KI-Debatte um COBOL trifft den Konzern an empfindlicher Stelle
Auslöser der jüngsten Kursreaktion war eine Aussage des KI-Unternehmens Anthropic. Das Tool „Claude Code“ soll dabei helfen können, alte COBOL-Systeme zu modernisieren. Genau in diesem Bereich ist IBM seit vielen Jahren stark positioniert, da zahlreiche große Unternehmen und Behörden weiterhin auf Mainframe- und COBOL-Infrastrukturen setzen. IBM verdient sowohl am Betrieb dieser Systeme als auch an deren Modernisierung.
Die Marktreaktion fiel entsprechend deutlich aus, da Investoren befürchteten, dass KI-Tools künftig einen Teil dieser Aufgaben automatisieren könnten. In der Diskussion ging allerdings ein wichtiger Punkt unter: IBM selbst arbeitet bereits seit längerem an ähnlichen Lösungen. Schon vor rund drei Jahren beschrieb der Konzern Ansätze, mit denen sich COBOL-Code mithilfe künstlicher Intelligenz in modernere Programmiersprachen wie Java übertragen lässt.
Dazu gehört auch das eigene Produkt „watsonx Code Assistant for Z“. Dieses Werkzeug unterstützt Entwickler dabei, bestehende Anwendungen zu analysieren, Code zu transformieren und gegebenenfalls von klassischen Mainframe-Umgebungen auf Plattformen wie Linux oder Windows zu migrieren. Die zentrale Frage für den Markt lautet deshalb weniger, ob KI diese Modernisierung beschleunigt, sondern vielmehr, welcher Anbieter den größten Anteil an dieser Transformation verdient.
Cybersecurity-Report warnt vor KI-beschleunigten Angriffen
Parallel zur Diskussion um das Mainframe-Geschäft veröffentlichte IBM seinen „X-Force Threat Intelligence Index 2026“. Der Bericht zeichnet ein Bild einer zunehmend dynamischen Bedrohungslage, in der Angreifer verstärkt auf einfache Schwachstellen setzen und KI-Tools einsetzen, um diese schneller zu identifizieren.
Laut IBM beobachtete X-Force einen Anstieg um 44 Prozent bei Angriffen, die mit der Ausnutzung öffentlich erreichbarer Anwendungen begannen. Häufig lagen die Ursachen in fehlenden Authentifizierungskontrollen oder unzureichend abgesicherten Schnittstellen. Gleichzeitig nahmen Aktivitäten von Ransomware- und Erpressungsgruppen um 49 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu, während die öffentlich gemeldeten Opferzahlen um rund 12 Prozent stiegen.

Insgesamt war die Ausnutzung von Sicherheitslücken bei etwa 40 Prozent der im Jahr 2025 beobachteten Vorfälle der wichtigste Angriffsvektor. Besonders aufmerksam macht der Bericht auch auf Infostealer-Malware. Diese führte im Jahr 2025 zur Offenlegung von über 300.000 Zugangsdaten zu ChatGPT-Konten. IBM weist darauf hin, dass kompromittierte Chatbot-Zugänge nicht nur Zugriff auf Daten ermöglichen können, sondern auch manipulierte Antworten oder bösartige Prompts einschleusen könnten.
Mit diesen Ergebnissen unterstreicht IBM seine Positionierung im Bereich Unternehmens- und Sicherheitssoftware, einem Marktsegment, das angesichts wachsender Cyberrisiken strukturell an Bedeutung gewinnt.
Regierungsauftrag und solide Geschäftszahlen als Fundament
Zusätzliche operative Impulse liefert ein neuer Auftrag aus dem US-Behördenumfeld. IBM erhielt einen Rahmenvertrag mit einem Gesamtvolumen von 112 Millionen US-Dollar über eine Laufzeit von bis zu fünf Jahren. Für die Defense Commissary Agency soll der Konzern weltweit Preisdisplay-Systeme modernisieren. Vorgesehen sind Upgrades an 177 Standorten in den USA sowie Neuinstallationen an 58 internationalen Standorten in zwölf Ländern. Das Projekt umfasst neben der Hardware auch Wartung, Softwarelizenzen, Sicherheitsmaßnahmen, Schulungen und laufenden Support.
Operativ befindet sich IBM zuletzt in einer vergleichsweise stabilen Phase. Im vierten Quartal meldete der Konzern ein Umsatzwachstum von 9 Prozent und damit das stärkste Wachstumstempo seit mehr als drei Jahren. Besonders dynamisch entwickelte sich das Softwaregeschäft mit einem Plus von 11 Prozent, während die Infrastruktursparte um 17 Prozent zulegte. Der Umsatz mit IBM-Z-Systemen stieg sogar um 61 Prozent.
Auch beim Cashflow zeigte sich eine deutliche Verbesserung. Der Free Cashflow erreichte im Jahr 2025 rund 14,7 Milliarden US-Dollar, was einem Anstieg von 16 Prozent entspricht und zugleich den höchsten Wert seit mehr als zehn Jahren darstellt. Für das Jahr 2026 stellt das Management ein währungsbereinigtes Umsatzwachstum von über fünf Prozent in Aussicht. Im Softwaresegment werden etwa 10 Prozent Wachstum erwartet, während der Free Cashflow auf rund 15,7 Milliarden US-Dollar steigen soll.
Trotz dieser operativen Zahlen spiegelt der Aktienkurs die Unsicherheit rund um die KI-Diskussion wider. Mit 214,30 Euro notiert die Aktie deutlich unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt. Zwar kam es zuletzt zu einer leichten Erholung, dennoch bleibt die Entwicklung der vergangenen 30 Tage klar negativ. Im Mittelpunkt der kommenden Wochen steht daher die Frage, ob IBM die Diskussion rund um COBOL und KI drehen kann und sich als zentraler Anbieter für die Modernisierung komplexer IT-Landschaften positioniert. Gleichzeitig könnten die steigende Nachfrage nach Cybersecurity-Lösungen sowie zusätzliche Impulse aus dem Behörden- und Verteidigungssektor eine wichtige Rolle für die weitere Wahrnehmung des Konzerns spielen.