu 300.000 Autos im Jahr bauen kann.
Aus Anlegersicht wird BYD deshalb zunehmend als politische Aktie gesehen. Wenn die USA und China ihren Kurs fortsetzten, würden Europäer künftig eher europäisch kaufen, lautet ein Argument. Dem wird mit Nachdruck widersprochen: Die meisten Käufer achteten schlicht auf Preis und Leistung, und dabei seien europäische Hersteller oft nicht konkurrenzfähig – notfalls wichen Kunden eben auf japanische oder koreanische Marken aus. Bei diesem Punkt bleibt die Stimmung gespalten.
Ein Drittel Wertverlust binnen eines Jahres
Der Blick auf den längeren Verlauf fällt ernüchternd aus. Auf Sicht eines Monats summiert sich das Minus auf rund 13 Prozent, binnen eines Jahres hat die Aktie rund ein Drittel ihres Werts eingebüßt. Aus charttechnischer Sicht gilt auf Anlegerseite eine Unterstützung als gebrochen, um die zuvor mehr als zwei Wochen gerungen worden sei. Betont wird zudem, dass die Schwäche nicht erst seit Kurzem, sondern bereits seit Monaten anhält. Ob die Erfolge auf dem europäischen Automarkt gegen den politischen Gegenwind und die schwachen China-Börsen ankommen, dürfte sich erst in den kommenden Monaten zeigen – unter Aktionären bleibt der Ton bis dahin gedrückt.